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„Gnädige Frau Baronin verzeihen = es war so ein Dienstbotenklatsch. . c „
„Nur heraus damit. Also was sagte man von dieser interessanten Dame?"
„Daß — nein, daß der gnädige Herr — als er noch Fähnrich war — sich für dies schöne Fräulein Else — aber, gnädigste Frau Baronin, verzeihen mir altem schwatzhaften Mann , . . es war wirkliche nur Dienstboten- tmtfdji.. /'
„Mhon gut — schon gut", beruhigte Irma lächelnd den Alten, der über seine eigenen Worte sehr erschreckt that. „Derartige Kindereien kommen ja überall vor. — Ich danke Ihnen. Ich bedarf Ihrer nicht mehr..."
Der Alte schlich sich aus dem Zimmer. Irma blteb noch eine Weile am Fenster stehen und blickte nach den roten Ziegeldächern von Jägerhof hinüber. Jetzt glaubte sie den Schlüssel zu der Sinnesänderung ihres Gatten gefunden zu haben!
„Ich werde Dir denn Willen thün, mein Freund", murmelte sie mit spöttischem Lächeln, „und einige Zeit hier bleiben. Die Entwickelung eines solchen Romans zu beobachten, ist stets von Interesse. Das soll mir die Zeit hier vertreiben . . ."
XV.
Pünktlich um sechs Uhr stellte sich Arthur Wedemeyer im Schlosse ein und wurde durch den alten Friedrich, der den Inspektor mit scheelen Augen ansah, in den Speisesaal geführt. , ~~
Herr Wedemeyer hatte Frack und weiße Halsbinde angelegt und trug seiueu Klapphut mit einer gewissen Nachf- lässigkeit, wie der erste Stutzer einer Weltstadt. Herr Wedemeyer gab sehr viel auf seine äußere Erscheinung, die in der That auch der Aufmerksamkeit wert war. Er sah nicht wie ein ländlicher Inspektor aus, sondern tote ein adeliger Junker, der zu seinem Vergnügen Landwirtschaft treibt. Sein gesellschaftliches Auftreten war durchaus tadellos, und eine Unterhaltung konnte er führen, um die ihn mancher Gigerl der Residenz beneiden mußte.
Tie Baronin war daher angenehm überrascht, als Eitel Fritz ihr Herrn Wedemeyer nochmals vorstellte. Sie hatte den hübschen jungen Beamten bei ihrem Einzuge bereits benterkt, aber die Begegnung war nur sehr flüchtig gewesen. Jetzt erst lernte sie Herrn Wedemeyer derart kennen, daß sie beschloß, ihn für ihre Pläne auszunutzen.
Zu Anfang des Diners sprach sie nicht viel, sondern beschäftigte sich damit, von Zeit zu Zeit Herrn Wedemeyer forschende Blicke zuzuwerfen, unter denen er jedesmal leicht errötete. Dann lächelte Irma ein wenig — und doch hämisch gefallsüchtig, daß das Blut Wedeuteyers in Wallung geriet.
Zum Diner war außer dem Inspektor noch der Förster Werner geladen, ein schweigsamer, hagerer, rotbärtiger Waidmann, der mit einer gewissen Gier dem Essen und namentlich den guten Weinen zusprach.
Nachdem der erste Gang vorüber war, wandte sich Eitel Fritz an die beiden Beamten.
„Ich ° habe mir das Vergnügen gemacht, Sie einzuladen", sagte er, „einmal um Sie näher kennen zu lernen, dann aber auch, um Jhueu eine Mitteilung zu machen, die Sie anfangs vielleicht überraschen wird. Ich habe mich nämlich entschlossen, meinen ständigett Wohnsitz in Peters- Hagen zu nehmen, und mich der Bewirtschaftung des Gutes zu widmen . . ."
Ter Förster brummte etwas in den Bart, Herr Wedemeyer blickte mit einem leichten Erschrecken auf. Ta begegneten seine Augen dem lächelnden Blick der Baronin, um deren Lippen es leicht spöttisch zuckte. Sofort hatte er die Lage überschaut. Er lächelte ebenfalls, verbeugte sich gegen Eitel Fritz und sagte zuvorkommend:
„Eine ganz vortreffliche Idee, Herr Baron! Wir alle haben schon oft bedauert, daß sich der Herr Baron so selten in Petershagen zeigten. Petershagen ist ein prachtvoller Besitz, je mehr man sich mit ihm beschäftigt, desto lieber gewinnt man ihn, desto schwerer kann man sich von ihm trennen. Auch der gnädigen Frau Baronin wird es hier gewiß mit der Zeit sehr gefallen."
„Ich hoffe es", sagte Irma mit freundlichem Lächeln.
Eitel Fritz warf ihr einen erstaunten Seitenblick zu. „Meine Frau war allerdings heute morgen anderer Meinung . .
