(Nachdruck verboten.)
Gesprengte Fesseln.
Roman von Reinhold Ortmann. .
(Fortsetzung.)
/ Siebentes Kapitel.
Tie kleine Verstimmung, in der sich Felicia am Abend sshres ersten Besuches von Herbert Ignatius getrennt, hatte jaus die Natur ihrer Empfindungen für die übrigen Mit- tzlieder der Familie offenbar keinen nachteiligen Einfluß geübt; denn schon am nächsten Tage war sie wieder in Las Haus des Stadtrats gekommen, um Hilde zu einem gemeinsamen Spaziergang abzuholen. Und wenn sie auch die dringende Einladung ihrer Verwandten, ganz zu ihnen überzusiedeln, mit freundlicher Entschiedenheit abgelehnt hakte, so war sie doch fortan täglich zu längerem, meist bis in den späten Abend hinein ausgedehntem Besuche bei ihnen erschienen.
Allerdings schienen diese Besuche ausschließlich dem Haustöchterchen zu gelten, dessen so rasch entstandene Zusteigung für die junge Amerikanerin bald die Formen einer schwärmerischen Freundschaft angenommen hatte. Nachdem sie die erste Schüchternheit überwunden hatte, bemühte sich Hilde nicht mehr, ihre Liebe für die schöne Base zu verbergen, und Felicia ließ sich die Zärtlichkeit des reizenden, m ferner narven Offenherzigkeit oft wahrhaft bezaubernden Geschöpfchens gern gefallen. Sie nannte sie stets ihre liebe kleine Freundin, und das schwesterliche Du, das auf ihren enthusiastisch aufgenommenen Vorschlag schon am zweiten Tage die zuerst gebrauchte förmlichere Anrede ersetzt hatte, war aus ihrem Munde von besonders liebenswürdigen: Klange.
Nach dem Assessor fragte sie niemals, wenn sie ihn bei ihrem Eintreffen im Jgnatius'schen Hause nicht anwesend fand; aber sie war doch auch bisher niemals auf- gebrochen, ehe er kam. Sie behandelte ihn gewiß nicht unfreundlich, und doch war in ihrem Benehmen gegen ihn eine so merkliche Zurückhaltung, daß Hilde schon einmal im TLne des Bedauerns gefragt hatte, ob sie denn etwas gegen ihren Bruder habe. Nur Herbert selbst schien diese ausfallende Kälte entweder gar nicht zu empfinden, oder
Nr. 164.
Samstag den 16. November.
n
ajOW
M
r-i
baS Cicb und Leid, rMF Daß die Erkenntnis erst gedeiht, «SÄ Wenn Mut und Kraft verrauchen;
Die Jugend kann, das Alter weiß, Du kaufst nur um des,Lebens Preis Die Kunst, das Leben zu brauchen.
Emanuel Geibel.
ihr doch keine sonderliche Bedeutung beizulegen; denn er machte durchaus keinen Versuch, Felicia gnädiger zu stiminen. Artig und ritterlich wie gegen jedes andere weibliche Wesen benahm er sich auch gegen sie; aber seine Seele war jederzeit viel zu sehr von dem Gedanken an Margarete erfüllt, als daß er der Schönheit der amerikanischen Base mit jener anbetenden Demut hätte huldigen können, an die sie von ihren Bostoner Verehrern gewöhnt worden war. .Hier itnb da, wenn eine seiner Ansichten nicht mit denen Felicia's übereinstimmte, war es sogar schon zu richtigen kleinen Wortgefechten zwischen ihnen gekommen, und die Amerikanerin hatte gerade ihm gegenüber eine Leidenschaftlichkeit des Widerspruches an den Tag gelegt, die vielleicht zu den peinlichsten Szenen geführt hätte, wenn Herbert nicht mit feinem Taktgefühl stets noch im rechten Augenblick auf eine scherzhafte Wendung des Gespräches verfallen wäre.
Auch musiziert hatten sie noch nicht wieder mit einander, obwohl der Stadtrat und Hilde täglich darum baten. Felicia entschuldigte ihre Weigerung mit einer leichten Indisposition ihrer Stimme, und Herbert mußte wohl ebenfalls kein besonderes Interesse mehr daran haben, da er sich mit keinem Wort an dem schmeichelnden Zureden seiner Angehörigen beteiligte.
Während sie sonst erst am Nachmittage zu kommen pflegte, hatte Felicia an diesem für den Kämmerer so verhängnisvollen Tage schon nm die zehnte Morgenstunde die Glocke an der Jgnatius'schen Wohnung gezogen. Aber man war auf ihreu frühen Besuch nicht vorbereitet, und das tzausmllvchen erklärte im Tone des Bedauerns, die Frau Stadträtin habe eben das Haus verlassen, während Fräulein Hilde mit der Köchin unten im Weinkeller sei, wo irgend eine Veränderung vorgcnommen werden sollte.
„So werde ich eben warten, bis sie wieder herauf- kommt", erwiderte Felicia heiter. Ich habe Zeit genug, und da sie kein Klosterbruder ist, wird sie doch wohl nicht ewig im Weinkeller bleiben."
Von den Herren war gar nicht die Rede; aber Felicia wußte ja auch, daß sie sich zu dieser Stunde beide in ihren Bureaus befanden, von lvo sie erst um die Mittagszeit nach Hause zurückkehrten. In der Gewißheit, ganz allein zu sein, betrat sie den großen Salon, aus dem eine offen- stehende Thür in das Zimmer des Hausherrn führte. • Da sie die Gemälde und sonstigen Sehenswürdigkeiten in dem etwas überladenen Prunkraume der Wohnung nachgerade oft genug betrachtet hatte, wandte Felicia ihre Aufmerksamkeit viel mehr den: Nebengemach zu, dessen Wände nur einige treffliche Kupferstiche und zahlreiche, zu den verschiedensten Zeiten aufgenommene Bildnisse der Familienmitglieder schmückten. Eines von diesen schien sogleich ihr ganzes Interesse auf sich zu ziehen, obwohl es nur von geringem Umfange, und in einen sehr einfachen schwarzen Holzrahmen gefaßt war. Es war ein photographisches Bildnis des Assessors, das wohl erst vor kurzem angefertigt


