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lichen, mütterlichen oder tantenhaften Schutz derartige Ent- tz»ckungsreisen unteryehmen. Und Du sollst durch mich nicht in üble Nachrede geraten."
Es gab einen sehr herzlichen Abschied; denn Hilde war ausrichtig betrübt, die innig geliebte Base auf mehrere Tage entbehren zu sollen, und erst die erneute Mahnung der Köchin machte der Trennungsszene ein Ende.
Als Felicia den untersten Treppenabsatz erreicht hatte, fiel ihr Blick aus citte schlanke Mädchengestalt, die eben in das Haus eintrat.'Sie erkannte sie sofort als die Braut des Assessors, mit der sie seit jenem ersten Abende noch nicht wieder zusannnengetrofsen war, da Margarete die Familie ihres Verlobten stets nur auf besoudere Einladung und deshalb nicht allzu häufig besuchte. Trotz des grauen Schleiers, hinter dem die Tochter des Rendanten ihr Gesicht verborgen hatte, sahen Felicias scharfe Augen doch, daß fie sehr blaß war und daß es wie ein Ausdruck tiefer Betrübnis auf ihrem Antlitze lag. Die Amerikanerin grüßte freundlich und blieb stehen, in der Erwartung, daß die andere ihrem Beispiele folgen und ein Gespräch beginnen würde. Aber Margarete beschränkte sich darauf, deu Gruß zu erwidern, und ging rasch vorüber, in das obere Stockwerk hinauf.
Abermals zogen sich Felicias dunkle Brauen unmutig zuiamnien. Sie wandte ein wenig den Kovf, und ibre Augen folgten der aufwärts Eilenden mit einem funkelnden Blicke leidenscbaftlichen Haffes. Dann fetzte sic ihren Weg fort; aber noch lange blieben ihre Lippen wie im Zorne sest zusammengepreßt und eine scharf eingeschnittene, harte Linie trat an den leicht herabgezogencn Mundwinkeln zu Tage.
Achtes Kapitel.
Es war keine Täuschung gewesen, als Felicia vorhin während ihres Verweilens im Arbeitszimmer des Stadtrats hinter sich das Knirschen eines menschlichen Schrittes und das schwere Atmen einer menschlichen Brust zu vernehmen glaubte. Ludwig Ignatius selbst war es gewesen, der sie wider seinen Willen überrascht hatte.
Unfähig, in der Gemütsstimmung, in welche die Geständnisse des Rendanten ihn versetzt batten, nach dem öJatijaufc war er in die erste ihm begegnende
Droschke gestiegen und hatte sich nach seiner Wohnung fahren lassen, da er naturgemäß kein dringenderes Bedürfnis fühlen konnte als das nach ungestörtem Alleinsein. Er hatte nicht geklingelt, sondern die Entreethür mit seinem Schlüssel geöffnet, und so war ebensowenig sein Kommen bemerkt worden, als er selbst etwas von der Anwesenheit Felicias erfahren hatte. In dem Augenblick erst, da er die Thürvorhänge auseinandergeschlagen hatte, um sein Arbeitszimmer zu betreten, war er ihrer ansichtig geworden und hatte zugleich wahrgenommen, einer wie seltsamen Beschäftigung sie sich da drinnen hingab.
Er hatte in dem Bilde, auf das sie so leidenschaftlich wieder und wieder ihre Lippen Preßte, sofort das Porträt feines Sohnes erkannt. Und wie so oft ein scheinbar geringfügiger äußerer Anlaß hinreicht, eine Fülle von Vorstellungen, Plänen und Hoffnungen zu wecken, die eine Sekunde zuvor nicht einmal in ihren ersten Keimen vorhanden schienen, so hatte er plötzlich wie im grellen Lichte eines aus tiefster Dunkelheit aufzuckenden Blitzstrahls den Weg zur Rettung vor sich zu sehen geglaubt. Nicht so klar und scharf freilich, daß er ihn sogleich freudigen Mutes hätte betreten können, aber doch immerhin deutlich genug, um all seinen Gedanken mit einem Schlage eine völlig veränderte Richtung zu geben. Leise hatte er sich zurückgezogen, damit Felicia die Beschämung erspart bleibe, sich bei der unvorsichtigen Preisgabe ihres intimsten Herzensgeheimnisses belauscht zu sehen, und da er gleich darauf die Stimmen der beiden jungen Mädchen aus dem Salon klingen hörte, war er mit behutsamen Schritten in das Wohnzimmer hinübergegangen, um dort den Aufbruch der Amerikanerin abzuwarten.
Beinahe eine Stunde mochte vergangen sein, als er endlich das Zufallen der Entreethür vernahm und den leichten Schritt seines in die Küche eilenden Töchterchens. Nun konnte er in seine Schreibstube zurückkehren, um dort die schwere und so bitter unerfreuliche Gedankenarbeit fortzusetzen, mit der er seit dem Augenblicke der entsetzlichen Enthüllung unablässig sein Gehirn abgemartert hatte. Aber er hatte sich noch raum in den geschnitzten Armstuhl fallen lassen, als die elektrische Wohnungsglocke anschlug. Der
wohlbekannte scharfe Klang, der ihm bis zu diesem Tage stets so gleichgiltig gewesen war, ließ ihn heute aufschrecken, als wäre es ein in seiner unmittelbaren Nähe abgefeuerter! Kanonenschuß gewesen. Unwillig fuhr er sich im nächsten Momente mit der Hand über die Stirn.
