Ausgabe 
17.3.1901
 
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einen Fuß ja nicht aufzutreten. Wo willst Du aber Krücken herbekommen?"

Der Zimmermann kann mir in einer Stunde ein Paar machen. Zwei Besenstiele mit Krücken für die Arme würden schon genügen."

(Fortsetzung folgt.)

Das Ungesprochene.

Novellette von E. Am een.

Aus dem schwedischen Manuskript von Elsbeth Schering.

(Nachdruck verboten.)

Das Charakteristischste an dem Revisor Ek war seine Korrektheit". Niemand konnte von ihm sagen, daß er sich jemals übereifert, sich vergessen oder unüberlegt ge­handelt hätte. Ein strenger Prinzipmensch, unbestechlich rechtlich, pedantisch Ordentlich mit klarem Verstand und einer gleichmäßigen, ausdauernden Arbeitskraft so war er als Jüngling gewesen und so lebte er weiter als Mann von 40 Jahren.

Steif ih seinem Wesen, im allgemeinen alle Ver­traulichkeit ablehnend, Trubel und flottes Leben verab­scheuend, war er zwar ein hochgeachteter, aber nicht be­sonders beliebter Kollege in der Bank, an der er seit vielen Jahren angestellt war.

Was er in seinem Innern eigentlich dachte oder fühlte außerhalb seines Berufslebens, toar für jedermann ein Rätsel. Man nahm an, daß er wenig Gefühle unter seinem rauhen Aeußern barg, und wenn er sich in Gesellschaften zeigte, mochte es- nun im intimen Familienkreise oder bei größerenAbfütterungen" sein, wurde er für langweilig und unverwendbar gehalten, außer wenn am Spieltisch ein leerer Platz war, den er bisweilen ausfüllte, ohne ein eifriger Spieler zu sein.

Daß er irgendwelche Liebesgeschichten der einen oder anderen Art gehabt hätte, hatte man auch nie gehört. Er wurde im Gegeuteil ein klein wenig für einen Weiberhasser und für einen unabänderlichen alten Junggesellen gehalten, dessen Hause seit langer Zeit dieselbe zu Jahren gekommene Haushälterin vorstand, die sich, auch der Gewißheit hin­gab, bis zu seinem Tode Alleinherrscherin in seinem Heim zu bleiben.

Es rief darum große Verwunderung hervor, als man eines Tages, ohne daß jemand vorher eine Ahnung davon gehabt hatte, die Verlobung des Revisors in der Zeitung las, während fünf Wochen nachher Aufgebot und Hochzeit stattfanden. Die Verwunderung war noch größer, daß der Gegenstand ein junges Mädchen von 18 Jahren war, dessen Vater er ganz gut hätte sein können.

, Maria Brunn hieß sie. Er hatte im Hause ihrer Eltern verkehrt, die fast sein einziger intimer Umgang gewesen waren. Zu ihnen war er ungebeten gekommen, und dort hatte er ungeniert gesprochen, wenn er wollte, und ge­schwiegen, wenn er wollte. Es war nicht wahrscheinlich, daß diese ihn in seinem innersten Wesen kannten, er blieb auch ihnen gegenüber verschlossen und zurückhaltend, wie er von Natur war, aber sie hatten ihn seiner vielen vortrefflichen Eigenschaften wegen hochgeachtet. Wenn sie mit andern von ihm sprachen und nicht recht wußten, wie sie ihn beurteilen sollten, schlossen sie immer damit, daß er so korrekt" sei und darin schlossen sie seinen ganzen äußern und innern Menschen ein.

Marias Eltern starben beide gleichzeitig an einer an­steckenden Krankheit, und der Revisor sah sich seiner besten, ja seiner einzigen, wirklichen Freunde beraubt. Statt dessen aber hatte er ein 18 jähriges Mündel bekommen, da der Vater ihn zum Vormund des einzigen Kindes und zum Verwalter des kleinen. Vermögens, das er hinterlassen, ausersehen hatte.

Ernst, steif, feierliche aber mit etwas blasserem Gesicht als sonst, übernahm der Revisor seine neuen Pflichten, von denen die erste war, dem trostlosen, in eine grenzenlose Trauer versenkten Kinde ein Heim zu schaffen.

