Ausgabe 
16.11.1901
 
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sein mußte, da es ihn ganz fo zeigte, tote Felicia ihn jetzt kennen gelernt hatte in der Fülle seiner edlen männ­lichen Schönheit und imponierenden Kraft. Selbst das gewinnend liebenswürdige Lächeln, das beün Sprechen seine Lippen zu umspielen pflegte, war in das ausnehmend wohl- gelnngene Konterfei übergegangen, und verlieh ihm eine lebensvolle Aehnlichkeit, Ivie sie sonst nur der Pinsel des Malers hervorzuzaubern vermag. Felicia hatte das Bild bisher nicht bemerkt, da sie sich nur ein einziges Mal für wenige Sekunden mit Hilde in dem Arbeitszimmer des Stadtrats aufgehalten hatte. Nun aber hingen ihre Augen nnverwandt an dem ausdrucksvollen Männerkopfe, und plötzlich wie von einem unwiderstehlichen Verlangen dazu getrieben nahm sie das kleine Bild von der Wand, um es ganz in der Nähe zu betrachten, und es dann wiederholt inbrünstig an ihre Lippen zu drücken.

Ein Geräusch hinter ihrem Rücken ließ sie heftig er­schrocken zusammenfahren. Es war ihr, als hätte sie ein leises Knirschen gehört, und das schwere, beinahe keuchende Atmen einer menschlichen Brust. Fast hätte sie in der ersten Bestürzung das Bild zu Boden fallen lassen; aber sie nahm all ihren Mut zusammen, und wandte den Kopf. Tas Zimmer Ivar leer, und eine leichte Bewegung des be­stickten Tuchvorhanges, der eine zweite, in den Vorraum hinausführende Thüröffnung verdeckte, war das einzige Zeichen, das für die Richtigeit ihrer ersten Wahrnehmung zu sprechen schien. Wenn wirklich jemand von dort aus ihr Beginnen beobachtet hatte, so hatte er sich also sehr eilig wieder zurückgezogen, und Felicia Ivar doch nicht tapfer genug, sich durch einen raschen Blick in das an­stoßende Gemach Gewißheit zu verschaffen. Sie fühlte, wie ihre Wangen brannten, als sie das Bild an seinen Platz zurückbrachte, und mit einer tiefen Unmutsfalte zwischen den Brauen wandte sie sich wieder nach dem Salon, fest entschlossen, das Haus aus der Stelle zu ver­lassen.

Wer sie kam nicht dazu, ihre Absicht auszuführen; denn noch ehe sie den Ausgang erreicht hatte, wurde die Thür von draußen ungestüm aufgerissen, und wie auf den Schwingen eines Sturmwinds flog Hilde auf sie zu. Sie war in ihrem einfachsten Hauskleide, aber Felicia hatte sie niemals so allerliebst gefunden wie in diesem Augenblick, da ihre Augen in jugendlicher Lebenslust förm­lich leuchteten, und gleichsam der Abglanz irgend einer großen Herzensfreude shr reizendes Gesichtchen verklärte, Mit beiden Armen hatte' sie die Base umschlungen, und in kindlichen Uebermüt drehte sie sie zweimal im Kreise herum.

Wie himmlisch, daß Du schon heute vormittag ge­kommen bist, meine goldene, einzige Fee! Ich sehnte mich so sehr nach einen! Menschen, den ich recht nach Herzens­lust abküssen könnte."

Selbst ein Lebensüberdrüssiger hätte von ihrer sprudeln­den Fröhlichkeit angesteckt werden müssen, und auch Felicias Unmut über die eben begangene Thorheit war schon wieder verflogen.

Eine höchst bedenkliche Sehnsucht, lieber Schatz!" sagte sie lachend.Welch ein Glück, daß der Zufall gerade mich hierher geführt hat! Denn wenn es statt meiner irgend ein hübscher, junger Mann gewesen wäre"

Erglühend legte ihr Hilde die Hand auf den Mund.

Pfui, wie garstig! Natürlich dachte ich! von vornherein einzig an Dich. Und ein junger Mann, ob er nun hübsch oder häßlich gewesen wäre, hätte mich in solchM Aufzug überhaupt nicht zu sehen bekommen. Ich habe ja seit einer Stunde unten im Keller gearbeitet wie ein Aschenbrödel."

Um so gebieterischer fordert die poetische Gerechtig­keit, daß nun auch .der Königssohn kommt, um das Aschen­brödel heimzuholen. Und diese blanken braunen Augen da sehen ganz so aus, als ob sie gar zu gern ein wenig nach ihm ausschauen möchten."

Hilde schüttelte lächelnd das Köpfchen.

Fehlgeschossen, Du kluge Felicia! Ich bin nicht so thöricht, nach einem Königssohn auszuschauen, der doch niemals kommen würde. Das einzige männliche Wesen, das ich heute mit Ungeduld herbeisehne, ist der Fleischer­geselle, der uns wieder über Gebühr aus den bestellten Braten warten läßt."

