Ausgabe 
18.7.1901
 
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Als ich mich meldete blinzelte mir der Leutnant ver­ständnisvoll zu und sagte:Na, wir werden Won mit­einander fertig werden."

Tas glaubte W auch; als wir nachher durch! das Städtchen marschierten, trat ich einen Augenblick aus, kaufte mir in einem Buchbinderladen ein dickes Notizbuch und einen ellenlangen Bleistift und nun konnte es meinet­wegen losgehen.

Wir kamen tit Wambach an. Für mich war Quartier 6et dem Lehrer gemacht, und der Fähnrich von Hiller lag mit mir zusammen. Ter kleine Kerl teilte meinen Jubel. Er hatte noch keine größere Uebung, noch kein Manöver mit­gemacht, es war sein erster Ausflug aus der Garnison. Nur schillerte seine Freude noch, etwas ins Kindliche, Aus­gelassene hinüber. Er war erst siebzehn Jahre alt. Seine Dankbarkeit gegen alle Welt kannte keine Grenzen. .Den Lehrersleuten gegenüber bewies er sie, indem er von sämtlichen aufgetragenen Gerichten so reichliche Portionen genoß, als ob er in .feinem Leben noch nicht satt geworden wäre und nun versuchen wollte, tote das eigentlich, thut.

Ich, selbst hatte wenig Appetit. Tie Verantwortlichkeit meines Amtes lastete auf mir. Ich: nur so viel, als nötig war, um nicht unhöflich zu erscheinen; dann schnallte ich: meinen Säbel wieder um, steckte das dicke Notizbuch zwischen den ersten und vierten Knopf meines Drillich- rockech und ging mein Reich zu besehen. Der Feldwebel des Kantonnements!

Langsam schritt ich die Straße hinab, mit Falken­augen jedes Haus musternd. Die Leute standen vor den Thüren und putzten ihre Sachen. Hier und da fragte ich einen Manu, ob er mit seinem Quartier zufrieden sei. O, sie waren alle zufrieden. Ich auch, Das ging ja famos! Ganz von selbst. Halb so schlimm, die ganze Feldwebelei!

Alsdann begab ich, midj zum Leutnant, um ihm den Dienst für den nächsten Tag zu bringen. Er saß noch bei Tisch .im Gutshause, kam aber gleich heraus.

9htn, mein Lieber, wann sollen wir morgen früf) am Schießplatz sein?"

Acht Uhr dreißig, Herr Leutnant."

Utid wie lange marschieren wir?"

Zwei gute Stunden, sagen die Leute."

Ach, wissen Sie, was die Leute sagen, daraus kann man nicht viel geben. Also, wann wollen ioir antreten?"

Ich denke, um sechs Uhr, Herr Leutnant."

Ach, warum nicht gar! Nachher können wir dort wer weiß wie lange warten. Wissen Sie, wenn die Leute sagen, zwei Stunden, dann kamt man sicher sein, daß es nur andert­halb sind. Sagen wir also sechs Uhr dreißig. Dann haben wir zwei volle Stunden vor uns."

Herr Leutnant . . ." versuchte ich, schüchtern einzu­wenden.

Er wurde ungeduldig.Was dann? . . . Nein, das ist früh genug. Sechs Uhr dreißig. Es ist gut, ich danke Ihnen."

Er nickte und kehrte ins Zimmer zurück. Hinter ihm trug das Dienstmädchen einen neuen Gang hinein, junge Hähnchen mit eingemachten Aprikosen. Ich schob ab.

Meinetwegen", brummte ich vor mich hin,mir kann's ja gleich, sein. Wenn wir zu spät kommen, na, ihm sagt der Alte ja nichts."

Unterwegs kam der kleine Fähnrich an mich, heran. Er hatte unterdessen seine Dankbarkeitsgefühle erschöpft. Herr Feldwebel", fing er an,tote lange marschieren wir morgen?"

Zwei Stunden."

Tas ist ja großartig! Wenn's nicht mehr ist! Da kattn ich mir meine neuen Stiefel vertreten."

Diese neuen Stiefel! Von denen erzählte er nun schon, so lange meine Uebung dauerte. Sie waren nach: feinen eigenen Angaben vom Bataillonsschuhmächer gebaut, wahre Kunstwerke der Schuhverfertigung, wie er sestbst begeistert sagte. Auf Rand genäht, schmal, zierlich und doch, bequem, von einer entzückenden Schlankheit in der Knöchelgegend und inwendig mit Rot ausgesteppt, kurz, Jdealstiesel. Bloß tragen hatte er sie noch, nicht können, weil er sich vor dem ersten Mal fürchtete. Aber morgen kamen sie dran, das war eine ausgezeichnete Gelegenheit, sie einzuweihen.

