Dienstag den 17. September.
Nr. 132.
1901.
L
SSV
M
Heller, Hellern beigelegt, « Machen, daß man Thaler trägt.
(Nachdruck verboten.)
Prüfung.
Kriminalerzählung von E.HainLerg,
(Fortsetzung.)
Im Forstmeisterhause war die Stimmung, wie sich nicht Binders erwarten ließ, eine sehr gedrückte. 5zanna war gänzlich gebrochen. Als Tag unt Tag verstrrch, ohne daß das »Schicksal des geliebten Bruders sich wendete, dagegen, alle Fäden sich scheinbar zusammenspannen, die sich zu einem unentwirrbaren Knoten zusammenfügten, da wollte auch Lei ihr die Hoffnung nicht mehr standhalten, um so mehr, tals der Freund, dem sie so voll vertraut und aus den sie all ihren Glauben gefetzt, sich seit seinem letzten Besuche micht wieder hatte blicken lassen. Es waren zwar erst wenige Tage seitdem verflossen, und doch dünkte es Hanna, als hätte er auch nicht einen Tag versäumen dürfen, ihr seine jfvrtdauernde Liebe zu zeigen und versuchen sollen, ihr Trost jeinzuflößen. Von Tag zu Tag hatte sie gehofft, morgen muh es sich erfüllen, muß endlich Roberts, Geschick sich wenden, es ist ja unmöglich, daß Gott sich seiner nicht erbarmen und die Wahrheit zu Tage bringen sollte. Doch vergebens ihr Hoffen, vergebens die frohe Zuversicht aus des Freundes teilnehmende Sorge. Niemand kam, um sie zu trösten, den beiden Trostbedürftigen seine Teilnahme zu bezeugen — auch er nicht — und er hatte doch bei seinem Letzten Abschied mit so vertrauenswürdigem Tone gesagt: .Hoffen Sie, Hanna!" Und nun? Warum kam er nicht? Wußte er nicht, daß allein schon seine Nähe, sein freundlicber Zuspruch sie aufrichten würde? Oder hatte auch er die Hoffnung aufgegeben und scheute sich nun, ihr seine völlige Mutlosigkeit zu zeigen? Oder zweifelte er gar an ihres Bruders Schuldlosigkeit? O, daß auch die teuersten Menschen Ans zuweilen so unverständlich und fremd werden können! versunken schien das kaum entsprossene, noch tief „verhüllte zarte Herzensglück. Sie schalt sich selbst eine Thörin, daß sie seinen Worten eine solche Deutung unterlegt hatte. Das warm Ausdrücke einer gewissen, freundschaftlichen Teilnahme gewesen; aber die Teilnahme mußte schwinden, sobald er an die Schuld ihres Bruders glaubte. Hanna schlug die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich.
Anders hingegen äußerte sich bei Frau Bertha der Schmerz. Anscheinend ungebrochen, mit kaltem, steinhartem Gesicht, in dem auch nicht das geringste Zucken die brennende Wunde ihres Innern verriet. Und doch war ihr Schwerz kein geringer. Das entsetzliche Schicksal ihres Gatten und
der Schatten, der damit zugleich! aus ihre Frauenehre gefallen, das waren beides vernichtende Schlage, aber ste hatten sie nicht niedergeworfen, sondem aufserntteti ans ihrem eiteln, genußreichen Leben. „Es ist Dem Werk, rief ihr die innere Stimme zu, als man ihren ^tien ver- haftet, „Dein ist die Schuld!" als ste von der abscheulichen Anschuldigung hörte, die man über sie in Umlauf gebrachti „Und bist Du auch rem von dieser Schuld, die man Dir aufbürdei", sagte ihr diese Stimme weiter, „so hast TU dock den Grund zu dieser Anschuldigung selbst gegeben; denn ohne Dein kokettes Betragen würde man nie gewagt haben, in solcher Weise Deinen Ruf, anzutastenti
Das waren bittere, demütigende Gestihle für ihren Stolz. Fn ihrem bisherigen Glück, auf der Siegeshohe ihrer eitlen Triumphe, hatte sie nach dem Urteil der Welt Nicht gefragt, ja in ihrem Uebermut denselben wagehalsig aufs,Spiel gesetzt. Jetzt zum erstenmal kam es ihr zum Bewußtsein, daß man, ohne im eigentlichen Sinne etwas Boses zu chun, dennoch schuldig sein kann, und daß hauptsächlich dm Frau die ihr von Sitte und ihrer eigenen Würde vorgeschriebenen Grenzen nicht ungestraft übertreten darf.
In früheren guten und glücklichen Tagen hatte die Klatschsucht der Welt wohl kaum mehr als em kaltes, verächtliches Lächeln bei ihr hervorgelockt, jetzt aber bereitete ihr dieselbe qualvolle Schmerzen, die Reue und bittere Selbst- Vorwürfe erzeugten. Daneben aber sagte ste sich auch, Nicht thatenlose Reue ist, was die Vergebung sichert, sondern ern mutiges Handeln, dem es vielleicht vergönnt ist, Licht m das geheimnisvolle Dunkel zu bringen. Da hatte der letzte Besuch Helds und das mit ihm geführte Gespräch ernen entscheidenden Einfluß aus ihr nächstes Thun m dieser Angelegenheit ausgeübt. Sie sagte sich, wenn desl Amtsrichters Vermutung, daß der rothaarige Begleiter Karstens dem Ver- brechen nicht fern steht, die richtige ist, dann hat der eine nur im Einverständnis mit dem andern gehandelt, und ste werden auch ferner geheimen Verkehr miteinander unterhalten. Dies zu erforschen, sei meine Aufgabe.
Es war am vierten Tage nach Helds Besuche,im Forst- meisterhause, als sich zu später Abendstunde eine Dame bei Held melden lieh. „©ine Dame? sagte dieser erstaunt zu der meldenden alten Frau, »und ihr Name?
„Den wollte sie nicht nennen, aber ste hat nur dies Briefchen an den Herrn Amtsrichter mitgegeben
Held nahm das Dargereichte. , Es war ern kleines Couvert in Visitenkartenformat und eme solche enthielt auch, „Frau Bertha Werner bittet in wichtiger Angelegenheit um Gehör", stand darauf. , ,,, ..
Bitten Sie die Dame einzutreten, es handelt sich um eine "geschäftliche Angelegenheit", wandte er sich an die Fran zurück^ entfernte sich und öffnete gleich darauf der» Fremden die Thür. „,
Held ging ihr einige Schritte entgegen, blieb aber dann erstaunt stehen, Er hatte die Forstmeisterm erwartet =,


