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Doch, et faßte sie mit eisernem Griffe bei der Sjaitb. „Wir geh'», Moni!"
Tie Bäuerin stutzte. Ten Ton hatte sic schon lange nicht mehr gehört. Noch einmal versuchte sie, unterstützt von den Umstehenden, welche die Sache scherzhaft nahmen, schwachen Widerstand, doch ein Blick des Bauern, ein neuer Druck seiner Hand, und sie folgte ihm.
Johannes erwiderte kein Wort auf die Vorwürfe seiner Frau über fein Benehmen. Erst als er das Licht angesteckt in seiner Wohnung, bemerkte sie das Verstörte seines ganzen Wesens; das sonst tiefgerötete Gesicht erschien jetzt grau, jede Spur von Trunkenheit war verwischt.
„Ja, was hast denn, Johannes?" fragte sie besorgt, „heut' könna wir uns wahrhafti net beklag'n. All's, was recht is. In mein'n Aug'n haben s' all's guat g'macht, reichli. Leut' san's do, das muaß ma schon sag'n. Wenn i dageg'n denk, was unsereins hätt' werd'« könna, und was man jetzt is."
„Was ma hätt' werden könna, und was ma jetzt is!" Johannes nickte schwer mit dem Kopfe. „Ja, da hast recht, Moni, das darf ma net denk'n."
Er stand auf und öffnete die Thür zu feiner Kammer. An der Schwelle blieb er noch einen Augenblick stehen, als ob er noch etwas sagen wollte, dann machte er mit der flachen .Hand einen Strich durch die Luft und schloß die Thür.
Ter Luftzug vom geöffneten Fenster verlöschte die Kerze, das Sausen und Brausen der rastlosen Stadt drang herein, welche bereits zur neuen Arbeit erwachte.
Er warf zornig das Fenster zu und streckte sich auf das Lager.
„Sie sind ein braver Mann, und ich verlasse mich auf Sie! Die Seele des Geschäftes! Grimm! Grimm: — Schuft! — Thorheit! In unserer Zeit! — Genießen! Genießen!"
Im Osten graute schon der Tag, als der letzte Gast das Palais Polentz verließ, der berühmte Tenor Vigo.
6.
Die Presse brachte lange Artikel über das Fest bei Polentz, diesem Hauptmitarbeiter an dem Aufschwünge der Stadt. Ter Minister Graf Waradin und der würdige Vater Johannes lieferten natürlich höchst dankbaren Stoff, an dessen Ausschmückung man es nicht fehlen ließ. .
Ein rührendes Bild war es - ein glorreiches Zeichen - der Zeit! Das waren die mildesten Ausdrücke.
Drei Monate später war die Ringbahn erledigt. Sie ging mitten durch den Grund des Polentz. Die Bureaus wurden nimmer leer, ein Menschenstrom wälzte sich des Tages über hindurch
' Man kaufte und verkaufte nur noch durch Polentz. Der flotte Einspänner aber mit dem prächtigen Apfelschimmel davor, welchen Johannes selbst lenkte, war unterdessen in der ganzen Gegend eine geivohnte Erscheinung gewrden.
Und überall wurde er mit Freuden begrüßt. Das Glück saß hinten auf dem Radkasten.
Wer strebte nicht gerne heraus aus seinen kleinen Verhältnissen, wenn von allen Seiten her ausregende Kundschaft kam von dem und dem, der sein Glück gemacht, von unerhört günstigen Verkäufen und raschem Empor- kommen. Ein Narr, wer sich da noch abplagen tvill mit dem kargen Boden!
Ter Johannes aber, man kannte ihn nur noch unter diesem Namen, war der, der es machte, Polentz' rechte Hand; er war selbst Bauer und wußte, was den Bauern wohl und wehe that, und keiner kam zu kurz, der ihm vertraute. , , . „ .
Er schätzte gut em, zwackte nichts ab, und mr Handumdrehen hatte' er ein „hintersassiges" Anwesen bereit, das, dem Verkehre entlegener, von geringerem Boden- werte, dafür aber bedeutend größer war und eine seinem Bodenwert entsprechende Rente abwarf.
Ter Rest des Kaufpreises, welcher dem Bauer in der Hand blieb, wanderte zu Polentz und trug seine schönen Prozente, wie sie keine Bank der Welt zahlte.
Man hätte ja am liebsten den ganzen Kaufpreis dahin getragen, aber das paßte dem Johannes nicht, ja,
er weigerte sich entschieden, in diesem Falle den Handel äbzuschließen.
