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war er jedoch so ganz und gar von seinen eigenen Gedanken und Phantasien in Anspruch genommen, daß er weder das Gold der Sonne auf rotem, gelbem und grünem Laub noch das Glitzern und Plätschern des Wassers bemerkte.
Der korrekte, nüchterne Revisor phantasierte. Um sie spannen seine Gedanken und Träume ihr luftiges, goldenes Gewebe, an sie dichtete er diese Worte, unausgesprochen, aber doch in seiner Seele lebend. Nie aber sollten sie über seine Lippen kommen.
„Sie saß vor einigen Tagen da, den Kopf halb äb- gewandt. Ich betrachtete sie, und ich! dachte so viel Süßes und Dummes und Thörichtes. Da mußte sie meinen Blick gefühlt haben; denn sie wandte sich hastig um, und ihr Blick begegnete dem meinen. Sie wurde zuerst rot wie Purpur und dann blaß wie eine Leiche, und sie führte die Hand plötzlich ans Herz und sah aus wie ein zum Tode erschrockener kleiner Vogel. Arme kleine weiße Taube — und ich, ich liebe sie so! Hätte ich ihr da etwas gesagt, so würde ich sie für immer verscheuch-t haben. Sie versteht die Liebe und Leidenschaft nicht, möchte sie nie zur Kenntnis derselben erwachen! Schlaf, schlaf, Herz, in Ruh — denn erwachst du, so muß ich dich! ihm lassen, der dich zum Leben erweckt hat — nicht einen Tag würde ich dich zurückhalten, aber der Tag, an dem du fortgingest, würde auch meinen Tod sehen.
„Manchmal ist meine Sehnsucht, ihr alles zu sagen, unwiderstehlich; aber wenn ich es auch wagte, meine Zunge- könnte doch niemals Worte finden. Es giebt keine Worte dafür, es ist zu mächtig und groß für die alltägliche Sprache, und mir ist die Gabe des Wortes auch nicht gegeben."
„Aber eines Tages wird die Verzauberung gehoben, das Band meiner Zunge gelöst werden, und die Worte werden ungehindert kommen, hervorströmend wie gewaltige Wogen — an dem Tage, da ich sterben muß. Sie wird an meinem Bette sitzen und meine Hand in der ihren halten, und ihre großen, herrlichen Augen werden mit Thränen gefüllt sein — Thränen des Mitleids und der Dankbarkeit und vielleicht des Vermissens. Ich weiß nicht, ob sie selbst dann mich verstehen wird — ich werde doch sprechen, weil es dann gesagt werden muß — sterbend werde ich ihr meinen jubelnden Liebes-Schwanengesang singen. Sie kann nicht mehr erschrecken, wenn ich sterben muß und es zu spät ist, etwas zurückzufordern von all dem Mächtigen und Reichen und Seligen, das ich empfunden, und das sie mir nie hat wiedergeben können. Aber so wird meine Todesstunde der glücklichste Augenblick meines Lebens werden. . . und sie wird meiner gedenken und über mich weinen. . ."
Das Unergründliche, das Unfaßliche, das Entsetzliche ist geschehen. Sie ist tot und nicht er. Sie war nur ein paar Tage krank, und noch an dem Morgen, als er nach seiner Bank ging, ahnte niemand, daß das Ende so nahe sei. Es war ein Herzschlag und kam ganz plötzlich, während er fort war. Niemand war bei ihr gerade da, niemand hielt ihre Hand, als ■ der Lebensfunke erlosch, und auch niemand wußte, was ihr letzter Gedanke gewesen. . .
In einer Schublade ihres Schreibtisches fand der Revisor ein versiegeltes Couvert mit der Aufschrift: An meinen Gatten. Nach meinem Tode zu öffnen.