Ich schlief wenig in dieser Nacht. Sobald der Tag graute, war ich auf, lief im Torfe umher und holte meine

Leute aus den Betten. Damit sich mir ja keiner verspätete! Pünktlich sechs Uhr dreißig standen wir vor dem Gutshäuse. Der Bursche sah aus dem Fenster.Der Herr Leutnant säße noch, beim Kaffee." Ich! verzappelte mich; beinahe während der nächsten fünf Minuten. Dann kam er über den Hof gerasselt, noch damit beschäftigt, sich die Handschuhe anzuziehen. Schon von weitem kommandierte er:Das Ge­wehr über! Ohne Tritt marsch!" Daraus setzte er sich mit ein paar Sprüngen an die Spitze und fing mit seinen langen Beinen so grimmig an auszuschreiten, daß ich, der ich in dieser Hinsicht auch nicht unbegabt bin, die größte Mühe hatte, an seiner Seite zu bleiben. Hinter uns schnaufte der Zug.

Und er hielt mir einen Vortrag.Wissen Sie", sagte er,je mehr man den Leuten zumutet, desto mehr leisten sie. Und es ist sehr gut, wenn man ihnen von Zeit zu Zeit mal was ordentliches zumutet. Die Kerle haben ja heute weiter nichts zu thun. Eine Stunde lang im Sande zu liegen und zu schießen, das ist doch, keine Leistung. Nee, so ein Gewaltmarsch ist eine sehr erfrischende Sache."

Sobald es ein Stück bergab ging, kommandierte er: Laufschritt marsch, marsch!" Und im Hnndetrab ging's die Anhöhe hinunter. Wir kamen schnell vorwärts, aber der Weg zog sich erbärmlich in die Länge. Der kleine Fähnrich, der anfänglich dicht hinter uns gestampft war und hier und da ein fröhliches Wort hatte hören lassen, war mit einemmal verMmmt. Ich sah mich nach ihm um und gewahrte ihn ganz hinten am Ende des Zuges, wo er sich in einer merkwürdigen hüpfenden Gangart fortbewegte. Aha, dachte ich, die Jdealstiefel! Ich, konnte ihm aber nicht helfen, vorwärts mußten wir. Die letzte Viertelstunde legten wir in andauerndem Sturmschritt zurück, die Uhr in der Hand und jeden Hundertmeterstein zählend. Drei Minuten vor der festgesetzten Zeit meldete der Leutnant dem Hauptmamie seinen Zug.

Nachdem die Gewehre zusammengesetzt toaren, suchte ich meinen Fähnrich auf. Er saß auf einem Rain und bemühte sich, ein unbefangenes Gesicht zu machen, schielte aber dabei nach seinen Füßen, die in den Graben hinab­baumelten, als ob sie nicht zu ihm gehörten. Als ich ihn anredete, verzog , er mit einem gewaltsamen Ruck sein rot­glühendes Antlitz zu einem forschen Lächeln und sagte:

Schließlich hätte er eine Viertelstunde früher auf­stehen können. Aber wenn's nun einmal nicht anders ist, dann wird's eben geschafft."

Die Sache war also gut abgelaufen, und der Leutnant war auf dem Heimweg sehr vergnügt.

Wann sollen wir nun morgen da! sein?" fragte er.

Um dieselbe Zeit, Herr Leutnant." Machen wir's wieder so, wie heute." Ich. sah: ihn ganz verdutzt von der Seite an. Er lachte.Oder vielleicht nicht? Weshalb denn nicht? Cs war doch sehr nett heute . . . Was, Hiller", rief er dem Fähnrich zu, der wieder hinter uns marschierte,war's nicht sehr hübsch, heute früh, der Marsch?"

Sehr hübsch, Herr Leutnant", kam es prompt zurück. Forsch!"

Na also! Da hören Sie es ja^'1

(Schluß folgt.)

Der Wert des Schwitzens.

Eine gesundheitliche Betrachtung für die heißen Tage. Von Dr. RudolfCurtius.

(Nachdruck verboten.)

Wenn auf einen langen und strengen Winter ein rauhes und unfreundliches Frühjahr folgt, das uns zwingt, dem kohlenfrefienden Ofen, wie es zuweilen der Fall war, noch im Mai die schwarzen Diamanten haufenweise in feinen unersättlichen Bauch zu werfen, klagt männiglich über die Unbilden der Witterung. Wenn sich aber dann des Himmels Schleusen schließen und Helios, im Strahlen­glanze lächelnd, die Fluten auftrocknet und den Schaden wieder gut machen will, jammert sofort alles über die un­erträgliche Hitze, und mit grimmigem Behagen liest man baust,' daß es anderswo besonders häufig ist da von Nordamerika die Rede noch viel, viel heißer ist, wobei allerdings stets vergessen wird, daß die Temperaturangaben,