„Bitte, mein Freund", unterbrach! sie ihn, „wenn ich Dir widersprach, so wollte ich nur ans die Schwierigkeit Hinweisen, daß Du bislang Dich! um die Landwirtschaft noch wenig gekümmert hast. Wenn Du selbst aber diese; Schwierigkeit nicht scheust und Dich einzuarbeiten getraust^ dann stimme ich! Dir gerne zn, daß wir hier unseren stäu-t digen Wohnsitz nehmen."
„Ich danke Dir, Irma — mehr verlange ich nicht. —j Was das Einarbeiten in die Landwirtschaft anbetriffh so ist das nicht so schlimm — nicht wahr, meine; Herren?"
Ter Förster brummte wieder eine unverständliche Ant-, wort in den Bart und trank ein großes Glas Rheinweiul auf einen Zug aus. Wedemeyer aber erwiderte lebhaft:
„Herr Baron haben vollkommen recht, es ist das für jemanden, der auf dem Lande groß geworden ist, nicht allzuschwer, — allerdings ein sachkundiger Berater müßte dem Herrn Baron zur Seite stehen . . ."
„Nun, — wozu sind Sie denn da, Herr Wedemeyer? Ich hoffe, Sie werden mir Ihre schätzbaren Dienste nicht ent», ziehen. Und was den Wald anbetrifft, so haben wir ja! unseren braven, alten Werner hier, der meinem Vater schon zur Seite gestanden hat."
„Das heißt", brummte der Förster, „ich habe mit Ihrem Herrn Papa manchen Hasen und Rehbock geschossen — um anderes bekümmerte sich Ihr Herr Papa wenig."
Eitel Fritz lachte. „Ja, der gute Papa! — Auf Holz-, rechuungen und Anweisungen znm Äbholzen oder Auf-, forsten verstand er sich nicht. Aber ein pirschgerechter Jäger war er."
/Das stimmt", pflichtete der rotbärtige Förster bei, indem er abermals sein Glas leerte.
Eitel Fritz entwickelte nunmehr seine ZnkunftsplänS in lebhafter Weise. Eine frohe, thatenlnstige Stimmung! beseelte ihn, seit langer Zeit hatte er sich nicht so frei, so glücklich gefühlt. Die Aussicht auf eine geregelte, ihm zusagende Arbeit beglückte ihn und verscheuchte die trüben Gedanken, die früher tote ein Alp auf ihm gelastet hatten. In dieser Arbeit würden Geist und Körper gesunden!
Wedemeyer hörte ihm scheinbar sehr aufmerksam zu. Weit mehr beschäftigte ihn aber der wechselnde Ausdruck in dem schönen Gesicht der Baronin; bald lächelte sis spöttisch, bald nahm ihr Antlitz einen finsteren Ausdruck an, bald warf sie ihm einen Blick zu, der deutlich ihre Zweifel an den Worten ihres Gatten verriet, bald schüttelte! sie leicht das Haupt, blickte sinnend vor sich nieder, um plötzlich aufschauend Wedemeyers Augen zu begegnen — mit einem Blick, der ihm die heiße Glut in die Wangen trieb.
Als man sich erhob, um auf der Gartenterrasse bett Kaffee zu nehmen, war Herr Wedemeyer Feuer und! Flamme für den Plan seines Chefs. Unbedingt müsse der Baron hier bleiben, er, Wedemeyer, werde alle seine Kräfte aufbieten, um der Herrschaft den Aufenthalt so an-, genehm tote nur möglich zu machen und den Herrn Baron so' rasch tote möglich in die Geschäfte einzuführen.
Dabei ruhten seine Blicke in begeisterter Verehrung auf der schlanken, vornehmen Gestalt Irmas, die in nach^ lässiger Haltung in einem amerikanischen Schaukelstuhl! ruhte und den blauen Wölkchen ihrer Zigarette nach-, blickte. Ihr schmaler Fuß in den niedrigen Schuhen aus feinstem Glanzleder und dem schwarzseidenen Strumpf, durch den die zarte Haut rosig durchschimmerte, sah unter dem Saume des Kleides hervor, der linke Arm hing schlaff nieder, während von dem rechten, der sich auf bte Lehne; bes Stuhles stützte und in den schlanken Fingern bis Zigarette hielt, ber weite Aermel zurückgesallen war ,sodaß er in seiner feinen, weichen Rundung bis über den Ellenbogen sichtbar wurde.
Herrn Wedemeyer flimmerte es vor den Augen. Noch nie in seinem Leben hatte er eine solche reizvolle Er-t scheinung gesehen.
„Wollett Sie nicht neben mir Platz nehmen, Herr Wed^ melier", sagte nach; einer Weile Irma. „Ich möchte mich gern über meine Pflichten als Landwirtin belehren lassen.^
Es zuckte spöttisch! um ihren Mund, aber unter bett langen bunklen Wimpern hinweg traf ihn ein heißer, rascher, auffordernder Blick, ber ihn bis in bie Tiefe seines Herzens erbeben machte.
„Gehen. Sie nur, Wedemeyer", lachte Eitel Fritz, „und suchen Sie in meiner Frau bie Lust am Landleben zu er-