Er erbrach das Couvert und fand einen kleinen Brief darin. Er entfaltete ihn und las:
„Wenn ich tot bin, wird dieses in Deine Hände kommen. Es soll Dir sagen, was meine Zunge niemals hat aussprechen dürfen — daß ich Dich liebte, Dich immer geliebt habe mit der brennenden/ ungeteilten Liebe meines ganzen Herzens! Du nahmst miä) aus Barmherzigkeit, aus Mitleid, und Du bist immer gut zu mir gewesen, aber es war eine Güte, die mein Herz hungern und frieren ließ. Es war etwas anderes, etwas viel Größeres, nach dem mein Wesen sich sehnte, nicht nur dieses Matte, Achtungsvolle, Beschützende. Ich hätte Dich darum bitten mögen, aber etwas hielt mich immer zurück — ich fürchtete Deinen mißbilligenden Blick oder ein Wort, das uns von einander entfernen würde, statt uns näher zu bringen. Manchmal glaubte ich eine Erwiderung meiner Gefühle in Deinem zögernden Blick oder im Beben Deiner Stimme zu lesen, und mein Herz
hörte auf zu schlagen, in atemloser, entzückter Erwartung — aber es war nur meine eigene Sehnsucht, die mich betrog. Deine Natur ist so, daß Du die rote, zündende Flamme der großen Liebe nicht verstehen kannst, die alle Gefühle in sich schließt. Keiner anderen Frau hast Du mehr gegeben als mir, das weiß ich; alles, was Deine kühle Natur geben konnte, wurde mein, aber, o Robert, wie arm und wenig war es gegen die brennende, bebende Sehnsucht meines Wesens!
Und gleichwohl danke ich Dir und segne den Tag, der mich zu Deiner Frau machte und mir Dich! zum Freund, zur Stütze und zum Gefährten gab. Hab Dank für alle Erinnerungen, für alles, was unser Gemeinsames wurde — daß das Tiefste, Wesentlichste fehlte, dafür konntest Du nicht. . .
Ich bin froh, daß Du es nun weißt, und daß ich es Dir gesagt habe. Du wirst mild von der Toten denken deswegen, und Du wirst oft nach meinem Grabe gehen und Blumen darauf streuen, aber es sollen die roten Rosen der Liebe sein, Robert! •
Wenn dieses in Deine Hände fällt, ehe ich begraben bin, so gehe und lege Deine Hand auf mein Herz, unb es wird sie vielleicht fühlen, und flüstere meinen Namen, wie Du es uie gethan hast, so lange ich lebte, und mein Ohr wird es vielleicht vernehmen..."
Das Papier entfiel seiner Hand, er barg das Gesicht in den Händen und brach in gewaltsames Weinen aus, zum ersten Male seit seiner Kindheit.
Blumenpflege.
DasAb st erben derNelkenstöcke von der Wurzel an aufwärts wird durch, mikroskopisch kleine Aelchen verursacht, welche massenhaft in der rohen Lehmerde unter der Rasenfläche vorkommen. Daher ist es angezeigt, als Nelkenerde niemals Lehm in frischem Zustande zu verwenden, sondern denselben vor der Benutzung erst längere Zeit liegen zu lassen und ihn von allen Pflanzenüberresten zu säubern.
„Prakt. Wegweiser", Würzburg.
Biideerätsel.
(Nachbildung verboten).
Auflösung in nächster Nummer.
W
Auflösung des Geographischen Rätsels in voriger Nummer: Kiel, Halberstadt, Parma, Italien, Sachsen, Magdeburg, Transvaal, Rußland — Karlsbad.
Mr Bmenfmmde!
Anfang und Mitte April werden die „Familienblätter" ein Preisrätsel bringen. Die Einsender der ersten vier richtigen Lösungen erhalten als Preis je ein gebundenes Exemplar des von der Kritik als eine Erscheinung allerersten Ranges gekennzeichneten Buches
Siegen oder Sterben.
Die Helden des Bnrenkrieges. Bilder und Skizzen nach eigenen Erlebnissen von Fred. Rompcl, Parlamentsberichterstattcr und Kricgskorrespondcnt der „Volksstimmc" in Pretoria.
Die Namen der Gewinner werden seinerzeit in den „Familienblättcrn" veröffentlicht, und sind die Preise gegen Vorzeigung der Abonnementsquittung in unserer Geschäftsstelle Schulstraße 7 in Empfang zu nehmen.
»edalrion: ®. Burkhardt. — Bruck und «erlag der Brühl'schen Umserfi-Stl^uch- und ©tetabruderei (Pietsch »rde«) tx Meße»