Er wußte nicht, wie er dazu kam, sein eigenes Haus für ihr sicherstes, friedvollstes Heim zu halten, wo er sie vor den Gefahren und Stürmen des Lebens beschützen und be- .hüten wollte. Er vermochte sich selbst nicht Rechenschaft zu geben über seine Gefühle, über diese unendliche Zärtlich^- keit, diesen Wogenschwall von Glück, Berauschung, Jubel, der

ihn ergriff, und ihn gleichsam in für ihn bis dahin un­bekannte und ungewohnte Regionen schleuderte. Er glaubte, daß es nur das sei, daß dieses hilflose, verlassene, weinende Kind ihn rührte und seine Fürsorge und seinen Schutz anrief. Er wollte dem erst nicht den Namen von Liebe geben, er wehrte sich dagegen wie gegen etwas seiner Un­würdiges, dessen er sich schämte. Seine Lebensbahn lag so sicher abgesteckt da, jede Stunde darin hatte gleichsam ihr wohlgeordnetes Fach, aber eins mit der AufschriftLiebe" war nicht dabei. Als er es aber vor fich selbst nicht mehr leugnen konnte, daß dieses Gefühl gekommen war, und darauf pochte, auch seinen Platz in seinem Dasein zu er­halten, ergriff ihn eine große Angst, die jedoch mit einem überschwellenden Jubel gemischt war. Aber er schloß es in sich ein, wie alles andere, und er hütete es so ängstlich, wie der Gefangenenwärter den gefährlichen Gefangenen, dessen Entspringen Aufruhr und Verwirrung im Gefolge haben würde.

Auch zu ihr sprach er nicht von Liebe, dies Wort gab es nicht in seinem Wörterbuche, und es sollte nie über seine Zunge kommen. Sie, das arme, unerfahrene Kind, das Thränen im Blick und Lächeln auf den Lippen hatte, wie würde er sie erschrecken, wenn er ihr dies sagte er hätte sie ja für immer verscheucht. Er bat auch! sie nicht um Liebe, wie hätte sie die gehen können und noch dazu ihm er bat nur, daß sie verttauensvoll ihre Hand in die seine legen und an seinen ernsten Vorsatz, ihr eine väterliche Stütze, ein ergebener Freund, ein guter Gatte zu werden, glauben möge. Als Vergeltung möge sie ein wenig Sonnen­schein in seinem einsamen Heim verbreiten, es mit ihrer Gegenwart verschönen und vielleicht, wenn er es einst be­nötigte er mußte ja so viel früher altern als sie - ihm die Pflege widmen, die er sonst von gemieteten, un­sanften Händen würde kaufen müssen. So glaubte er, daß sie glücklich werden und ihr Leben zusammen in Friede-,t und Eintracht genießen könnten.

Sie begriff sehr gut daß es nur Mitleid war, was ihn vermocht hatte, sie zu seiner Frau zu machen. Aber sie hatte nicht genug Stolz, ihn zurückzuweisen, nicht genug Kraft, die Hand, die er ihr reichte, loszulassen weil sie ihn.liebte, ihn liebte mit der ganzen ''Glut ihres Herzens und all ihrer Sehnsucht. Es war über sie gekommen wie ein zündender Blitz, als sie, allein und elternlos, niemand hatte, an den sie sich halten konnte, als ihn. Sie war so gewohnt, gestreichelt und geliebt und umschtvärmt zu werden, daß- sie nicht ohne das leben konnte, und als sie sich ohne Heim und ohne ihre Lieben sah, streckte sie ihre Hände in hilfloser Angst nach einem Ersatz aus für das, was sie verloren und da war er ihr der nächste, bereit ihre Hände mit festem Griff zu erfassen und ihr nach Möglichkeit zu er­setzen, was sie verloren. Sie hätte unter Thränen und Lächeln in seine Arme sinken und ihm ins Ohr flüstern mögen, wie sehr sie ihn liebe. Aber seine gemessenen, wohl überdachten Worte, die wie eine auswendig gelernte Lektion klangen, und sein steifes, abweisendes Wesen, und sein fast strenges Gesicht hielten sie zurück.

Mitleid und Barmherzigkeit, das ist alles, was er zu geben jhat", sagte sie Zu sich selbst.Dankbarkeit und häusliche Gemütlichkeit ist alles, was er zurückverlangt. Er soll sich nicht in mir täuschen, ich will sein, was er wünscht, und niemals soll er mit den Gefühlen geplagt werden, die ich vor ihm und der ganzen Welt verbergen will."

Sie legte die Hand auf ihr stark klopfendes Herz, um seinen Schlag zu stillen und es zu beruhigen, und wenn sie ihres Gatten gleichmütigem Blicke begegnete, hatte ihr eigener eine stille Ruhe in sich, wie sich über ihr ganzes Wesen etwas Gedämpftes, Ersticktes, Ergebenes legte. Aber der früher lächelnde Mund hatte einen anderen Ausdruck" bekommen, einen Zug von Bitterkeit und Herbheit.

Der Revisor schlug auf seinem Mittagsspaziergang den Heimweg durch den Schloßgarten ein. Es war Herbst, und der Park entwickelte all seinen prachtvollen Reichtum an wechselnden Farben, die sein Auge entzückt und seinen Sinn gefangen genommen hätten, wenn er poetisch veranlagt gewesen wäre. Aber das war er durchaus nicht. Er liebte Spaziergänge als eine wohlthuende Bewegung nach stunden­langem Stillsitzen, und er empfand die klare kühle Herbst­luft als etwas Erfrischendes für seinen Körper. Im übrigem