Nr. 165.
1901
W
WZ!
nser Herz ist eine Harfe, K Eine Harfe mit zwei Saiten; v* In der einen jauchzt die Freude
Und der Schmerz weint in der zweiten.
Und des Schicksals Finger spielen
Kundig drauf die ew'gen Klänge: Heute frohe Hochzeitslieder, Morgen dumpfe Grabgesänge.
_____ P. K. Rosegger.
(Nachdruck verboten.)
Gesprengte Fesseln.
Roman von Reinhold Ortmann.
(Fortsetzung.)
So schnell war der Ausdruck der Bestürzung ivicder aus den Mienen der Amerikanerin verschwunden, daß Hilde ihn gar nicht beinerkt hatte. Aber es war doch noch -immer ein etwas gezivungenes Lächeln, mit dem Felicia fragte:
„So? Sind es deren wirklich so viele? Wer nun weiter! Ich bin schrecklich begierig, noch reicht viel von Deinem Doktor Müller zu erfahren."
„Diesen Wunsch kann ich leider nicht erfüllen; denn ich hüt beinahe schon am Ende. Er war, wie Du Dir denken kannst, -in Westerland der Held des Tages, aber die schlichte Bescheidenheit, mit der er sich allen ihm zugedachten Huldigungen entzog, war fast ebenso bewunderungswürdig wie seine schöne That. Ich hatte ihn mir natürlich auch zeigen lassen, um ihn von weitem anzustaunen. Und nie werde ich die schreckliche Verlegenheit vergessen, in die ich geriet, als mein Vater ihn am zweiten Tage nach dem großen Ereignisse mit in unser Strandzelt brachte, um ihn der Mutter vorzustellen. Ich hätte ihm so gerne etwas recht Schönes gesagt; aber ich glaube, bei diesem ersten Zusammentreffen brachte ich überhaupt keine fünf Worte über die Lippen. Und später wurde es auch nicht viel besser, sodaß er von mir sicherlich keinen anderen Eindruck empfangen hat als den, daß ich eine richtige Gans sei. Ich fühlte oas selbst recht gut und schämte mich immer in tiefster Seele, wenn er trotzdem so gütig und liebenswürdig gegen mich war,"
Trotz ihrer wiederholt betonten Teilnahme für das Erlebnis der Freundin hatte Felicia nur noch mit halber Aufmerksamkeit zugehört.
„Er war selbstverständlich furchtbar interessant", fiel sie Hilde ins Wort. „Das sind solche Helden ja immer. Und gewiß auch ein wunderschöner Mann?"
„Darüber habe ich wohl kein Urteil", sagte die Kleine
zögernd. „Mir kam er allerdings so vor; aber ich weis nicht, ob er auch Dir gefallen hätte. Denn sein Haar wa» schon beinahe ganz grau und er hatte außerdem ein steife» Bein, sodaß er sich beim Gehen immer auf einen Slot stützen mußte."
Felicia atmete tief auf. Nun erst war der peinlich« Eindruck, den der Klang jenes Namens auf sie hervor gebracht hatte, völlig überwunden.
„O weh!" rief sie lachend. „Ein hinkendes Ideals Das ist allerdings nichts für Dich, meine süße, kleine Hilde! Und es wird schon am besten sein, ivenn Du es auch weiter« hin nur aas der Ferne bewunderst. Wann wird er dem hier aus der Bilbslüche crfttjciiien ?"
„Ich weiß es nicht genau; denn ich mochte den Bake» nicht danach fragen. Aber ich habe früher einmal gehörst die Heilstätte solle noch im Laufe des kommenden Winter, eröffnet werden. Und er muß doch wohl schon einige Zeh vorher in M. eintreffen."
„Nun, bei der Gelegenheit ivird ja hoffentlich auch mir das Glück zu Teil werden, ihn kennen zu lernen. Abe» ich sage Dir schon jetzt, daß ich ein scharfes Auge auf Euch beide haben werde. Eine mäßige kindliche Verehrung wil ich allenfalls gelten lassen; zu etwas Weiterem aber dar es nicht kommen. Denn ich gönne Dich nur einem richtiger Königsfohn, nicht einem steifbeinigen Graukopf, der oben drein noch den widerwärtigen Beruf eines Arztes hat."
Hilde war wieder sehr rot geworden, und obwohl fr, gern mit allem Nachdruck erklärt hätte, daß sie den Beruf eines Arztes wunderschön und durchaus nicht widerwärtig finde, verschloß ihr doch die Befangenheit die Lippen Zum ersten Mal ivar sie ein klein wenig unzufrieden mst der vergötterten Freundin, und es regte sich in ihren Herzen die Reue über die Offenheit, mit der sie ihr dst Ursache ihrer freudigen Stimmung anvertraut hatte. Abe» Felicias gewinnende Liebenswürdigkeit hatte den kleines Schatten bald verscheucht. Sie plauderten noch eine Weih von allerlei anderen, minder verfänglichen Dingen, mit als dann die Köchin den Kopf zur Thür hereinsteckte, un, zu melden, der Fleischer sei endlich mit dem bestelltes Braten gekommen, erinnerte sich Hilde mit lebhaftem Bec dauern der Hausfrauenpflichten, die in Abwesenheit bei Mutter auf ihren zarten Schultern lagen.
„Ich muß in die Küche", sagte sie, „und ich kann Dick unmöglich einladen, mir da Gesellschaft zu leisten. Abef Du kommst doch am Nachinittage ivieder — nicht wahrA
„Nein, heute und morgen mußt Du schon ohne mick fertig zu werden suchen, mein lieber Schatz! Ich! habe mi) einer anderen Amerikanerin, die ebenfalls bei meinem Pro-! fessor ftubiert, einen Ausflug nach N. verabredet, von dessen altertümlichen Schönheiten drüben bei uns alle Europw reisenden schwärmen. Für mein Leben gern würde ich Dick mitgenommen haben; aber ich weiß ja, daß es nach hiesige- Begriffen unschicklich ist, ivenn junge Mädchen ohne Väter»


