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Er eilte rasch hinaus, ohne eine Erwiderung des Doktors abzuwartcn. Der aber sah ihm kopfschütterlnd nach.
„Er ist wahrhaftig tut stände, es zu thun", sagte er bei sich selbst. „Daß Doch gerade die besten Menschen so oft wie toll und blind in ihr Verderben rennen müssen!"
Sechstes Kapitel.
DieAbcndschatten eines trüben Augusttages senkten sich nieder, als Rudolf Jmberg langsam und in müder .Haltung wie jemand, der auf einem schweren Gange begriffen ist/ dem alten Hause in der Johannesstraße zuschritt. Er hatte sich in diesen wenigen Monaten sehr verändert. Sein Gesicht war bleich utid hager geworden, ein bitterer, schmerzlicher Zug hatte sich von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln herab darin eingezeichfltet. In seinen Augen aber und auf seiner Stirn war die Festigkeit eines unerschütterlichen Entschlusses.
Er verharrte nicht in ungewissem Zaudern vor der Thür der Frau Willisen, sondert- er zog mit fester Hand die Glocke. Als ihm geöffnet wurde, und als er die schlaitke Mädchengestalt im Halbdunkel des Ganges erkannte, trat er rasch über die Schwelle.
„Sie sind es, Fräulein Margarete? — Gott sei Dank! Sie haben es gesund überstanden, nicht wahr?"
„Wie Sie sehen, Herr Rechtsanwalt", erwiderte sie, ihm die Hand zum Gruße reichend. „Man stirbt nicht so leicht, wenn man den Willen und die Pflicht hat, zu leben. Wollen Sie die Freundlichkeit haben, näher zu treten? Meine Mutter ist ausgegangen, um sich in einem Geschäft wo man Handarbeiten zu vergeben hat, persönlich! vorzustellen. Aber ich erwarte sie in jedem Augenblick zurück."
Sie sprach mehr und hastiger als sonst, wie um dadurch Herrin ihrer Verlegenheit zu werden, die Rudolf doch unmöglich entgehen' konnte. Als sie einander in dem erleuchteten Zimmer gegenüberstanden, erschraken sie beide vor der Veränderung, die mit ihnen vorgegangen war, seitdem sie sich zutn letzten Male gesehen hatten.
Margarete fragte im Tone aufrichtiger Besorgnis: „Wie angegriffen Sie aussehen, Herr Jmberg! Sie waren doch nicht krank?"
„O nein — etwas überarbeitet vielleicht. , Aber das hat durchaus nichts zu sagen. Ich will Sie nicht fragen, Fräulein Margarete, wie Sie diese entsetzlichen drei Monate --"
„Nein, nein", unterbrach sie ihn flehend, „prägen Sie mich nicht! Lassen Sie uns nicht davon sprechen — niemals —ich bitte Sie darum!"
„Gewiß nicht, wenn Sie es so wollen. Ich kam ja auch, um von etwas anderem mit Ihnen zu reden, und ich! nehme es für eine glückliche Fügung, daß die Abwesenheit Ihrer Mutter mir gestattet, es ohne Umschweife zu njutt. Glauben Sie an die Aufrichtigkeit meiner Freundschaft, Fräulein Margarete?"
„Wie dürfte ich daran zweifeln nach, alledem, was Sie für ntidj1 — was Sie für uns gethan haben!"
„O, es war wenig genug, und Ihre Mutter hatte wohl recht, als sie mir vorwarf, daß es Ihnen mehr zum Schaden als zum Heil gereicht habe. Nun aber, nun möchte ich etwas thun, das Ihnen--- — nein, nicht
so! Haben Sie Nachsicht mit mir, wenn ich es nicht auf die rechte Weise vorzubringen verstehe."
Es wurde ihm nun doch unendlich viel schwerer, als er es sich vorgestellt hatte. Darüber, daß er seine Werbung nicht in das Gewand einer feurigen Liebeserklärung kleiden dürfe, war er ja keinen Augenblick tut Zweifel gewesen. Aber er hatte sich über die geeignete Form sticht viel den Kops zerbröckelt, weil er meinte, der entscheidende Augenblick werde ihn schon die passenden Worte finden lassen. Nun erkannte er mit Bestürzung, wie arg er sich darin getäuscht hatte.
