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kam. Aber er gewann es nicht über sich, ihr zu gehorchen. Denn welchen Namen er immer dem Gefühl geben mochte, das er für Margarete Willisen hegte — die große gewaltige Liebe , die Liebe, an die sie selbst bei ihrer Frage ohne allen Zweifel dachte, war es nicht. So sah er ihr nicht ins Ange und blieb stumm.
Sie aber spracht mit einem kleinen Lächeln und mit einer plötzlichen Munterkeit, die er in seiner Thorheit für echt nahm, weiter: „Nun, wollen Sie jetzt noch länger behaupten, daß ich mich täusche? Wahre Freunde sollen vor allem ehrlich! sein, und ich weiß, daß Sie viel zu sehr mein Freund sind, um mich zu belügen. Damit Sie sich aber nachher nicht etwa mit ganz grundlosen Vorwürfen quälen, will ich Inen noch etwas sagen. Wenn Sie mir jetzt mit den heiligsten Eiden geschworen hätten, daß es gar nicht Ihr Wunsch sei, mir etwas Gutes zu erweisen, sondern daß Sie selbst an gebrochenem Herzen sterben würden, wenn ich Sie mit einem Korbe fortschickte — Sie hätten diesen Korb trotzdem bekommen. Und Sie wären mir darum nicht böse gewesen, nicht wahr?"
„Wie könnte man Ihnen böse sein, Fräulein Margarete!" sagte er verwirrt und mit einer Empfindung aufrichtigen Kummers im Herzen. „Ich hatte gehofft, daß diese Unterredung anders ausgehen würde; aber Sie haben mir ja allen Mut genommen, weiter in Sie zu dringen."
„Nein, das sollen Sie auch nicht. Es würde Ihnen ja ebenso viel Verlegenheit bereiten wie mir. Wir wollen denken, daß wir diese Viertelstunde nur im Traum erlebt hätten, und wollen sie vergessen wie irgend einen närrischen Traum."
„Und wie soll unser Verkehr sich! nun künftig gestalten? Ihre Frau Mutter hat mir sozusagen das Haus verboten —, und so empörend ihre Gründe an und für sich auch sind — kann ich ihnen doch nach! dem, was sie mir mitgeteilt hat, eine gewisse Berechtigung leider nicht absprechen."
„Wir werden uns dann eben nicht mehr so häufig sehen dürfen wie früher — vielleicht nur, wenn der Zufall uns einmal an einem dritten Orte zusammenführt. Aber ich meine, wir brauchen darum nicht minder herzlich und freundschaftlich aneinander zu denken."
„Sie finden sich leicht in die Veränderung, Fräulein Willisen", sagte er mit einem Anflug von Bitterkeit. „Und Sie werden dem Zufall, der uns an einem dritten Orte zusammenführen könnte, natürlich so behutsam als möglich aus dem Wege gehen. Ich aber werde keine ruhige Stunde mehr haben; denn unablässig wird mich die Sorge peinigen, daß Sie sich in dem grausamen Kampfe ums Dasein aufreiben, daß Sie vielleicht der Not und der Verzweiflung preisgegeben sind, während ich! Ihnen nichts als das für mich Ueberflüssige zu geben brauchte, um Sie davon zu befreien."
Jetzt war sie es, die ihm freiwillig ihre Hände reichte. „Bon solcher Sorge sollen Sie sich! nicht beunruhigen lassen, mein Freund! Ich bin gar nicht so stolz, wie Sie es zu glauben scheinen. Wenn es uns wirklich jemals so schlecht gehen sollte, wie Sie es da ausmalen — dann — ich verspreche es Ihnen — dann werde ich. mich gewiß an keinen andern um Beistand und Hilfe wenden als an Sie."
.Wirklich? — Werden Sie das thun? — Sie geloben es mir feierlich, Fräulein Margarete?"
„Ich! gelobe es. — lind nun — zürnen Sie mir darum qicht — nun ist es doch vielleicht besser, wenn Sie gehen, ehe meine Mutter zurückkommt. Sie ist in manchen Dingen ein wenig sonderbar, und ich möchte ihr bei ihrem leidenden Zustande so gern jede Aufregung ersparen. Sie verstehen muty, nicht wahr? — Und Sie verübeln es mir nicht?"
„Nein", sagte er. „Sie haben recht — es ist am besten, wenn ich gehe."
