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zulaufen." . , I
„Wie lange brauchen wir von jetzt an noch, um nach! | Hanse zu kommen?" . I
„Nun", meinte er, „wenn die Brigg nicht gerade ent | alter Krebs ist, so müssen wir bei einigermaßen günstigem I Wetter doch in sechs Wochen im Kanal sein." I
Sechs Wochen! Eine Ewigkeit, wenn ich bedachte, I daß er noch immer Schmerzen erdulden mußte, und vorher 1 keine ärztliche Hilfe zu erlangen war. Doch wollte ich ihn nicht sehen lassen, wie diese Nachricht mich niederschlug. Wenn es jemals die Pflicht einer Frau war, durch zuver- I sichtliches und mutiges Wesen ihren Mann auszuheitern, so war es die meinige. Mein armer Schatz hatte ja niemand, uni mit ihm zu reden als mich. Beschäftigt mußte er aber werden, sonst hing er zu trüben Gedanken nach — nicht nur über seinen Unfall, und alle die überstandenen Gesahreu, sondern auch über den Verlust seiner Bark, der chm nut vollem Recht die Stimmung verdüsterte, wenn er an die Aussichten in seinem Berufe für die Zukunft dachte.
Sechsnndzwanzigstes Kapitel.
I n h e i m i s ch e n Gewässern.
Brigg „Bolama". Auf See, d. 8. Mai 1860. 38 Grad N. Br. 19 Grad W. L.
Liebster Vater!
Die „Aurora" ist auf See verbrannt. Richard und ich und die übrigen Leute der „Aurora" — mit Ausnahme des Steuermanns — kamen an Bord dieser Brigg, deren Besatzung bis auf einen einzigen Mann am Fieber gestorben war, und bringen nun das Schiff nackjHause. Wir ind ganz wohl und guter Laune. Ein Schiff überholt uns sehr schnell, und ich schreibe in größter Eile, tn der Hoffnung, daß wir den Bries an Bord werfen können. Es scheint ein Schnellsegler zu sein, und wird alpo diese Nachricht wohl schon ein paar Tage vor unserer Ankunft Dir zukommen lassen. Bitte, uns in Sunderland zu erwarten. Das ist unser Bestimmungshafen, ^ch habe kerne Ahnung, wann wir dort ankommen können, habe Dir aber oben unseren augenblicklichen Schisfs-ort angegeben. Unsere Fahrt beträgt ungefähr sechs Knoten.
Mit den besten Grüßen Deine Dich liebende Tochter Jessie Fowler.
„Wirst Du sie bestrafen lassen, wenn wir nach Hause , kommen?" , , „ , < _
Nein, wenn ich nicht etwa von den Reedern der „Aurora"' dazu gezwungen werde. Selbst wenn ich fte gerichtlich verfolgen wollte, sehe ich nicht rechst weshalb Soviel ich weiß, giebl es kein Gesetz, das der Mannichast I verbietest ein brennendes Schiff zu verlassen, während der Schiffer und seine Frau schlafen. Auch habe ich kein I Journal, das ich, vorlegen könnte. Ferner mußte ich er- I klären, daß ich versprochen hatte, ihnen zu verzeihen, sobald sie wieder ihren Dienst verrichten würden, und daß sie das auch gethan haben, toeitn auch, mürrisch und wider- tol(It,%anit würde ich ans der Not eine Tugend machen, und ihnen deutlich zu verstehen geben, daß Du von einer | gerichtlichen Verfolgung Abstand nimmst."
„Sie wissen es schon; ich habe es dem Zimmermann gesagt", erwiderte er. „Er bat mich um Verzeihung, und schwor, es sei alles nur Herons Schuld. Er hofft, wenn er und die anderen ihre Arbeit ordentlich und ehrlich verrichteten, würde ich sie ihrer Wege gehen lassen, wenn wir in den Hasen kämen. Eine Gefängnisstrafe der Kerl hat die Seemannsordnung gelesen — würde ihn rutmerem
„Wenn Du das versprochen hast, haben wir auch kerne weiteren Schwierigkeiten zu fürchten/'
,Neiii, darüber sei ruhig, Jessie. Ware mente Verletzung nur leichter. Wenn ich das Bein bewege, ist der Schmerz
„Thut es auch, weh, wenn die Leute Dich mit dem Gestell aufheben?" .. .
„Gar nicht. Nur toeitn ich vergeste, daß dav Bern gebrochen ist, und es herumdrehe. Wenn tch ganz ruhtg liege, schmerzt es gar nicht, daher glaube tch auch, daß die von Dir angelegten Schienen den gebrochenen Knochen wieder in die richtige Lage gebracht haben. Dann wird er auch gut zusammenwachsen, und ich brauche spater nicht mit einer kurzen und einer langen Spiere herum-
Diesen in größter Eile geschriebenen, und adressierten Bries übergab ich „Herrn" Snow. Als dienstthuender Steuermann hatte er jetzt Anspruch daraus, so genantu. zu werden. Er hatte mir versprochen, den Brief an Bord eines eisernen Klipperschisfes zu befördern, das uns mA großer Schnelligkeit einholte, und das wir bereits durch Flaggensignale über unsere Absicht aufgeklärt hatten.
