Ausgabe 
17.2.1901
 
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Ah bemerkte, daß Herr Short, der achter« ani Rade stand, mit ziemlich finsterem Gesicht steuerte. So wenig ich ihm auch zugethan war, bildete ich mir doch ein, vielleicht irgend etwas durch eiu nochmaliges Gespräch mit ihm zu erreichen. Da ich die Back von: Ruder aus ebenso gut beobachten konnte, wie vom Oberlicht, ging ich nach achtern.

Haben Sie schon jemals von einer Mannschaft gehört, Herr Short", begann ichdie so kurz nach Antritt der Reise gemeutert hätte, wie diese?"

Ja", erwiderte er,Dutzende von Malen. Man hört ja fast täglich, daß Mannschaften sich weigern, das Spill zu bemannen, und das ist Meuterei schon vor Antritt der Reise."

Aber doch nicht ohne jeden Grund, der die Leute dazu berechtigen könnte?"

O, wenn sie sich zu schwach glaube», ist das schon Grund genug, um zu meutern", antwortete er mit einem häßlichen Lächeln.Manche Matrosen würden unsere Leute noch für sehr geduldig halten, daß sie so lange gewartet haben, bis sie "ihre Beschwerden nach achtern brachten."

Von Meuterei habe ich wohl schon gehört, aber noch nie eine erlebt", sagte ich,Und wenn ich die Leute schon in diesen Geschichten für toll gehalten habe, wie muß ich erst über die Wirklichkeit denken, wo ich dieses Schiff so gut wie verlassen, Wind und Wellen preisgegeben sehe?"

Die ganze Mannschaft im Logis", sprach ich ent­schlossen weiter,eingeschlossen, wo die Leute umkommen müssen, wenn das Schiff zu Grunde gehen sollte; und doch scheinen sie ihr Leben so gering zu achten, daß sie, nur um uns alle in Gefahr zu bringen, irgend eine Beschwerde er­finden. "

Nun, das sagen Sie?" versetzte er unverschämt.Ich aber, der ich auch zu den Leuten da vorne gehöre, wenn ich hier auch zweiter Steuermann genannt werde, und der ich mehr über das Leben int Volkslogis weiß, als Sie jemals erfahren werden, kann die Leute nicht gleich für Lügner halten, weil sie hier achtern eine Beschwerde vorbringen. Ich bin nicht für sie, aber auch nicht gegen sie. Ich habe nichts damit zu. thun. Wenn aber, wie Sie sagen, die Mannschaft lieber ihr Leben aufs Spiel setzt als das Schiff bedient, glauben Sie nicht, daß die Leute an Land dann annehmen werden, die Beschwerden dieser Matrosen müßten doch wohl begründet gewesen sein, da sie es sonst nicht vor­gezogen haben würden, lieber zu ertrinken, als ihrem Vor­gesetzten zu Willen zu sein?"

Wenn das, dachte ich, die Logik ist, die dieser See- Advokat in seiner Unterhaltung nut den Leuten anwendet, kann man sich nicht wundern, daß sie meutern.

Die hinter seinen Worten versteckte Meinung wurde mir allmählich immer klarer, und ich war jetzt fest überzeugt, daß dieser unangenehme Vorfall größtenteils, wenn nicht ganz, den Steuerleuten zuzuschreiben sei. Sie hatten aus­findig gemacht, daß die Mannschaft, wie es leider oft bei Kaufsahrtei-Seeleuten der Fall ist, zum Nörgeln und Murren hinneigte und dieselbe im geheimen noch in diesen Gelüsten bestärkt.

Das Geräusch heftigen Klopfens schreckte mich auf. Gleich darauf trat der Koch aus der Kombüse und rief tnir zu, er lasse sich hängeu, wenn die Leute nicht erstickten. Das Klopfen wiederholte sich, und icfy rannte an das Oberlicht und rief nach Richard. Er kam sofort an Deck und brauchte nicht erst zu fragen, was los sei, da auch er das klopfende Geräusch deutlich vernahm.

Jlha", ries er aus,sie scheinen zur Vernunft zu kommen. Herr Heron", rief er hinunter,kommen Sie sofort an Deck und bringen Sie die Handschellen mit, die auf dem Tisch! in meiner Kammer liegen."

Der Steuermann kam sofort mit den Handschellen.

Nun", rief Richard, indem er die Handschellen an sich nahm und ihn scharf anblickte,kann ich auf Ihre Unter­stützung rechnen?"

Gewiß", antwortete Heron. Er war sehr blaß ge­worden, was mich nicht wunderte. In dem Wesen und Ton meines Mannes lag etwas, das daraus hindeutete, daß er zum äußersten entschlossen sei, so daß der feige, charakterlose Mensch dort vor ihm wohl mit Recht fürchten mochte, daß. eine Zögerung ihm das Leben kosten könnte.

