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Sie reichten einander dis Hände, und .Harro tvar überzeugt, daß es in diesem Augenblick kein Mißverständnis und keinen Mißton mehr zwischen ihnen gab. Eine kleine Weile noch sprachen sie miteinander von der Krankheit des Professors, die Hanna jetzt, nachdem sie den Patienten gesehen hatte, für eine keineswegs hoffnungslose zu halten schien, und von allerlei künstlerischen Dingen, in denen sie ein überraschend feines und sicheres Urteil an den Tag legte. Erika überließ zwar die Führung der Unterhaltung fast ausschließlich den beiden anderen; aber sie war keineswegs unfreundlich, und Harro fand durchaus nichts auffälliges in ihrer Zurückhaltung. Als Hanna erklärte, daß sie nun aufbrechen müsse, gab Professor Herbolds Tochter ihr das Geleit über den stillen Hof, und in Seligkeit leuchtend folgten die Augen des junger» Bild- hauers von einem der hohen Fenster aus der schlanken Gestalt des schönen Geschöpfes, das er binnen kurzem ganz sein nennen sollte.
-.Die Göttin des Glücks!" murmelte er lächelnd vor sich hin. „Ja, wahrhaftig, der Meister hat recht. Ich muß ein Sonntagskind sein, daß es mir beschreden war, sie zu finden und sie zu halten."
Siebentes Kapitel.
Kopfschüttelnd hatte Bernhard Sylvander aus dem Munde seiner Schwester vernommen, daß sie dem kranken Professor Herbold gestattet habe, sie zu modellieren; aber er hatte sie hierin gewähren lassen, wie er sie in allem gewähren ließ, was sie zu thun für gut hielt. So vollständig hatte er sich seit Jahren daran gewöhnt, die Schärfe ihres Verstandes und die kühle Ueber- legung in jeder ihrer Handlungen zu bewundern, daß er sie einer wirllichen Thorheit oder einer verhängnisvollen Uebereilung überhaupt nicht fähig glaubte, und deshalb auch da keinen ernstlichen Versuch machte, ihre Entschlüsse zu beeinflussen; wo er nicht mit ihnen einverstanden war oder sie nicht recht begriff. Zudem hatte sich ihr Verhältnis, das von jeher ein sehr freundschaftliches gewefen war, während dieses nunmehr vierzehntägigen Zusammenlebens so herzlich und angenehm gestaltet, wie er es nach Hannas ersten Aeußerungen über seine Verlobung kaum zu hoffen gewagt hatte. Sie scyien sich mit der Thatsache dieses Herzensbündnisses, zu dessen Verhinderung sre doch nach ihrem eigenen Geständnis aus Zürich hierher geeilt war^ sehr rasch und ohne jeden Rest von Bedauern aus- qesöhnt zu haben. Es verging kein Tag, an dem sie mast zu kürzerem oder längerem Besuch bei den Restorps erschienen wäre, und Bernhard war jedesmal aufs neue entzückt, wenn er sah, mit wie liebevoller Zärtlichkeit sie semer Braut begegnete. Ja, er hatte sogar mitunter die Empfindung, daß Inge ihr herzliches Entgegenkommen nicht warm genug erwidere, und daß es nicht bloß Schüchternheit und Befangenheit seien, die sie so still und zurückhalcend gegen die 'immer gleich heitere und liebenswürdige Hanna nt eichte.
Weniger erfreut war er allerdings von dem sehr vertrauten Verhältnis, das sich in dieser kurzen Zeit zwischen seiner Schwester und Georg von Restorp Herausgebilde-, hatte. Und sein Mißvergnügen über die mancherlei aufdringlichen und lächerlichen Huldigungen, durch die Inges Vater seiner schwärmerischen Bewunderung für Hanna Ausdruck gab, würde wahrscheinlich noch lebhafter gewefen sein, wenn er gewußt hätte, daß die beiden einander ueuer- diugs fast täglich „zufällig" begegneten, wenn Hanna sich auf dem Heimwege von Professor Herbolds Atelier befand, und daß sie dann oft eine halbe Stunde oder länger gemeinsam promenierten. Allerdings waren es durchaus ernsthafte Unterhaltungen, die sie auf diesen Spaziergangen führten, und ihren Gegenstand bildete ausschließlich der Prozeß um Dietrich von Restorps Millionenerbschaft, weniger sie mit ihrem Bruder über diese Angelegenheit sprach, desto eingehender erörterte Hanna ihre Aussichten und namentlich ihre Vorgeschichte mit Georg von Restorp, der seit Jahren seinen Geist und sein Gedächtnis Nicht so angestrengt hatte arbeiten lassen, als er es fetzt auf das beständige Antreiben seiner schönen jungen Freundm thun mußte. Unzähligemale schon hatte er ihr die Aeutzer- ungen Dietrichs wiederholen müssen, deren er sich noch erinnerte oder' vielleicht nur zu erinnern glaubte. Und durch
Zimmer traten, wußte ich, daß S i e das Glück seien . mein Glück, Hanna! Und seit dem Augenblick war ich entschlossen, um Ihren Besitz zu ringen, wie jener dort, drüben —" und er wies dabei auf die unfertige Gruppe. „Mit hundert heiligen Eiden will ich es Ihnen beschwören." . . ,
Sie hatte das Köpfchen ein wenig abgewendet; aber das süße, sinnbethörende Lächeln war noch immer auf ihrem Antlitz
„Wirklich? Wie jener dort? Ah, das traue ich Ihnen nicht zu. Sie haben vielleicht die Siegsriedsgestalt diefes Jünglings, aber Sie haben nicht seinen Siegfriedsmut.^
„Oho, das wollen wir doch sehen. Stellen Sie mich f auf die Probe, Fräulein Hanna! Wie schwer sie auch sei, ich werde sie bestehen."
