403

die von dort kommen, in Fahrenheitgraden ausgedrückt sind, und daß. die gemeldete heiße Temperatur nur um wenige Grade höher ist, als bei uns an den heißesten Sommertagen.

Die Menschheit von heute will nicht mehr schwitzen. Von dieser Thatsache kann man sich schnell durch! eine Umfrage unter den Bekannten überzeugen, von denen gewiß neun Zehntel den Winter dem Sommer vorziehen, während höchstens einer unter zehn der unendlichen Vorzüge des licht- und wärmereichen Sommers mit seinen langen Tagen und kurzen Nächten anerkennt. Wenn man am Ende eines langen Winters bei seiner Gesundheit das Ergebnis zieht und mit einer erheblichen Unterbilanz abschließt, dann hofft mau wohl auf die Heilwirkung der wärmeren Jahreszeit; sobald aber der Reaumur-Thermometer mehr als 20 Grad zeigt, möchte man am liebsten den Eiskeller zum Stand­quartier niachen. Besonders unsere Damenwelt leistet darin großartiges, wenn sie sich bei den ersten schüchternen Strahlen der Frühlingssonne ängstlich hinter ihren Sonnen­schirm verstecken, um ja die Entstehung von Sommersprossen zu verhüten, und wenn sie unsere Zimmer, deren Tape- zierung glücklicherweise wieder hellere Farben bevorzugt, durch schwere dunkle Uebergardinen und dichte Stores in finstere Eulenhorste verwandeln, in denen ja auch Mann und Kinder leben sollen, die gewiß nicht zum Nachtgetier gehören wollen.

Leider wissen die wenigsten, wie schlecht sie ihrer Ge­sundheit damit dienen, wenn sie jedem Sonnenstrahl, jedem zu vergießeudeu Tropfen Schweiß, ängstlich aus dem Wege gehen. Tas Leben in den modernen Großstädten ist ja, trotz aller Fortschritte der Hygiene, kein zweckentsprechendes; denn wenn man am Morgen so spät aufsteht, daß! man gerade noch sein Frühstück verzehren kann, sich dann auf die Straßenbahn setzt, um zum Kontor oder Bureau zu gelangen, und nachdem man mehrere Male hinein-, und hinausgefahren ist, den Abend mit einem bis Mitternacht währenden Aufenthalt auf der Loggia der eignen Wohn- nung oder in einem Biergarten beschließt, ist der Körper zu kurz gekommen, der, um sich gesund zu erhalten, ein reicheres Maß von Bewegung beansprucht.

Diese körperliche Bewegung, welche uns Stadtmenschen eben so sehr zu unserem Schaden abgeht, ist das einzige Mittel, sich jung und gesund zu halten. Der Vergleich des menschlichen Organismus mit einer Maschine, die Heiz­material verbraucht und dafür Arbeit leistet und Kraft zur Verfügung stellt, ist tausendfach gebraucht und alt. Nichtsdestoweniger muß! immer wieder darauf hingewiesen werden, daß, wenn die menschliche Maschine täglich ihr Heizmaterial beansprucht, dafür auch fozusageu Schlacken entstehen, die im Wege des Stoffwechsels entfernt iverden müssen. Dieser Stoffwechsel erfolgt nun bei Mensche« mit sitzender Lebensweise viel zu langsam. Daß die beiden hierher gehörigen Prozesse, welche sich zuerst der sinnlichen Wahr­nehmung darbieten, bei Hunderttausenden viel zu schlaff arbeiten, beweist der stets zunehmende Besuch! der Bäder mit abführenden und harntreibenden Trinkquellen wie Karlsbad, Marieubäd, Wiesbaden, Salzschlirf u. s. w., und unzählige Menschen, bei denen die vegetativen Lebens­äußerungen sich langsam vollziehen, müßten zu Grunde gehen, wenn nicht die Hautausdünstung den größten Teil dessen gut machte, was im übrigen Stoffwechsel unter­blieben ist.

Tas Schwitzen ist nun nichts anderes als die nachhal­tigste Form der Hautausdünstung. Wie bedeutend diese ist, geht daraus hervor, daß ein Mensch von mittlerein Gewicht von 70 Kilogramm, der zwei einen halben Liter Flüssigkeit den Tag zu sich! nimmt, reichliche ein Drittel davon, auch, wenn er dabei keinen Tropfen Schweiß vergießt, auf dem Wege der Hautatmungen von sich giebt, während sich bei korpu­lenten Leuten mit reichlichem Flüssigkeitsgenuß der durch gewöhnliche Hautatmung und Schwitzen herbeigeführte Flüssigkeitsverlust sowohl prozentmäßig als auch nach ab­soluter Menge gemessen noch bedeutend erhöht.