Dann folgen Sie mir", sagte Richard und ging schnell nach vorne; der Steuermann" ging hinterher. Vor der Back angekommen, beugte sich Richard über die Luke, ohne

sie zu öffnen, und rief:Logis ahoh! Habt ihr schon genug? Seid ihr müde, die Sachte weiter fortzusetzen?"

' Die Antwort konnte ich nicht hören, aber es war eine erfolgt; denn Richard ries:Ich kann es länger aushalten als ihr. Wollt ihr wieder an die Arbeit gehen? Das braucht ihr nur zu sagen, dann laß ich. euch raus. Wenn nicht, bleibt ihr wo ihr seid; denn nach Sierra Leone gehen wir, und wenn ihr bis dorthin ohne Luft _ und Essen und Trinken aushalten könnt, soll's mir recht sein."

Die Leute antworteten etwas, worauf mein Mann sagte:

Gut, ich werde den Lukendeckel öffnen, aber Isaak Quill muß zuerst heraufkommen. Jeden andern Mann, der sich ohne meine Erlaubnis untersteht, ihm zu folgen, schieße ich nieder, sowie er den Kops über Deck zeigt. Also danach richtet euch!" Der Klang seiner Stimme ließ keinen Zweifel aufkommen, daß er im Ernst sprach!

Darauf öffnete er den Schiebedeckel. Sowie Quill herausgestiegen war, schloß mein Mann schnell die Luke wieder, und ehe Quill, vom Hellen Sonnenschein geblendet, noch ordentlich sehen konnte, war er bereits gefesselt und stand da wie ein Sträfling.

Mein Herz klopfte heftig. Ich konnte ja noch immer nicht missen, was geschehen würde, welch schreckliches Trauerspiel durch Richards Verwegenheit und die ent­fesselten Leidenschaften der Leute herbeigesührt werden konnte.

Mein Mann sprach zum Steuermann, woraus dieser Quill am Hemdärmel faßte, und ihn längs Deck führte. Ich bemerkte, daß Herons Lippen sich bewegten, als ob er mit leiser Stimme zu Quill spräche.

Wahrscheinlich sagte er etwas, um ihn zu ermutigen, oder sich, wegen der Rolle, die er spielte, zu entschuldigen. Sie gingen die Kajütentreppe hinab, und ich bemerkte durch das Oberlicht, wie Heron die vom Steward bewohnte Kammer öffnete. Quill trat hinein. Der Steuermann verschloß die Thür, und brachte den Schlüssel mit an Deck. Er ließ ihit zwischen Daumen und Zeigefinger Hilt und her baumeln, während er sich, wieder mach, vortt zu meinem Manne begab.

Inzwischen stand Richard neben der Luke, die Hand in der Brust, und wartete auf den Steuermann, ohne die Leute unten wieder anzureden. Als Herr Heron kam, nahm mein Mann den Schlüssel an sich, und steckte ihn in die Tasche. Darauf Beugte er sich über die Luke und rief:Wenn ich euch in Freiheit setze, wollt ihr eure Arbeit thun, und mich kein Murren, und keine Lügen von ungenügender Bemannung mehr hören lassen?"

Die Antwort war offenbar bejahend. Ohne ein weiteres Wort schob Richard den Deckel der Luke zurück und rief: Gut also! Kommt herauf, und geht an die Arbeit, und damit ist die Sache erledigt! Das Geschehene soll ver­gessen sein. Der Mann, dessen Turn' es ist, gehe nach achtern, und verfange den zweiten Steuermann am Ruder."

Darauf ging er mit dem Steuermann langsam nach, adjitern bis an die hinter dem Großmast stehende Winde, wo er sich nach den Leuten umdrehte.

Achtzehntes Kapitel.

Neue Schwierigkeiten.

Einer nach dem anderen kam an Deck und rieb sich die Augen. Die Routine an Bord derAurora" war die­selbe wie auf den meisten Kauffahrteischiffen. Die des Morgens um acht Uhr abgelöste Wache hatte die Vor­mittagswache zur Koje. Des Nachmittags aber wurden alle Mann zur Arbeit aufbehalten. Mittag war bereits vorüber, also war es der Ordnung gemäß, daß die ganze Mannschaft an die Arbeit ging. Ob die Leute nun noch befangen waren, oder sich nach, dieser Unterbrechung nicht gleich wieder in die gewöhnliche Schiffsroutine finden konnten, weiß ich nicht. Jedenfalls blieben sie in einem Haufen am Spill stehen, ohne Miene zu machen, an ihre verschiedenen Arbeiten zu gehen.

Als Richard, dies bemerkte, sagte er etwas zum Steuer­mann, worauf dieser ausrief:Wessen Ruderturn ist es?"

Dan Cock, der Mulatte, antwortete:Isaak Quills, Herr; er soll um acht Glasen verfangen."

Wer verfängt Quill?" rief Richard.

Ich, Herr", erwiderte Gray, der Leichtmatrose.