Wieviel magerer und blasser sie auch in diesen drei Monaten geworden war, nie war ihm Margarete doch so lieblich erschienen , als in dieser holden Verwirrung, die seine ungeschickte Einleitung verschuldet hatte. Und er fühlte, daß er diesem anmutigen Geschöpf, das sonst so ganz dazu geschaffen gewesen wäre, einen liebenden Mann zu beglücken , feine Hand nicht wie ein großmütiges Gnadengeschenk anbieten dürfe. Er liebte sie nicht, davon
fühlte er sich auch jetzt noch im innersten Herzen überzeugt — liebte sie wenigstens nicht so, wie er einst geträumt hatte, das Weib zu lieben, das seines Lebens Glück und Inhalt ausmachen sollte. Aber die Vorstellung, den ganzen Rest! seines Daseins mit dem ihrigen zu verschmelzen, hatte jetzt, seitdem er sie in all ihrer zarten, sanften Schönheit vor sich, sah, doch alles Beängstigende und Bedrückende für ihn verloren — alles, was ihn berechtigt hätte, seinen Entschluß noch länger für ein entsagungsvolles Opfer zu halten. Ja, es regte sichj in ihm zunt ersten Male etwas wie eine dunkle Empfindung, daß vielleicht sie es sei, die hier das schwerere Opfer bringen ntüsse, und dieses unbestimmte Gefühl ließ ihn zaghaft und unsicher sekundenlang vergebens nach Worten suchen.
Aber er sah die Pein, die sie bei seinem Zaudern litt, und darum machte er ihr mit raschem Entschluß ein Ende.
„Ich bin gekommen, Fräulein Margarete, um Ihnen eine Frage vorzulegen, die bedeutsamste, die von einem Manne an ein junges Mädchen gerichtet werden kann. Wollen Sie mir vor aller Welt das Recht einräumen, Ihnen schützend und schirmend zur Seite zu stehen? Nicht bloß bis zu dem Tage, an dem Ihre Rechtfertigung erfolgt sein wird, sondern für immer — und nicht als Ihr Freund, sondern als Ihr Gatte?"
Es war geschehen, und er atmete auf. Eine seltsame Freudigkeit war über ähn gekommen in demselben Moment, da er das entscheidende Wort gesprochen hatte. All die schweren Kämpfe dieser letzten Monate, er vermochte sie gar nicht mehr zu begreifen. War auch das Glück, nach, dem er da seine Arme ausstreckte, nicht berauschend und überschwenglich, sondern still und bescheiden, so war es doch ein Glück — das ließ ihn die Stimmung dieses Augenblicks voll und überzeugend empfinden.
Da Margarete schwieg, wollte er auf sie zutreten, um ihre Hände zu ergreifen, aber sowie sie seine Absicht erkannte, blickte sie auf, und die stumm beredte Bitte in ihren Augen ließ ihn betroffen von seinem Vorhaben abstehen.
„Sie antworten mir nicht?" sagte er. „War m meiner Frage etwas, das Sie gekränkt oder verletzt hat, Fräulein Margarete?"
„Nein", erwiderte sie leise. „Ich empfinde dte ganze Hochherzigkeit dessen, was Sie da thun, und Sie dürfen mir glauben, daß ich Ihnen bis an mein Lebensende dafür dankbar bleiben werde, aber--"
„Aber?" — Er hätte das Wort nicht erregter und ängstlicher wiederholen können, wenn er mit den Hoffnungen eines wirklichen Liebhabers hierher gekommen wäre. „Aber Sie weisen meinen Antrag zurück?"
„Könnten Sie mich denn stpch länger achten, Herr Jmberg, wenn ich etwas anderes thäte?" _
Darauf war er nicht gefaßt gewesen. Er stotterte wohl ein paar Worte, aber es war keine Erwiderung auf thre Frage. Und sie kam seiner Ratlosigkeit zu Hilfe.
„Sie haben sich meinetwegen mit Ihrem Vater entzweit", fuhr sie fort. „Stellen Sie es nicht in Abrede; denn ich weiß es, wenn auch erst seit heute. Und da Sie in dem Irrtum besangen sind, daß Sie etwas an mir gut zu machen hätten, wollen Sie nun selbst vor dem schwersten, verhängnisvollsten Schritt nicht zurückMecken, dem letzten, den Sie nach Lage der Dinge überhaupt noch für mich thun können. Das ist -edel und großmütig — aber es ist viel zu edel und großmütig, Herr Jmberg, als daß ich es annehmen dürfte."
„Aber Sie täuschen sich — die Deutung, die Ste meiner Handlungsweise geben, ist falsch — ich versichere Sie —"
Ihr ruhiges Kopfschütteln machte ihn verstummen.
„Lassen Sie uns doch auch- heute aufrichtig gegeneinander fein, wie wir es zu meiner Freude bisher tmntier waren. Wenn ich Sie jetzt auf Ehre und Gewissen fragte, ob Sie mich, aus Liebe, aus echter, wirklicher Ltebe zur Frau begehren, dürften Sie mir dann ins Auge sehen und mir mit Ja antworten?" ‘
Es war eine Stimme in ihm, die thm zurtef, zu thun, was sie da heischte — eine Stimme, die gewiß nicht aus dem Kopfe, sondern aus dem tiefsten Herzen


