466
erkrankte. Du wirst Dich deshalb auch um ihn ein wenig kümmern müssen."
„Gewiß, Du kannst darauf rechnen. — Und nun — glückliche Reise, mein Junge! Kehre mir mit roten Backen und mit blanken Augen zurück. Die leidigen Grillen aber wirf in den tiefstein Slbgrund, an dem Dein Weg Dich vorüberführt."
Die Räder setzten sich in Bewegung, und Rudolf Irnberg lehnte sich mit geschlossenen Augen tief in die Polster, um jedem lästigen Annäherungsversuch seiner Reisegefährten von vornherein vorzubeugen.
Es war des Lobes nicht zu viel gewesen, das Doktor Volkmar dem herrlich gelegenen Tiroler Luftkurort gespendet hatte. Etwas stiller und naturwüchsiger freilich hätte sich Rudolf Jmberg seine Umgebung wohl gewünscht. Es waren für seinen Geschmack zu viele Sommergäste in theatralisch zurechtgestutzter Gebirgstracht da, und in dem großen Hotel, aus dem er sich schon am ersten Tage in eine der abgelegenen kleinen Pensionen geflüchtet hatte, ging es ihm zu weltstädtisch vornehm und geräuschvoll zu.' Er war fest entschlossen, keine Bekanntschaften anzuknüpfen, und die erste Woche seines Aufenthalts war fast schon vorüber, ohne daß er diesem Vorhaben hätte untreu werden müssen. Freilich war er in dieser ganzen Zeit jeder Berührung mit anderen Touristen beinahe ängstliche ausgewichen und hatte für seine Spaziergänge stets nur solche Wege gewählt, von denen er wahrnahm, daß sie sich bei den übrigen geringerer Beliebtheit erfreuten. Die wohlthätige Wirkung auf seinen Gemütszustand aber, die er von der Einsamkeit erhofft, hatte sich bisher nicht gezeigt.
Margarete Willisens Schicksal beschäftigte fast unausgesetzt seine Gedanken, und je gewisser alle seine Grübeleien mit der Erkenntnis enden mußten, daß dieses Schicksal jetzt, nachdem sie ihre Strafe verbüßt hatte, als ein unabänderliches anzusehen sei, desto trübseliger war die Stimmung, die sie ihm hinterließen.
Die Beschaffenheit der Wege in der Umgebung des Kurortes und ein vortreffliche ausgebildeter Ortssinn gestatteten Rudolf, seine Ausflüge ziemlich weit auszudehnen, ohne daß er sich durch die meist recht unerfreuliche Gesellschaft eines Führers gegen die Gefahr des Verirrens hätte sichern müssen. Auch! wenn er einmal unversehens etwas höher in die Berge hinaufgeraten war oder sich in irgend ein pfadloses Seitenthal gewagt hatte, war er doch vor Eintritt der Dunkelheit stets wieder auf bekannter Straße gewesen, oder ein Blick in die mitgesührtr Karte hatte ihn rasch orientiert.
Eines Abends am Ende der ersten Woche aber mußte er zu seiner unangenehmen Ueberraschung inne werden, daß er bei dem Eindringen in eine verlockende Waldwildnis doch etwas zu leichtfertig gewesen war. Der schmale, selbst für seine scharfen Augen an vielen Stellen kaum erkennbare Birschpfad, den er seit dem Beginn der Dämmerung thalwärts verfolgt hatte, in der sicheren Erwartung, auf ihm endlich an einen richtigen Weg zu gelangen, hörte plötzlich, vor einer steilen Geröllhalde auf, die er nur mit äußerster Lebensgefahr hätte passieren können. Und während er noch unschlüssig dastand, nahm die Dunkelheit so schnell zu, daß seine Hoffnung, sich in der unwegsamen Einsamkeit zurechtzufinden, von Minute zu Minute eine geringere werden mußte.
Er wußte, daß er nicht mehr weit von seinem Standquartier entfernt war, aber es gab hier ringsumher der schroffen Felsabstürze so viele, daß ein einziger unglücklicher Schritt, wie er ja in der Finsternis nur zu leicht möglich war, ihm zum Verderben gereichen konnte. Darum machte er sich bereits halb und halb darauf gefaßt, die Nacht hier oben irrt Bergwalde zuzubringen — eine Aussicht, die immerhin so wenig verlockend war, daß er auf die schwache Möglichkeit hin, die Aufmerksamkeit eines in der Nähe befindlichen menschlichen Wesens zu erregen, zunächst doch noch einige kräftige Juchzer erschallen ließ.
