Ausgabe 
18.5.1901
 
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chre unermüdlichen Fragen nach den nämlichen Dingen Hails sie es dahin gebracht, daß sich das schon etwas unsichere und verwischte Bild jener Vorgänge in seiner Vorstellung wieder zu voller Klarheit gestaltet hatte. Wie viel oder wie wenig auch seine lebhafte Phantasie dabei der Wirklichkeit hinzugefügt haben mochte, jedenfalls war er selbst von der Richtigkeit dieses Erinnerungsbildes un­erschütterlich überzeugt und ahnte nicht im inindesten, daß vieles, was er jetzt vor jedem Gerichtshöfe der Welt un­bedenklich als wahr beschworen haben würde, ihm nur durch Hannas geschickt gefaßte Fragen und Vermutungen all-

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Erkaltet die Sonne?

Eine astronomisch-physikalische Skizze.

Von Dr. Max Neu Wirth.

(Nachdruck verboten.)

Ms Rudolf Falb es vor 3 Jahren für notig hielt, Tausende von Leuten durch die Andeutung eines im Herbst 1899 möglichen Weltuntergangs oder um es genauer zu umgrenzen einer alles Lebende vernichtenden Erd- kaiastrophe in einen recht überflüssigen Schrecken zu jagen, erörterte man alle denkbaren Möglichkeiten, durch welche der Mstenz des organischen Lebens auf der Erde eine Schwanke gesetzt werden könne.

Unter allen diesen Annahmen, deren Austüftelung zum Teil der blühenden Phantasie ihrer geistigen Väter mehr Ehre machte, als deren kritischem Verstände, steht in erster Linie die zukünftige Abkühlung der Sonne bis zu einem Grade, dah alles irdische Leben in den Todesschlaf eines ewigen Frostes hinsinkt. Während alle anderen Theorien vom Weltuntergang müßige Spekulationen sind, die von willkürlichen und unbewiesenen Annahmen ausgehen, ist die Frage, ob die Sonne einer langsamen Abkühlung aus­gesetzt ist, ernstlich erörterungsfähig, weil alles in der Welt ununterbrochenen Veränderungen unterworfen ist, und es außer der Mternative, daß die Sonne entweder wärmer oder kälter wird, eine dritte Möglichkeit nicht giebt.

Jeder, der über etwas mehr als Elementarschulkennt­nisse verfügt, weiß heute, daß alle Kraft und Energie, die auf der Erde zur Entfaltung kommt, ein Geschenk der Sonne ist welches auf der Brücke der Lichtstrahlen über eine Ent­fernung von 150 Millionen Kilometer einst zu uns heruber- geflogen kam oder noch immer neu herüberfliegt. Die Kraft der Meereswvgen, des Sturmwindes, der Dampfmaschinen, welche die Riesendampfer des Ozeans, und auf eiserner Spur die Lokomotiven ihren Zielen entgegentreiben, und Millionen Räder in den Fabriken in Bewegung setzen, die Muskelkraft unseres Armes, die künstliche Wärme unserer Oefen, ja selbst unsere sämtlichen dem Tier- oder Pflanzen­reiche entnommenen Nahrungsmittel sind nichts anderes als die verschiedenen Formen, unter welchen die Energie der Sonnenstrahlen sich aufgespeichert hat.

Die der Erde von feiten der Sonne zukommende Energie ist allerdings nicht ausschließlich Wärme, sondern entsprechend den verschiedenen möglichen Schwingungen des Weltäthers sehr mannigfach. Neben der Wärme ist es nämlich in erster Reihe das Licht, ferner chemische, elektro- dynamische und höchstwahrscheinlich noch! ein großes Heer anderer unsichtbarer Strahlen, deren Existenz wir seit der Entdeckung der Röntgen- und Becquerelstrahlen erst zu ahnen beginnen, die in ununterbrochenem Strome zu uns herüberfluten. Am meisten aber interessiert uns die Wärme­strahlung der Sonne, weil wir uns allenfalls ein Eskimo­dasein bei ausreichender Wärme in der Hütte während einer andauernden Polarnacht, niemals aber eine Existenz trotz des blendendsten Lichtes bei 100 oder mehr Grad Kälte vor­stellen können. L ...

