Ausgabe 
18.8.1901
 
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(Nachdruck verboten.)

Der Schmetterling.

Novelle von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Siebentes Kapitel.

Doktor Volkmar, der zwei Tage später von seiner sommerlichen Erholungsreise zurückkehrte, war geradezu entsetzt über das schlechte Aussehen Irnbergs. Er zweifelte nicht, daß die hochgradige körperliche und seelische Ab­spannung, die er an dem sonst so kraftvollen und elastischen Freunde wahrnehmen mußte, in irgend einen Zusammenhang mit seinen unsinnigen Heiratsabsichten zu bringen sei; aber wie er es bisher vermieden hatte, auf den Gegenstand zurückzukommen, so that er auch fetzt keine Frage.

Mit aller Entschiedenheit bestand er nur darauf, daß Rudolf etwas zur Kräftigung seiner Gesundheit thue, was ja um so leichter zu ermöglichen war, als fast noch die Hälfte der Gerichtsferien vor ihnen lag, und die kleine Zahl der Feriensachen ohne Mühe von Volkmar selbst be­arbeitet werden konnte. Er hatte gefürchtet, daß Jmberg seinem Andrängen hartnäckigen Widerstand entgegensetzen würde, aber er sah zu seiner Freude, daß diese Besorgnis eine grundlose gewesen war.

Zwar erklärte der junge Rechtsanwalt zuerst, daß er keine Erholung brauche und daß er sich's überlegen wolle, doch! schon am nächsten Morgen sagte er:Du hast recht es wird mir gut thun, wenn ich auf ein paar Wochen fortgehe. Von besonderer Reisesehnsucht freilich verspüre ich herzlich wenig, aber das Vergnügen an der Sache stellt sich vielleicht ein, wenn ich erst einmal unterwegs 6m."

Doktor Volkmar verhehlte die Genugthuung nicht, die er über die vernünftige Nachgiebigkeit seines in manchen anderen Dingen so eigensinnigen Mitarbeiters empfand.

Und hast Du Dich auch über das Ziel Deiner Ferien­fahrt schon schlüssig gemacht?" fragte er.

Rudolf Jmberg verneinte.Es ist mir vollkommen gleichgiltig, wohin ich gehe. Du bist ja ein vielgereister Mann, vielleicht kannst Du mir einen Rat geben."

Mehr als das, mein Junge. Ich! werde mir sogar herausnehmen, ein wenig Vorsehung für Dich zu fpielen. Geh nur nach Hause, Deinen Koffer zu packen. Ich werde Dir heute abend das fertig zusammengestellte Rundreise-

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fie Menschen sollen sich einander bei den Händen fassen und nicht nur gut sein, sondern auch froh. Die Freude ist der Sommer, der die inneren Früchte färbt und schmilzt. I. Paul.

billet bringen, und am Ende ist es ja früh genug, wenn Du alsdann erfährst, welche Sommerfrische ich! für Dich ausgewählt habe."

Rudolf hatte nichts gegen diese etwas eigenmächtige Erledigung einzuwenden. Er zeigte weder Mißvergnügen noch freudige Ueberrafchging, als er am Abend erfuhr, daß er über München und Innsbruck in die Tiroler Berge fahren solle.

Natürlich treibe tcty die Bevormundung nicht so weit, daß ich! Dir für die ganze Dauer Deiner Reise einen be­stimmten Aufenthalt vorgeschrieben hatte", sagte Volkmar, aber ich denke, der Ort, wo ich heute Wohnung für Dicht bestellt habe, ist wie für Dich geschaffen. Nicht zu einsam und nicht zu sehr von Touristen und Sommerfrischlern überfüllt, nicht zu primitiv und nicht zu elegant, mitten in herrlicher landschaftlicher Umgebung. Gefällt er Dir aber nicht, kannst Du ja Deinen Stab zu jeder Stunde ganz nach Belieben weitersetzen."

Rudolf dankte ihm für seine freundschaftliche Fürsorge, und ehe er ihm am nächsten Morgen auf dem Bahnhof zum letzten Male die Hand drückte, sagte er:Tu wirst Dich inzwischen hier und da über das Ergehen der Frau Willisen und ihrer Tochter unterrichten, nicht wahr? Na­türlich so zart und diskret als möglich, und vor allem so, daß sie nicht in mir die Veranlassung dazu erblicken können."

Soll bestens besorgt werden, obwohl mich! der Auf­trag einigermaßen wunder nimmt. Wirst Du denn während Deiner Abwesenheit nicht mit ihnen korrespondieren?"

Nein. Und damit es nicht etwa zu peinlichen Miß-- verständnissen kommt, so erkläre ich Dir: Ich werde Fräu­lein Willisen nicht heiraten."

Nicht? Na, ich wußte es ja, daß Du noch recht­zeitig zur Vernunft--"

Vergieb, wenn ich Dich- unterbreche. Ich werde fie nicht heiraten, weil sie vor einigen Tagen meinen Antrag rundweg zurückgewiesen hat."

Zurückgewiesen? Ist es mögliche? Und mit welcher Begründung?"

Mit der, die ich verdient hatte. Ich meinte, sie nicht belügen zu dürfen, indem ich ihr eine leidenschaftliche Zuneigung vorheuchelte, und sie ist zu stolz, sich einem Manne zu geben, der ihrer Ueberzeugung nach nur aus Mitleid um sie wirbt."

Ein seltsames Mädchen wahrhaftig! Aber jeden­falls ist es so am besten für Dich wie für sie. Sei ver­sichert, daß ich ein wachsames Auge auf das Schicksal der beiden Frauen haben werde."

Ich danke Dir. Und noch eins: Mein Vater ist ein alter Mann es kann ihm etwas Menschliches zustoßen, und wie wir miteinander stehen, würde er mich vielleicht nicht einmal davon in Kenntnis setzen lassen, wenn er