(Nachdruck verboten.)
Wie ich Feldwebel wurde nud blieb.
Militärhumoreske von Otto A n t h! e s.
So ein Vizefelöwebel der Reserve ist das überflüssigste Geschöpf unter der Sonne. Wenn er sich, zur schönen Maienzeit in zwei oder drei Exemplaren bei der Kompagnie em- stjellt,! den nagelneuen Sähel (knapp um die Lenden geschnallt, die Brust von Stolz und Watte geschwellt, dann hält rhm der Hauptmann eine schwungvolle Rede, in der er alles mögliche von dem Neueingetretenen erwartet, vor allem aber „Interesse am Dienst". Tritt aber der Unglückswurm am nächsten Tage an mit dem festen Entschluß, den Mond herunterzuholen, wenn es verlangt werden sollte, so stprzt er aus einer Enttäuschung in die andere. Er findet uänmch nicht die geringste Gelegenheit, sein riesenhaftes Interesse zu bethätigen. . , , ,
Ist großer Dienst, so ist anfänglich überhaupt kem Platz für ihn vorhanden. Zuletzt wird er noch irgendwo, als schließender Unteroffizier untergebracht, wo er srch dann einzig und allein dadurch, auszuzeichnen vermag, daß er jeden Vorbeimarsch, verdirbt, weil er die Richtung, in der Unteroffizierslinie nicht einhält. Ist kleiner Dienst, -uf dem Kasernenhofe, dann ist die Sache womöglich noch Glimmer, dann ist er erst recht an allen Ecken überflüssig. Tritt er an eine exerzierende Abteilung heran, um etwa oer Richtung ein wenig nachzuhelfen, dann wirft ihm der jüngste Gefreite einen so seltsamen, aus Neugierde und grenzenlosem, Erstaunen gemischten Blick zu, daß, er für die nächste halbe Stunde genug hat. Erlaubt er srch gar, bei einer anderen Gruppe ein paar Worte einsließen zu lassen, vielleicht nur: „Auf den Kolben drücken!" oder „Der zweite Mann vom rechten Flügel — die rechte Schulter vor!", dann nimmt ihn der Leutnant vertraulich, auf dre Seite und gießt ihm zu verstehen, daß er das besser den aktiven Unteroffizieren überließe. Und wenn er sich, am Ende, ary Erfolg seiner Bemühungen verzweifelnd, in einer stillen Ecke des Kasernenhofes mit seinen Leidensgenossen zusammenfindet, um mit ihnen die neuesten Witze ans- zutauschen, dann ertönt ganz bestimmt die Stimme des Hauptmanns: „Die Vizefeldwebel der Reserve! Ich muß Sie doch, dringend bitten, etwas mehr Interesse am Drenst zu zeigen."
Und wie mit den Vorgesetzten, so ergelst's dem armen Vizespieß, mit den Leuten. Hält er sich, patent, dann ist er
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liebe im Munde und eine Lunte in der Hand sind böse Prediger. Sprichwort.
ein „Affe": läßt er sich, gehen, ein „Schlappsflefel". Tritt er entschieden auf und kehrt den Befehlshaber heraus, dann ist er ein eingebildeter „Sommersoldat"; läßt er btc Leute machen, was sie wollen, dann versteht er nichts voni Dienst. Es ist einfach eine Qual.
Auf diese Weise hatte ich, die ersten sechs Wochen meiner Uebung verlebt, und! yiein von Natur heiteres Gemüt begann sich, bereits mit düsteren Schatten zu färben. Da kam die Nachricht, daß, das Bataillon zu einer dreitägigen Schießübung ausrücken werde. Das war ein Fest! Etidlich, einmal hinaus aus der Garnison, wo unsere Talente so gar nickst zur Geltung kamen, hinaus ins Gelände, wo man wenigstens seinen Spaß, haben konnte, wenn man sonst zu nichts zu gebrauchen war, wo es lustige Märsche, vergnügte Quartiere gab — ich lebte geradezu wieder auf bei dieser Aussicht.
Cs sollte noch, besser kommen, als ich, es mir gedacht hatte.
Wir legten den größten Teil der Entfernung mit der Eisenbahn zurück. Als wir ausgeschifft waren, rief mich, der Feldwebel zu sich'.
„Ich, habe einen Posten für Sie", sagte er schmunzelnd. „Die Kompagnie wird- geteilt; Sie kommen mit dem zweiten Zug nach Wambach und werden dort die Feldwebelgeschäste übernehmen."
Jchi schlug die Hacken zusammen. Ein unbändiger Stolz stieg in meiner Soldatenseele auf. Also doch, noch, eine Gelegenheit, meine militärischen Tugenden zu entfalten.
Der Feldwebel verstand die ehrgeizige Regung meines Herzens. In köllegialischem Tone fuhr er fort: „Was Sie dabei zu Itfhun haben, wissen Sie ja. Der Leutnant Flott führt den Zug. Melden Sie sich, bei ihm!" Darauf gab er mir noch, die Parole für den kommenden Tag und ließ mich, ziehen.
Ich, war selig. Ein Auftrag war mir geworden, so ehrenvoll, wie ihn wohl noch, kein Vizefeldwebel der Reserve bekommen hatte. Und was mein Glück, vollkommen machte — mit dem Leutnant Flott zusammen.
Tas war ein Prachtkerl. Noch ganz jung, einige zwanzig Jahre erst, bildhübsch und mit dem herrlichen leichten Mut begnadet, der in jedem Augenblick zu fragen scheint: Was kostet die Welt? Ich nehme sie für echen Dreier! Die Leute schwärmten für ihn, obgleich er unter Umständen grausig rücksichtslos sein konnte. Seine Persönlichkeit hatte sogar etwas Geheimnisvolles, Achtunggebietendes für sie. Das kam daher, weil der Hauptmann nie etwas an ihm tadelte. Ten ernsten, gesetzten, gewissenhaften Premier schnauzte er manchmal derb an; der Leutnant Flott konnte anstellen, was er wollte: der Hauptmann sagte nie ein unangenehmes Wort zu ihm. Er hatte wohl seine stille Freude au dem schneidigen Jungen, war vielleicht selbst so einer gewesen in seiner Jugend — kurzum, es war so.