Brausend und zischend kam das stolze Schiss heran. Snow hatte den Brief inzwischen mit einem Scheuerstein beschwert, mit Segeltuch umwickelt, verschnürt und nach Art einer Schleuder zugetakelt. Wie ein Pfeil sauste der Stein durch die Luft, als das Schiff uns in Lee passierte. Er traf das Großmarssegel, und fiel dann auf Deck. An der Luvreeling stand der Kapitän, und rief uns zu: „Wir werden den Brief zur Post befördern."
Zn weiterer Unterhaltung blieb keine Zeit übrig. Im nächsten Augenblick hatte der Schnellsegler uns passiert, und in kaum einer Stunde war er außer Sichst
„Ich wünschte nur, das Schiff hätte uns ins Schlepptau genommen, Jeß", seufzte Richard, als die Leute ihn wieder in die Kajüte getragen hatten. „Aber es schadet nichts. Es hat wenigstens Deinen Brief, und in ein paar Tagen wird Dein Vater wissen, daß die „Aurora" sich auf dem Grunde des Meeres befindet, und daß ferne hübsche Tochter auf der Heimreise ist, und in zehn Wochen mehr vom Seeleben gesehen hat, als viele Leute in viermal | soviel Jahren: Meuterei, Feuer, offenes Boot, afrikanisches Fieber, und ein gebrochenes Bein."
Inzwischen hatten wir, mit Ausnahme eines Sturmes bei Kap Finisterre, fortwährend das schönste Segelwetter, und eines Tages eröffnete mir mein Mann, daß wir aller Wahrscheinlichkeit nach innerhalb der nächsten vierund- I zwanzig Stunden die englische Küste tn Sicht bekommen würden Dies war auch sonst noch ein denkwürdiger Tag
I für mich. Es ereignete sich etwas, das ich niemals er- | wartet hatte, und das mir, hätte ich es vorher gewußt, 1 viele Sorgen erspart haben würde. Seit ungefähr vierzehn
Tagen hatte mein Mann nie mehr über Schmerzen am Bein geklagt. Ich bemerkte, daß er sich bewegte, ohne das Gesicht vor Schmerz zu verzerren, und nahm an, daß ine Schmerzen nicht mehr so häufig seren, tote zuerst. Heute, als wir zu Mittag gespeist hatten, und tch chm Wasch^ wasser brachte, sagte er plötzlich: „Weißt --n, was ich glaube, Jessie? Mein Bein ist wieder zusammengeheilt.
„Wie kommst Du darauf?" fragte ich,
„Nun, zunächst kann ich es bewegen, ohne daß es mir weh thut. Die letzten Tage habe ich Versuche damit anqestellt. Zuerst fühlte ich dabei einen heftigen Schmerz. Ich sagte daher noch nichts, um nicht voreilige Hoffnungen bei Dir zu erwecken. Jetzt aber kann ich es frei bewegen. Sieh!" Damit hob er das Bein, und bewegte es mit großer Leichtigkeit. . , .,
„Fühlst Du gar keine Schmerzen bubet ? fragte ich '„Nicht im geringsten."
Nun, Richard, das scheint mtr aber höchst wunderbar. Dann ist das Bein am Ende gar nicht gebrochen gewesen.
Er schnitt ein Gesicht, und erwiderte: „Das ist es ganz entschieden gewesen, so entzwei wie ein zerbrochener Pfeifenstiel. Aber ich will Dir sagen, was ich glaube, Jeß: Du hast eine glückliche Hand, und entweder, hat sich i der Knochen durch einen wunderbaren Zufall selbst tn | die richtige Lage gebracht, oder Du hast mit Deinen lieben Händen unbewußt das Bein ebenso kunstgerecht geschren wie der geschickteste Chirurg. Das ist meine Ansicht. Der Knochen ist wieder zusammengewachsen, und zwar, wie es sein muß. Wäre das nicht der Fall, so konnte ich das Bein nicht hin und her bewegen, ohne vor Schmerz z schreien, so wenig tote ich ein Ferkel tn einen Sack stecken I kann, ohne daß die Nachbarn es merken."
Ich war außer mir vor Freude, und fragte, tom er nun zu thun gedenke.
„Aufstehen, natürlich!" rief er.
Das schien mir doch zu gewagt; dadurch konnte er I die Sache womöglich noch schlimmer machen, ^ch beichwor I ihn also, vorläufig noch nicht an Aufstehen zu dmiken.
’ „Wenn ich Krücken hätte, könnte es mtr doch nicht
schaden", meinte er. ,,
„Nein", sagte ich. „Dann brauchtest Du mtt dem