Aber er hielt ihre Hände noch immer fest und sah ihr ins Gesicht, als wäre doch das letzte Wort noch nicht zwischen ihnen gesprochen. Er war bitter unzufrieden mit sich selbst; denn er fühlte, daß die Art, wie er seine Werbung vorgebracht und wie er ihre Abweisung hingenommen hatte, gar nicht der wahre Ausdruck seiner Empfindungen gewesen war. Es drängte ihn, ihr etwas
recht Warmes und Herzliches zu sagen — etwas, das sie davon überzeugte, wie geru und freudig er ihr Ja em» pfangen hätte. Aber das herzliche Wort wollte ihm nicht einfallen, solange es noch Zeit dazu gewesen wäre, und als sie ftd)' dann mit einem freundlichen: „Leben Sie denn wohl, Herr Irnberg!" von ihm losgemacht hatte, war es zu spät.
Bis an die Wohnungsthür gab sie ihm das Geleit, und auf der Schwelle sagte er ihr, was er allenfalls jedem gleichgiltigen Bekannten hätte sagen können, von dem er auf längere Zeit Abschied nahm.
Enttäuscht und niedergeschlagen ging er von dannen. Margarete Willisen aber lauschte hinter der geschlossenen Thür, bis der Klang seiner Schritte auf der Treppe verhallt war. Dann flüchtete sie in das Zimmer zurück, schob den Riegel des Schlosses vor und sank, das Gesicht in den Händen verbergend, auf den nächsten Stuhl.
In schier übermenschlicher Selbstbeherrschung hatte sie sich so lange aufrecht erhalten und hatte dem Manne, den sie mit der ganzen Kraft ihres jungen unberührten Herzens liebte, bis zum letzten Augenblick eine freundlich lächelnde Miene gezeigt. Nun aber war es mit ihrer Fassung vorbei, und in heißen Thränen strömte sie den Jammer ihrer armen, gemarterten Seele aus.
(Fortsetzung folgt.)
Der Herr Direktor.
Eine lustige Geschichte von Alwin Römer.
(Nachdruck verboten.)
„Na, nun geh' mit Gott, alter Freund, gestärkt bist Du!" sagte Dr. Schwennecke zu seinem Studienfreunde Emanuel Grasmüller, der in untadelhaftem Besuchsanzug auf dem Sopha saß, und soeben den letzten Rest Rheinwein" hinuntergoß, den ihm der Doktor trotz seines Widerstrebens noch eingeschenkt hatte. „Nochmals: Die Hauptperson bleibt der Bärenwirt. Wenn der seine Tatzen über Dich breitet, hast Du gewonnen. Alle die anderen sind Dir sicher! Aber dessen Anhang giebt den Ausschlag bei der Wahl. Sei also tiiig. Laß Dich durch seine Grobheit nich!t abschrecken, und verschlucke jeden Widerspruch, wenn er irgend etwas Verrücktes behauptet! Das ist einmal seine Schwäche!"
„Ich danke Dir, Heinrich!" sagte Grasmüller, der sich! in dem Städtchen, wo Schwennecke Praktizierte, um das Direktorat der „Höheren Töchterschule" bewerben wollte. „Vielleicht erringe ich seine Gunst."
„Wollen's hoffen! Daß Du im „Löwen" abgestiegen bist, wird ihn natürlich kränken. Aber umziehen darfst Du, wie gesagt, nicht mehr! Der Löwenwirt hat schließlich auch seinen Einfluß!"
„Und wenn die Wahl am letzten Ende davon abhängt, ob ich mich dem „Bär" oder „Löwen" überantwortet habe, so mag die ganze Geschichte die Katze holen! Ich müßte ja ein Kamel sein, wenn ich mir darüber dann ein graues Haar wachsen lassen wollte!"
„Hm. . .," meinte der Doktor, „mit Deiner Zoologie scheint es just nicht weit her zu sein, alter Freund! Kamele mit grauen Haaren? . . - §m . . . wenn sich das die Zöglinge Deiner Privatschule in Winkelhausen haben aufbinden lassen: schön! . . • Unsere höheren Töchter würden Dich auf solch Kennzeicheu hin eher unter die Einhufer Solidungula und zwar als Equus asinus einreihen . . • Und nun mach Dich auf! Meine Kranken wollen mild} auch genießen, obwohl ich sicher bin, von manchem vielleicht "zu derselben Gattung gezählt zu werden, die Du in Deinem zoologischen Unverstand für Kamele ausgeben möchtest!"
Emanuel Grasmüller machte sich auf den Weg. Sein Herz war voll Hoffnung, trotzdem er in anderen Städten schon verschiedentlich! um ähnliche Aemter sich beworben hatte, und durchgefallen war. Hier in Lachnitz standen, wie ihm der Doktor verraten hatte, von den Bewerbern keine in verwandtschaftlichen Beziehungen zu den entscheidenden Personen. Ta wollte er auf Grund seiner Zeugnisse, die er eingereicht hatte, seines Lehr-Geschicks, das er morgen in einer Lehrprobe beweisen konnte, schon Eindruck machen! Mochte der behaupten, was er wollte! Seine Parole war: Ter dumme Bärenwirt soll mich nicht