„Und wenn ich diese Aufforderung ernsthaft nehme? Würden Sie mir dann im voraus versprechen, alles zu thun, was ich von Ihnen verlange?"
„Alles! Lassen Sie es mich ohne Bedenken Horen ü
„O nicht jetzt. Ich brauche Zeit, es mir zu - über- leoett"
° „Und bis Sie sich's überlegt haben -- soll ich so lange in dieser schrecklichen Ungewißheit bleiben? Werden Sre mir nicht durch ein einziges kleines. Wörtchen verraten, daß ich Hoffnung habe, das Glück zu gewinnen?"
„Wenn Sie nicht hoffen dürften, würde ich dann hierher gekommen sein, Harro?"
„Hanna!" jubelte er. „Meme teure, angebetete Hanna *"
' „Still! — Fräulein Erika kommt zurück. Vorläufig kein Wort zu ihr und keines zu meinem Bruder das ist meine erste Bedingung."
Ihre Mahnung war nicht überflüssig gewesen; denn schon bewegte sich der Vorhang und Klemens Herolds Tochter trat mit raschen Schritten in das Atelier.
„Ich komme, um Ihnen für Ihre freundliche Abficht zu danken, Fräulein Sylvander", sagte sie, und wxder tn ihrer Stimme noch in dem Ausdruck ihres schönen, ernsten Antlitzes verriet sich etwas von Ueberraschung oder Unwillen über die so augenfällig vertrauliche Situation, m der sie die Beiden gestmden. „Sie wollten meinen Vater nicht durch eine abschlägige Antwort kränken, und das war sehr liebenswürdig von Ihnen. Aber es würde unzweifelhaft seine Krankheit verschlimmern, wenn er jetzt trotz semer Schwäche zu arbeiten versuchte. Und Sie werden es deshalb nicht geschehen lassen, nicht wahr?" _
„Ich?" fragte Hanna erstaunt. „Aber sollte das nicht vielmehr Ihre Aufgabe sein, Fräulein Herbold, oder die des Arztes, wenn er glaubt, ein solches Verbot vor semem Gewissen verantworten zu können." ,
„Weder der Arzt noch ich werden gegen den einmal gefaßten Entschluß meines Vaters etwas ausrichten. Sie allein können es, 'indem Sie Ihre Zusage zurücknehmen oder mit irgend einem Vorwande Ihr Ausbleiben ent- schuldicsen. ^he das eine so wenig thun als das andere. Zwar habe ich kein Staatsexamen bestanden und meme ärztlichen Erfahrungen sind ohne Zweifel geringer als die Ihres Hausarztes. Aber ich weiß trotzdem, daß die Enttäuschung, die ich durch eine Erfüllung Ihres Wunsches dem Professor bereiten würde, ihm ungleich verhängnisvoller werden müßte als die Arbeit, die ihm schon deshalb nicht schaden wird, weil sie ihn mit neuer Lebeüsenergie erfüllt."
Erika richtete ihre Augen fest auf das Antlitz der Sprechenden; aber Hanna hielt den forschenden Blick ruhig aus. Kein Wimpernzucken verriet, daß sie sich durch ihn tjetluirrt fühlte.
„Sind Sie davon überzeugt, Fräulein Sylvander?"
So fest überzeugt, daß ich die Verantwortung für die Folgen eines Wortbruchs unmöglich auf mich nehmen könnte. Sie werden mir geradezu Ihr Haus verbieten müssen, wenn Sie mich hindern wollen, mein Versprechen 2>u holten/'
„Davon kann selbstverständlich nicht die Rede sein. Ich bin Ihnen ja im Gegenteil großen Tank schuldig für das Opfer, das Sie meinem Vgter bringen wollen. Und ich bitte um Verzeihung, wenn meine Bitte Ihnen ungeschickt oder verletzend schien." ....., .. .... ... ..... ....