„Ein Bauer soll Bauer bleiben, er taugt zu nix anderem. Ich hab's an mir selb'r erfahr'«!" war fein Wahlspruch:.
Johannes ivar den Tag iiach dem Feste entschlossen gewesen, schleunigst mit seinem Weibe zu fliehen aus der vergifteten Luft. Eine unbändige Sehnsucht erfaßte ihn nach der Heimat. Tann aber dachte er wieder der Worte des Ministers. Nein, es wäre eine feige Flucht, jetzt zu gehen.
Tann rief ihn Polentz zu sich in das Kontor. Das war ein ganz anderer Mann, der da am Schreibtische saß mit seinem ernsten, fast sorgenvollen Gesichte, nicht mehr zu erkennen gegen den Polentz von gestern abend. Und wie er ihm das alles auseinandersetzte, das ganze Geschüftsgebahren, welche Rolle er, Johannes, von nun an darin zu spielen habe. Alles so gediegen, so durch und bnrdj rechtlich.
Nur ängstlich wagte er sich ganz zuletzt mit seiner Beobachtung betreffs der Schwiegertochter hervor, mit der Szene im Vorzimmer, die er belauschte, seine Besorgnis aussprechend.
Polentz hörte ihm ruhig zu, mit einem fast schmerzlichen Ausdruck um die Mundwinkel.
„Ja, die Jugend!" sagte er dann, schwer aufseufzend. „Die heutige Jugend! Aber Sie müssen das nicht so ernst nehmen, lieber Attinger. Wir leben einmal in der Großstadt und nicht ans einem Dorfe. Uebrigens ist Ihr Matthias in diesem Punkte auch nicht vorwurfsfrei, ich weiß es. Nicht, daß ich darin eine Verteidigung meiner Tochter sehe, wohlverstanden; indes — ich will Ihnen was sagen, Johannes, mischen wir uns nicht hinein. _ Wir ziehen doch den kürzeren mit unseren veralteten Anschauungen und können nur Unheil stiften."
. ' Johannes mußte ihm auch hierin recht geben. Er hatte einmal kein Urteil über diese fremde Welt und sah wohl alles in zu düsteren Farben. Was kümmerte sie ihn auch weiter? Seine neue Thätigkeit führte ihn ja auf das' Land zu seinen Berufsgenossen.
Ehe er dieselbe begann, machte er noch einen kurzen Abstecher nach dem Hofe zu Ferl und Rosl. Es war ihm, als müsse er erst dort die rechte Kraft schöpfen zu dem neuen, verantwortungsvollen Werke.
Er traf Ferl und den alten Grimm tu voller Thätigkeit. Große Schlagflächen mären bereits mit kräftigen Pflanzen versehen, anderwärts schloß sich bereits wieder der bei dem großen Neuhieb verschonte Unterwuchs zu förmlichen Dickungen.
Es war ein sonderbares Gemisch von Freude über den neuerstehenden Wald und Verdruß über sein feiges Weichen, was in ihm aufstieg. Trotz aller Liebe Rosls, trotz aller Erinnerung, die sie in ihm wachrief an glückliche Zeiten, hielt er es nicht länger aus wie zwei Tage, die Ruhe ringsum regte ihn jetzt auf.
* Und am Ende ist doch die ganze Wirtschaft da, das langsame Abwarten und Wachsenzuschauen ein recht kleines Werk gegen das, welches er jetzt vorhatte.
Der gesunde Bauerninstinkt hatte ihn bereits verlassen, die Ehrfurcht vor dieser Arbeit im kleinen, die nur die eigene Scholle gab. Tie vielgestaltige des Händlers und Vermittlers erschien ihm bereits viel wichtiger und bedeutender.
So Zain Johannes in den allbekannten Einspänner mit dem Apfelschimmel.
(Fortsetzung folgt.)
Ebbe und Flui als Arbeitskräfte der Zukunft.
Von Dr. Gustav Petters.
(Nachdruck verböte«.)
Daß sich int Verlaufe des 19. Jahrhunderts die Industrie aus einem schwächlichen Keime zu einem mächtigen Baume entwickeln konnte, und daß die Bevölkerung Europas trotz der starken überseeischen Auswänderung sich in dem genannten Zeiträume auf nahezu das Dreifache zu vermehren vermochte, ist zum größten Teile eine Folge des ■ glücklichen Reichtums unseres Kontinents' an Steinkohle«. Nur die Ettergie, welche in den schwarzen Diamanten