„Ah, ist es schon so weit, daß ich nervös werde wie ein Weib? Da hätte ich ja dann in der That alle Aussicht, das Schicksal zu zwingen."
Und er richtete seine htinenhafte Gestalt mit einem energischen Ruck empor, als wolle er sich auch körperlich stark machen für den Kampf, den es mit allen Mitteln des Geistes gegen das furchtbar drohende Verhängnis zu führen galt.
Er hörte, daß das Hausmädchen kam, um zu öffnen, er erkannte die Stimme Margaretens, die nach ihm fragte, und vernahm, wie ihr der Bescheid wurde, daß er nicht anwesend sei. Da stand er auf und ging in fester Haltung zur Thür.
„Wie Sie sehen, bin ich doch da. Wenn Sie mich; zu sprechen wünschen, Margarete, so treten sie ein."
Alle Gedanken des Stadtrats hatten sich während der letzten Stunden mit diesem Mädchen beschäftigt, und er war geneigt, es für einen Wink des Schicksals zu nehmen, daß Margarete gerade jetzt aus freien Stücken hierher kam. Warum auch sollte uicht auf der Stelle geschehen, was doch unfehlbar und bald geschehen mußte, wenn der Weg zur Rettung frei werden sollte!
Mit einer einladenden Haudbewegung deutete er auf das Sopha und setzte sich wieder in seinen Schreibstuhl, nachdem er zuvor die in den Salon führenden Thüren geschlossen hatte.
„Sie kommen von Ihrem Vater?"
„Ja. Auf dem Umwege über das Rathaus; denn ich glaubte, Sie dort zu treffen."
„Und Sie haben mir einen Auftrag auszurichten?'<
„Nein. Ich möchte Sie vielmher inständig bitten, Herr Stadtrat, mir eine Frage zu beantworten. Ich bin in so schrecklicher Angst und Sorge um meinen armen Vater. Nicht wegen seines körperlichen Befindens allein, obwohl ce gomist vrol fräntcc ist, als er zugeben will. Aber es muß noch etwas anderes sein, was ihn quält — etwas Schlimmeres — irgend ein großer Kummer, an dem er mich nicht teilnehmen läßt, tote innig ich ihn auch, darum gebeten habe. Ich habe es schon lange vermutet, heute aber ist es mir zur vollen Gewißheit geworden."
„Und wenn ich Sie recht verstehe, erwarten Sie, von mir eine Auskunft über die Ursache dieses Kummers zn erhalten?"
„Ich hörte von der Aufwärterin, daß fie heute früh gleich nach meinem Fortgehen einen an Sie addressierren Eilbrief hätte besorgen müssen, und daß Sie bald nachher erschienen seien, um fast eine Stunde bei meinem Vater zuzübringen. Darin wäre ja gewiß nichts Auffallendes gewesen; aber die Frau sagte mir auch, daß sie Sie mit lauter und heftiger Stimme im Schlafzimmer hätte sprechen hören. Und als sie nach Ihrer Entfernung hineingegaugeN sei, hätte sie meinen Vater in einem so schrecklichen Zustande gefunden, daß sie geglaubt habe, einen Sterbenden vor sich zu sehen. Bei meiner Heimkehr ging es ihm ja wieder etwas besser, und er bestand sogar darauf, das Bett zu verlassen. Aber ich hatte doch die Empfindung, daß er etwas sehr Aufregendes erlebt haben müsse. Und wenn Sie mir sagen wollen, Herr Stadtrat, was es gewesen ist, so werde ich Ihnen dafür sehr dankbar fein. Selbst die schmerzlichste Mitteilung kann mir kein größeres Leid bereiten als diese Unwissenheit, die mich jeder Möglichkeit beraubt, ihm zu helfen oder ihn zu trösten."
Der Stadtrat hatte sie nicht unterbrochen. In seinen Stuhl zurückgelehnt, spielte er mechanisch mit einem blanken, metallenen Lineal, während seine Augen beharrlich an dem Kupferstich über seinem Schreibtisch hingen. Nun, ba Margarete geendet hatte, gab es ein langes Schweigen, eine drückende, unheilschwangere Stille, bis Ludwig Ignatius endlich sagte:
„Sie wissen nicht, um was Sie mich da bitten, liebes Kind! Was ich Ihnen offenbaren müßte, wenn ich aufrichtig sein soll, würde Sie viel härter treffen, als Sie es ahnen können. Und doch erscheint es mir fast wie eine unabweisbare Pflicht, Sie nicht länger in Unkenntnis darüber zu lassen."
„So sagen Sie es mir, Herr Stadtrat — noch einmal