Wie er es nicht anders erwartet hatte, verhallten die ersten von ihnen, ohne eine Antwort zu finden- Dann aber fühlte er sich um so freudiger überrascht, als eine hell und jugendlich klingende Stimme, ohne allen Zweifel
die Stimme eines weiblichen Wesens, seinen Ruf zurückgab. Er wiederholte ihn, und jetzt ertönte aus dem Walde oberhalb seines Standorts, offenbar nur um ein Geringes von ihm entfernt, ein so glockenreiner Jodler, daß er über dem Vergnügen, ihm zu lauschen, seine unbehagliche Lage beinahe ganz vergessen hatte. Zum Glück jedoch erinnerte er sich ihrer noch früh genug, um die unsichtbare Sängerin nicht erst wieder aus dem Bereich seiner Stimme entschwinden zu lassen.
„Ich habe den Weg verloren", rief er hinauf. „Möchten Sie mich nicht aus Menschenfreundlichkeit zurechtweisen?"
Eine halbe Minute lang blieb es still, dann fragte es fast unmittelbar über ihm wie eine Stimme vom Himmel: „Wollen Sie ins Dorf hinunter? Und auf dem kürzesten Wege?"
Er sah hinauf. Es war eben noch hell genug, daß er die obere Hälfte einer schlanken Mädchengestalt erspähen konnte, die sich, seiner Meinung nach etwas tollkühn, über den Rand eines klippenartig vorspringenden Felsabhanges bog. —
, „Das möchte ich allerdings. Aber ich bitte Sie um des Himmels willen, mein Fräulein, seien Sie vorsichtig — Sie können ja abstürzen."
Ein helles, übermütiges Lachen bewies ihm, daß die Gewarnte seine Besorgnis sehr belustigend fand.
„Ich nicht, mein Herr! Sie aber befinden sich in der That bereits auf dem kürzesten Wege in das Dorf. Nur noch ein paar Dutzend Schritte nach rechts, und Sie können einfach hinunterspringen. Dafür, daß Sie mit heilen Gliedern unten anlangen werden, möchte ich freilich keine Bürgschaft übernehmen."
„Ich danke für die freundliche Auskunft, aber ich würde unter solchen Umständen doch einen anderen Weg vorziehen, selbst wenn er etwas länger sein sollte."
„Nun, so bleiben Sie noch ein paar Minuten lang da, wo Sie sind. Ich will hinabsteigen, um Sie zu führen; denn allein fänden Sie sich trotz aller Zurechtweisungen doch wohl schwerlich da heraus."
Rudolf hörte das Knacken von Zweigen, und das Herabrollen der kleinen Steine, die unter springenden Menschenfüßen wegglitten. Jir viel kürzerer Zeit, als er es für möglich gehalten hätte, stand die unbekannte Helferin in der Not lebhaft atmend an seiner Seite.
„Sehen Sie mich nicht an", sagte sie lachend; „denn ich glaube, ein abscheulicher Ast hat mir ein großes Loch in den Rock gerissen. Aber Sie müssen wahrhaftig ein sehr ungeübter Gebirgswanderer sein, mein Herr, wenn Sie gerade an diese Stelle geraten konnten. Eine größere Auswahl von bequemen Möglichkeiten, sich auf die eine oder die andere Weise den Hals zu brechen, hätten Sie schwerlich irgendwo hier in der Nähe gefunden."
Der Klang ihrer Stimme, und die Umrisse ihrer Gestalt hatten ihm ja schon vorhin verraten, daß sie noch jung sein müsse. Diese Vermutung fand er jetzt bestätigt. Sie trug, wie er trotz der bereits herrschenden Dämmerung noch wahrzunehmen vermochte, das übliche Kostüm einer Bergsteigerin, ein schlichtes, knappanschließendes Lodenkleid, das nur bis zu den zierlichen Knöcheln reichte, und ein allerliebstes, kokettes Tirolerhütchen mit nickender Spiel- hahnfeder. Die kleinen Hände vermochten kaum den dicken Bergstock zu umspannen, auf dem sie sich jetzt in ungesucht anmutiger Haltung stützte. Ihre Züge konnte er nicht mehr genau unterscheiden, aber er glaubte sie lächeln zu sehen; denn der Klang ihrer Stimme verriet, daß sie die hilflose Not des Fremden, dem sie als Führerin zu dienen gewillt war, von der humoristischen Seite nahm.
„Jcki bin allerdings zum ersten Mal in den Alpen", erwiderte er etwas verlegen. „Aber nie würde ich mir meine Unbedachtsamkeit verzeihen können, wenn ich denken müßte, daß Sie, mein Fräulein, sich jetzt meinetwegen in Unbequemlichkeiten oder gar in Gefahr begeben haben."
„Ja, ich konnte Sie doch nicht einfach Ihrem Schicksal überlassen! Und außerdem brauchen Sie sich nicht zu beunruhigen. Ich kenne hier jeden Stein und ich habe schon ganz andere Kletter- und Rutschpartien gemacht, als diese da. Halten Sie sich jetzt nur dicht hinter mir, dann bringe ich uns beide schon unversehrt hinunter."
Er that, wie sie ihn geheißen. Aber trotz seiner turnerischen Gewandtheit wurde es ihm keineswegs so