Und Du glaubst wirklich, mich mit solchen Scherzen hinters Licht führen zu können, kleine Sünderin? Wenn einer jungen Dame zwischen siebzehn und achtzehn Jahren

die Glückseligkeit so verräterisch aus den Augen sprüht wie Dir, darf man getrost tausend gegen eins wetten, daß irgend ein ritterlicher Held die Ursache ist. Sieh mich an und dann sage mir auf Ehre und Gewissen: würde ich dies-- mal die Wette verlieren?"

Hilde hatte zwar versucht, dem ersten Teil des Befehls Folge zu leisten, aber ihre Lider hatten sich doch.gleich wieder gesenkt, und es klang garnicht mehr übermütige sondern sogar ein wenig beklommen, als sie erwiderte:

Nein ich ich vermute fast, Du würdest sie ge-i Winnen. Aber Du darfst: Dich darum nicht über mich lustig niachen. Denn so, wie Du Tir's wahrscheinlich vorstellst> verhält es sich damit doch nicht- Eigentlich weiß ich's selber kaum, weshalb ich mich über die Nachricht so sehn gefreut habe."

Ueber welche Nachricht? Jetzt, da ich einmal äuge-, fangen habe, in Deiner lieben, unschuldigen Seele zu lefech mußt Du mir auch alles beichten, kleine Hilde."

Ach, es giebt ja nichts zu beichten. Und mein Bäte« würde mich schön auslachen, wenn er sähe, welchen großen Eindruck seine leicht hingeworfene Mitteilung auf mich ge­macht hat. Du mußt mir um des Himmels willen tieci sprechen, es ihm nicht zu verraten."

Ich schwöre es. Aber ich vergehe vor Wißbegierde^ Also heraus mit der Spräche! Wer ist der Glückliche, de« ein so goldiges Geflimmer in den braunen Sternen da hervorgezaubert hat?"

Nein, wenn Du so sprichst, Felicia, kann ich es überq Haupt nicht erzählen. Ich sagte Dir doch schon, daß dabei von Liebe oder so etwas gar nicht die Rede ist. Der HeriH um den es sich handelt, ist im Vergleich zu mir beinahe; schon ein alter Mann. Und außerdem hat er sicherlich längst vergessen, daß ich existiere."

Sehr schön t Er ist Dir also vollkommen gleich giftig,: und er weiß überdies nicht das Geringste von Deine«! Existenz. Desto unbefangener können wir uns über diesen interessanten Greis unterhalten. "

Daß er ein Greis ist, habe ich nicht gesagt, Mer das ist ja auch ganz nebensächlich!! Meine Bewunderung für ihn würde nicht geringer sein, und ich würde mich! über sein Herkommen nicht weniger freuen, wenn er siebzig Jahre alt wäre."

Ist es mir gestattet, zu fragen, wer dieser rätselhafte Er denn nun eigentlich ist?"

Ein Arzt, den man berufen hat, die Leitung de« soeben von unserer Stadt erbauten Heilstätte für Lungen-, kranke zu übernehmen."

Nun, da haben' wir doch wenigstens einen Anfang. Ich gestehe, daß ich keine besondere Vorliebe für den Stand der Aerzte habe. Wer es handelt sich ja glücklicherweise nicht um mich. Du sagst, daß er hierher kommen wiriü Er lebte also bisher nicht in M.?"

Nein. Er leitet gegenwärtig eine ähnliche Heilanstalt im schlesischen Gebirge." ,

Und tote bist Dir dazu gekommen, seine Bekanntschaft zu machen?"

Ich erzählte Dir schon, daß wir während des ver­flossenen Sommers ein paar Wochen in Westerland waren auf der Insel Sylt. Da verbrachte auch er einen kurzen Urlaub. Aber ich wußte nichts von ihm, und sein Name wie seine Person würden mir wahrscheinlich dauernd fremK geblieben sein, wenn nicht eines Tages die ganze Bade^ gesellschaft nur von ihm und seiner edlen That gesprochen hätte."

Eine edle That? Ah, jetzt wird es interessant", sagte Felicia in erheuchelter Spannung, während es zugleich etwas spöttisch um ihre Mundwinkel zuckte.Natürlich hat er mit höchster Gefahr des eigenen Lebens einen Ertrinkenden gerettet?"

Hildes feines Ohr hatte den sarkastischen Ton sehr wohl gehört, und sie blickte verwundert zu der Freundin aus, da sie seine Ursache nicht begriff.

Allerdings", erwiderte sie ernsthaft,und es war tollt* lich eine große, eine heroische That; denn von den hundert Schwimmern, die dabei zugegen waren, hat es keiner ge­wagt außer ihm. Es war ein stürmischer Tag, tntb die Brandung, die am Strande von Westerland schon Bei ruhige« See eine so heftige ist, war gewaltiger denn je. Einer von! bett Badegästen aber hatte sich trotzdem zu weit hinausge- toagt, und es war ihm ungeachtet seiner verzweifelten AM