Die Ermittelung der Wärmestrahlung der Sonne ist eines der schwierigsten Probleme der modernen physikali­schen Astronomie, weil wir nicht wissen, was und wie viel davon im Weltraum verloren geht. Die Frage läßt sich aber dahin vereinfachen, daß wir nur den Betrag der zur Erde gelangenden Wärmemengen zu ermitteln suchen. Allerdings ist mich dieses nicht so leicht, weil ein großer Teck der Sonnenstrahlung von der Atmosphäre aufgesangen werd;

doch ist es gelungen, die Menge der Sonnenwärme fest- zustellen- welche der Erde einschließlich! des von, der Atmo­sphäre verschluckten Quantums zukommt, und die dort, wo die Strahlen senkrecht auffallen, hinreicht, um in jeder Minute auf einem jeden Quadratzentimeter der Erdober­fläche eine Wassermenge von 1 Gramm, d. i. also einen die Erde in Höhe von 10 Millimeter bedeckenden Wassermantel um 4 Grade des hundertteiligen Thermometers zu er­wärmen. So geristg diese Zahlen auf den ersten Blick erscheinen, so ungeheuer groß sind sie in Wahrheit; denn sie bedeuten nichts weniger, als daß die Einwirkung des Sonnenlichtes während 12 Stunden ausreichen würde, um einen die Erde umgebenden Wassermantel von nahezu 29 Zentimeter Höhe auf Siedetemperatur zu erhitzen, oder daß diese Wärme, auf ein Jahr berechnet, genügen würde, um eine die ganze Erde bedeckende Eisschicht von 67 Meter Höhe zum Schmelzen zu bringen. Um von der gewaltigen Heiz- wirkung der Sonne eine richtige Vorstellung zu erhalten, müssen wir uns aber vor Augen halten, daß die von diesem Zentralkörper in den Weltraum ausgestrahlte Wärme 2200 Millionenmcck größer ist als der Anteil, den die Erde davon empfängt.

Nach! den vorstehend gegebenen Daten ist es kein be­sonders schweres Rechenexempel, festzustellen, wie groß die Kohlenmenge ist, welche dieser Wärmeentwickelung ent­spräche. ,

Wir erfahren da, daß ein der ganzen Masse der Erde oleicksts Gewicht an bester Steinkohle gerade nur hmrerchen würde, um den Brand des ungeheuren Sonnenofens wah­rend 23 Tagen zu unterhalten. Da die Masse der Sonne aber 324 000 mal so groß ist als die der Erde, würde erstere, wenn sie aus reiner Steinkohle bestünde, immerhin nur 21000 Jahre reichen, um die Wärmestrahlung der Sonne in den Weltraum zu bestreiten. Daß. die Sonne nun jedenfalls schon unendlich viel länger besteht, steht außer jedem Zweifel, und es ergiebt sich daraus mit Notwendigkeit der Schluß, daß die Wärme erzeugenden chemischen und physikalischen Prozesse auf der Sonne ganz andere fern müssen, als sie bei einer gewöhnlichen Verbrennung auf der Erde herrschen.

Ehe wir auf die Frage nach der Quelle des Sonnen­lichtes und der Sonnenwärme eingehen, drängt sich eine andere Frage auf, nämlich die nach der auf der Sonne herrschenden Temperatur. Auch hierauf können wir natürlich nur eine indirekte Antwort geben, weil wir weder das der Sonnenmarterie eigentümliche spezifische Wärmeausstrah­lungsvermögen kennen, noch wissen, in welchem gesetzlichen Verhältnis dieses zur absoluten Temperatur der Sonne steht. Vor allem wissen wir nicht, ob die Sonnenoberfläche fest oder flüssig ist oder aus Gasen besteht, welche sich unter hohem Druck befinden; in diesen drei verschiedenen; Fällen gestaltet sich aber auch die Wärmeausstrahlung sehr ungleich, und je nach dem man sich auf den einen oder anderen Standpunkt stellte, hat man Temperatur- angaben für die Sonneuoberfläche herausgerechnet, welche, zwischen 6000 und 14 000 Grad schwankten, während man dem Sonneninnern eine noch unendlich viel höhere Tem­peratur beimessen zu müssen glaubte. Aus theoretischen Gründen, deren Erörterung hier viel zu weit führen würde, ist man aber in neuester Zeit auf Mittelwerte gekommen, die der Wahrheit vermutlich sehr nahe kommen, und man nimmt nach einer Berechnung des Professors Scheiner heute fast allgemein an, daß die Temperatur der Sonnenober­fläche zwischen 8000 und 10 000 Grad Celsius liegt.

Woher kommt nun der Ersatz für den Temperatur­verlust, welchen der ungeheure Glutball fortwährend durch Abgabe großer Wärmemengen an den kalten Weltenraum erfährt, dessen Temperatur man heute nahe an den soge­nannten Nullpunkt, d. h. nahe an273 Grad Celsius verlegt? Wenn die Sonnenwärme nicht ständig von irgend­woher erneuert würde, hätte diese innerhalb der historischen Zeiten von rund 6000 Jahren eine sehr merkliche Einbuße erleiden müssen. Eine solche hat sich aber praktisch bisher nicht nachweisen lassen; denn obwohl zeitweise in unseren mittleren Breiten arktische und dann wieder einmal tropische Temperaturen geherrscht haben, so waren dies eben nur periodische Temperaturschwankungen, und aus dem Um­stände, daß z. B. in Palästina die südliche Grenze t>e|