Ausgabe 
18.4.1901
 
Einzelbild herunterladen

(Nachdruck verboten.)

Der Bauer vom Wald.

Novelle von Anton v. Perfall.

(Fortsetzung.)

Johannes hatte jede Haltung verloren; er glich jetzt mit dem weingeröteten, aufgedunsenen Antlitze, den schwankenden Bewegungen mehr einer luftigen Faschings­figur, mit der man sich ungestraft jeden Scherz erlaubte. Auch die Bäuerin hatte ihren Groll und ihre Bedenken über den unzähligen Schmeicheleien, ihr Aussehen be­treffend, längst vergessen, und schwamm mit in dem Strome, dessen gleißendes Spiegelbild sie schon einmal verlockte.

Den Höhepunkt erreichte der Abend, als Herr Vigo, von Frau Wanda feurig begleitet, stark gewürzte Couplets vortrug, jene charakteristischen Lieder einer in wilden Genuß^iebern sich schüttelnden Zeit.

Alles drängte sich mit erhitzten Gesichtern um die beiden, welche nicht verfehlten, durch gegenseitiges Augen­spiel die schwüle Wirkung zu erhöhen.

Auf Johannes wirkte diese Musik im Gegenteil er­nüchternd. Der Inhalt dieser Lieder verdroß ihn. Solche Späße waren ihm von jeher in die Seele hinein verhaßt; selbst in der Verfassung, in der er sich augenblicklich befand, kam er nicht darüber hinweg.

Die Leexe, die sich um ihn gebildet, ließ ihn zur Besinnung kommen. Ein unbestimmtes Angstgefühl packte ihn wie Schwindel. Er erhob sich, und ging in den Neben­raum, in dem er mit dem Minister die llnterredung gehabt.

Die Kühle hier that ihm wohl, die näselnde Stimme des Tenors drang nur verschwommen herein. Er setzte sich in einen Winkel, den eine stattliche Fächerpalme dicht beschattete. Das Haupt sank ihm auf die Brust.

Er mußte geschlafen haben, dem langen, schönen Traume nach Es war so kühl im Walde, in seinem Walde. Er ging von Stamm zu Stamm, und der alte Grimm legte die Meßstange an und rief Zahl auf Zahl. Er aber trug jede sorgfältig in sein Buch ein. Dann stand plötzlich der Minister vor ihm, und er steckte rasch das Buch ein, und der drohte lachend mit dem Unger. Sie sind ein braver Mann, und ich verlasse mich auf Sie." Dann nahm er ihn am Anne, uni) sie gingen dem Hose zu. Ueber den grünen Hügel herab kam hie Rosl!

1901.

Donnerstag de» 18. April.

yi,,l"i«rw

ie größten Ereignisse sind nicht unsere lautesten, sondern unsere

stillsten Stunden.

Friedrich Nietzsche.

gelaufen mit fliegenden Zöpfen.Vater Vater, wo bleibst d' denn so lange?"

Oder war es gar kein Traum? Er griff nach den grünen Blättern, die sein Antlitz streiften und was war das? Das Flirren und Sausen und Knistern, das an sein Ohr drang, tote von Millionen Flügeln die furchtbaren Vernichter, die Dämonen der Zerstörung, die Nonnen!

Er bog die Blätter auseinander, beugte sich vor da blieb sein Blick an einem Paare haften, das sich eng umschlungen hielt. Ein gepichtes Weib, ein junger Mann sie küßten sich, flüsterten das Weib war das Weib des Matthias, war Wanda! Der Mann der Sänger, der eben noch die häßlichen Lieder sang.

Jetzt träumte er nicht, jetzt war er wach.

Was sträubst Du Dich, schöne Wanda, toenn ich Dir sage, daß ich Dich über alles liebe? Ich, Vigo, den alle Frauen begehren. Soll ich einem Bauernjungen weichen?" -

Der Sänger flüsterte die Worte. Wanda machte wohl eine Einwendung, einen schwachen Versuch, sich seiner Umschlingung zu entziehen.

Thorheit!" flüsterte er,in unserer Zeit!"

Noch inniger umarmten sie sich, dann legten sie die Finger auf die. Lippen, und beide verließen Arm in Arm beit Raum.

Johannes sprang auf, als ob - er ihnen nacheilen wollte, ballte die Faust. Da vernahm er wieder das seltsame Geräusch. Jetzt klang es fast tote damals, als die Milliarden von Raupen seinen Wald auffraßen, Milliarden von Kiefern sich bewegten, und der Nadelregen herabrieselte.

Er stürzte nach der Thür. Bunte Paare drehten sich im Tanze, Seide knisterte, Fächer wehten, und in dem Augenblicke flog die Moni an ihm vorbei in beit Armen eines Mannes, das Antlitz erhitzt, das Krönchen von Perlen schief im halbgelösten Haare, und dicht hinter ihr her walzte Wanda mit dem Sänger, Matthias mit einem halben Kinde, zu dem er wohl ähnliche Worte flüsterte, wie eben der Sänger in das Ohr seines Weibes geflüstert hatte, dem häßlichen Lachen nach- auf feinen Lippen, dem heißen Blicke seiner Augen.

Ter dicke Polentz im Arme einer Schönen, die ihm verständnisvoll zulächelte dann verwirrte sich alles wieder im bunten Kreisel.

Johannes trat mitten hinein. Er rief zornig nach feinem Weibe.

Man lachte über den trunkenen Bauern, umtanzte ihn noch toller, zog ihn am Rocke, bis die Bäuerin selbst sich seiner anuahm, ihm zuflüsterte, er solle sich doch schämen und sie nicht vor allen Leuten zu Schanden machen.