Ausgabe 
17.11.1901
 
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bitte ich Sie darum auf das Allerherzlichste! Was es auch sei nachdem ich! es erfahren habe, werde ich ruhiger sein als jetzt." , . . ,

Sie versprechen mir also, sich wie em tapferes und vernünftiges Mädchen zu benehmen, für das ich Sie immer gehalten habe, und weder hier noch nachher bei Ihrem Vater eine Szene zu machen, die doch keinen anderen Erfolg haben könnte als den, die Sache zu verschlimmern?"

Ich verspreche es", erwiderte sie mit halb erstickter Stimme.Aber ich beschwöre Sie, lassen Sie mich nicht länger darauf warten!"

Noch einmal wirbelte Ludwig Ignatius das Lineal zwischen den Fingern herum, dann, ohne der in banger Erwartung Zitternden sein Gesicht zuzuwenden, sagte er:

Nun denn Ihr Vater hat die ihm anvertrauten Kassen bestohlen seit Jahren schon und die verun­treuten Summen sind so groß, daß es keine Hoffnung mehr für ihn giebt, sie jemals zu ersetzen."

(Fortsetzung folgt.)

Heröstschauer.

Skizze von Herr» Max.

Nachdruck verboten.

Schon fließt der wilde Wein so rot

Wie Blut herab von der Gartenmauer Die Farbe der Freude verhüllt die Trauer, Denn alle Sommerlust ist tot.

Stille Tage sind es, die der Herbst über das kleine Thüringer Thal trägt. Kein toller Knabe ist er hier, der jauchzend den Dionysosstab über den Bergen schwingt zur Weinlese, dessen Lieder von Lust und Uebermnt an den Rebhängen 'widerhallen und hinaufsteigen in die blaugrüne Amethystluft, in den goldenen Sonnenschein empor wie jubelnde Frühlingslerchen ... . Still-freundliche Ergebung trägt er hier auf seinen Zügen und wischt mit leiser, scho­nender Hand über das Sommergemälde, ehe er seine bunten sprühenden Farbentöne austrägt.

Tie Sonne steht über'm Bergesrand und streift mit ver- güldenden Fingern über den Wetterhahn auf dem Turme. Drunten in den Büschen im Pfarrgarten fängt es schon an zu düstern. Das ist ein ganz anderes Dämmerigwerden wie imSommer; nicht mehr verheißungsvoll flimmernd, funkelnd, blütenkosend, heimlich webend und werbend von Zweig zu Zweig ... es kommt langsam, beharrlich, träge. Kaltweiß, wie Dotenschleier, schleicht es von drunten über Bach! und Wiese her.

Dem jungen Mädchen, das im Pfarrgarten am Zaun lehnt, legt es sich wie ein Dodesschauer übers Herz. Sie senkt den Kopf ein feiner 'Defreggerkopf mit braunem Flechtenkranz nur das sonnig-heitere Sommerlächeln jener köstlichen Gestalten fehlt heute auf diesem Gesicht. Die Herbftstimmnng des Abends ruht wie ein trüber Schleier! über ihm thränenumslort blicken die Augen.

Rüth wartet. Sie wartet dort wie der Verurteilte, der den letzten Sonnengruh seines letzten Tages scheiden sehen will. Am Garten zieht sich die Landstraße vorbei, die aus dem Thal zur nächsten Bahnstation und von dort hinausführt in die weite Welt.

Ruth will hier noch einmal des Geliebten hohe Gestalt sehen, im Vvrübergehen, wenn er den Ort verläßt; einmal noch in seinen Augen lesen, daß sie glücklich, selig ge­träumt hat, und daß es nun vorbei sein muß für immer, will sie sich dabei Vorhalten in harter unerbittlicher Ehr­lichkeit.

Abschied genommen hat er ja schon am verflossenen Wend von ihr; das letzte Lebewohl ist gesprochen. Sie wissen beide, daß sie sich trennen müssen fürs Leben, daß ihr letzter Kuß den Todesbund eines glücklosen Lebens besiegelt hat.

Einsam wird jeder seinen Weg gehen müssen; er draußen, sie daheim.

Ruth preßt in heißaufquellender Verzweiflung die Hände auf die Brust. Doch wozu jammern, wozu weinen? Es muß sein. Das Schicksal will's. Er muß seine Bahn, mit der Armut kämpfend, wie ein Held gehen. Glänzend wird sein Genie später vielleicht emporsteigen, ein neues Gestirn am Kunsthimmel der Musik. Und sie wird daheim einsam vergehen unterdessen, verblühen wie die Rosen im Garten. Herbst wird von nun an ihr Leben sein!