Diese sehr bedeutende Abgabe von Schweiß ist nur dadurch, möglich daß unsere Haut mit zahllosen Schweiß­drüsen bedeckt ist. Jede Schweißdrüse besteht nun aus einem einfachen mehr oder weniger gewundenen Gange und dem am untersten Ende desselben befindlichen, eigentlich den Schweiß absondernden Drüsenknäuel, in dem sich unter

dem Einfluß, der zu jeder Drüse führenden Nervenendig­ungen die Schweißabsonderung vollzieht. Tie Schweißdrüsen sind nun zwar über die verschiedenen Teile der Körper- oberfläche sehr ungleich verteilt; denn während inan am Nacken und Rücken nur etwa durchschnittlich« 50 bis 60 Schweißdrüsen auf dem Quadratzentimeter Haut zählen kann, kommen auf die gleichen Flächenräume an Hals und Stirn etwa 200, am Handrücken 250 und an Hohlhand und Fußsohle über 400. Im Durchschnitt besitzt jeder Mensch etwa 2 500 000 Schweißdrüsen, deren absondernde Gesamt- oberfläche mit 30 Quadratmeter Fläche sehr mäßig einge­schätzt ist.

Wenn wir also nun durch die Haut mit einer Flache ausatinen, welche derjenigen emes stattlichen Zimmers von 6 Meter Länge' und 5 Meter Breite gleichkommt, so kann sowohl die ausgeatmete Menge Flüssigkeit als auch die bedeutende Menge giftiger Abfallstoffe nicht mehr in Er­staunen versetzen, die auf diesem Wege aus dem Körper entfernt werden.

Man hat nun zwar den gesundheitlichen Wert des Schwitzens schon vor Jahrtausenden gekannt, und gewußt, daß man bei rechtzeitiger Anwendung desselben nicht nur verschiedenen Gesundheitsstörungen Vorbeugen, sondern auch bereits ausgebrochene Krankheiten heilen kann; es blieb aber erst der neueren Zeit und zwar der analytischen Chemie und der Bakteriologie Vorbehalten, asWarum" zu ergründen. Wenn man nämlich den natu ich en Körper- schweiß des Menschen sammelt und von demselben einem Versuchstiere auch nur Bruchteile eines Kubikzentimeters unter die Haut spritzt, so geht dieses Tier an Vergiftungs­erscheinungen zu Grunde, welche große Aehnlichkett mit den­jenigen nach dem Biß einer Giftschlange oder nach Behaftnng mit Leichengift haben. Dasselbe geschieht, wenn man die menschliche Ausatmungsluft durch Wasser filtriert und mit diesem, welches nun natürlich auch« mit giftigen Stoffwechsel- Produkten beladen ist, impft. Endlich hat man, von der Vermutung ausgehend, daß sich in den Poren der mensch­lichen Haut Millionen von Bakterien aufhalteu, den Gehalt des Badewassers an bakteriellen Keimen festgestellt und dabei gefunden, daß natürlich« nach dem Gebrauch das Wasser eines heißen Bades etwa viermal mehr bakterielle Keime enthält als dasjenige eines gewöhnlichen lauen Rei- nignngsbades. Untersucht man nun den Keimgehalt des menschlichen Schweißes, wie man ihn etiva in einem heißen Luftbad anfsammeln kann, so kommt man auf geradezu schreckcuerregende Zahlen, da ein einziger Kubikmeter Schweiß nicht selten viele Zehntausende bakterieller Keime enthält.

Aus allen diesen Versuchen geht hervor, daß durch Schwitzen und langandauernde heiße Bäder, denen ein mäch­tiger Schweißausbruch folgt, der Körper nicht nur von Milliarden jener verdächtigen Eindringlinge, die in der Haut nisten, befreit wird, sondern daß damit auch! regel­mäßig alle jenen schlechten Säfte entfernt werden, welche, die Ursache zahlloser Beschwerden sind, und bei größerer Anhäufung im Körper zu nicht zu hebenden Schädigungen führen können. Zu alledem tritt nun noch« die Erfahrungs- thatsache, daß zahlreiche Krankheit verursachende Kleinlebe­wesen, welche sich bei unserer Körpertemperatur von 37 Grad Celsius am wohlsten fühlen, die Erhöhung der Blut­wärme um 2 bis 3 Grad, lute sie einem Schwitzbade folgt, nicht zu ertragen vermögen, sondern absterben.

Man sieht also, daß das Sck,Witzen teilt so übles Schutz­mittel gegen alle Erkrankungen ist, und der Umstand, daß auf der Krisis aller schweren, zehrenden und mit hohem Fieber verbundenen Infektionskrankheiten der Eintritt des lösenden Schweißes den Anfang der Gesundheit bedeutet, spricht lauter und eindringlicher für dessen Nutzen, als dicke Bücher. Bei Erkältungen, Rheumatismus und Gicht ist das ja längst anerkannt; aber auch! bei vielen anderen krankhaften Zuständen sollte man mehr als bisher auf diese Heilmethode Gewicht legen. Jedenfalls ist es für alle stark beleibten Personen, die man entweder bemitleidet oder verspottet, wenn ihnen der Schweiß von der Stirne perlt, ein Ableitungsmittel von höchster Bedeutung, und wer in der Hundstagshitze, mit stattlicher Wohlbeleibtheit behaftet, schweißtriefend daherwaitdelt, möge sich bei den zahllosen mehr oder minder harmlosen Neckereien, denen er zeitlebens ausgesetzt ist, gegenwärtig halten, daß er dabei gesünder ist als derjenige, dessen Haut ein undurchlässiges Pergament ist.