Eampauula senkt bleich die Glocken , Am Wiesenhang und klingt nicht mehr >

Aus wilden, wirren Blätterlocken Blickt müd' die letzte Rose her. . .

Es ist das trübe Lied vom Entsagen, das durch ihrs Seele tönt. Nachdem die Liebe leuchtend wie ein Sommer­wunder aufgeblüht war, sollten sie die kalten Nebel er­sticken, ermorden. Aber die Liebe hat ein so heißes, wildes Leben! sie ringt so qualvoll und stirbt so schwer!

O, welche leichte Frühlingslust lag über den Tagen, dq sie knospte und aufblühte! Vom ersten Sehen an, als er zurückgekehrt war in die Heimat, der Lehrerssohn, bis znm ersten verstohlenen, schüchternen Händedruck draußen im Wald! Bon dem fragenden, erglühenden Hinüber- und Her­überblicken in der Kirche, während Ruths Vater eins Trauung einsegnete.

Bis der Tod uns scheidet!" hatte es damals aV stummes Liebesgelübde auch in ihren Herzen wiederge­klungen bis zum ersten, heißen selbstvergessenen Um­schlingen, während die Sommersterne hoch droben über der Welt strahlten und die Glühwürmchen tief im Grase 'flim­merten, wie leuchtende Boten eines seligen, ewigen! Glückes!

Da hatte sie ihm zugeflüstert, daß sie an seinen Stern glauben werde, unerschütterlich. Er aber hatte sie den Stern seines Lebens genannt, ohne dessen Licht er feine Bahn nicht wandeln könne...

Und nun war sie doch gekommen, die graue, häßliche Abschiedsstunde. Die eiserne Notwendigkeit hatte es ver­langt von ihnen von ihr. Ruths edles Herz wollte den Bund nicht zur drückenden Fessel für den Geliebten werden lassen, sie wollte lieber einsam vertrauern und sterben an ihrer Liebe, als ihm hinderlich sein auf seiner kampfvollen Künstlerlaufbahn. Kleine Verhältnisse, das bittere Ringen ums tägliche Brot, die Sorgen des Alltags sind ein Hemm­schuh für die Künstlerseele beim stolzen Flug in die Höhe!

Nach diesem letzten Abschied durfte es für ihn kein Zurück mehr in kleine beengende Verhältnisse geben, bis er sein Ziel errungen.

Wie er das lockige Haar so kühn von der Stirn zurück­warf, wie seine Augen aufblitzten, wenn er, den Blick dann plötzlich wieder wie verloren in weite Ferne gerichtet, seine Geige im Arm hielt und spielte! 'Die würde nun seine einzige Geliebte sein müssen, hatte er gesagt...

Ruths Herz zog sich krampfhaft zusammen vor Weh. In der fremden Menschen Gunst würde er sich wohl bald hineinspielen und sie und das stille Thal vergessen im Triumph des Tages, der für ihn aufftieg.

Ein lauter Gruß draußen auf der Straße schreckte sie auf aus ihrem schmerzvollen Sinnen. Aber er war es nicht es war nur der alte Briefbote, der ins Torf hineinging.

Ihr Blick überflog die Bergeshöhen, wo die sinkende Sonne noch wie ein vergehendes Feuer durch die Fichten ausloderte . . .

Die Sonne klimmt mit müdem Schritt

Nur über die Höhen durch Wolken und Wetter, . * Und unter dem Rascheln der fallenden Blätter

Verhallt des Sensenmannes Tritt. . .

Sv würde nun auch ihr Leben verglühen, wenn ihre Sonne untergegangen, von Tag zu Tag trüber und stiller und stumpfer werdend überschattet von dem Schleier der Ergebung. . . Und dann Vergessenheit Vergessen- !? .. . .

- Die Schatten auf dem Wege wurden dunkler und kälter^ Er kam nicht. . .

Sollte er den Fußweg über die Wiese gegangen fern, um den letzten Abschiedsblick ans ihr Fenster zu ver­meiden?

Eine dumpfe Angst überfiel sie.

Schwere Tropfen vom letzten Spätnachmittagsregev schlugen noch immer draußen von den Aesten der Obst­bäume, wenn der Wind sie bewegte. Es äffte fte es klang immer wieder wie ein Tritt auf dem Fahrweg.

Ta endlich...

Tie Glocke schlug dröhnend die Stunde an. Die da sein Zug abgehen mußte von der Station, war vorbei Er war fori fort, ohne den lebten Abschieds grüß.