Ausgabe 
16.7.1901
 
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lassen und forderte mich stets auf, mit ihr dahin und dorthin zu gehen überall sah ich Gunhilda in Ihrer Be­gleitung, und wurde bald ganz an dem Mädchen irre. Als Gunhilda aber gestern ganz die alte war, so lieb und gut zu mir uud der Mutter da ward mir wieder leicht ums Herz, uud ich dachte, alles könnte noch werden, wie ich ' es mir wünschte. Gunhilda wollte ich suchen und ich finde sie in Ihren Armen. Da habe ich getobt Und gerast, und Gott muß ich danken, daß er mich vor dem schlimmsten bewahrte."

Ich drückte Ml seine Hand, und er fuhr fort mit feiner Herzlichkeit, die einen fonderbaren Gegensatz zu seinem sonstigen Benehmen mir gegenüber bildete:Jetzt aber, wo Sie hierher gekommen sind, um mir dies alles zu sagen, jetzt ioeiß ich, daß Sie ein edler Mensch sind, der Gunhilda viel mehr verdient als ich - denn.daß ich's nur gestehe: gerade als Sie kanien, kämpfte ich mit mir einen schweren Kamps. Konnte ich sie nicht besitzen, so sollte es auch teilt anderer. Zurückkehren wollte ich, und süßer dünkte mir der Tod mit ihr in den Wellen, als ein Leben allein in der Ferne. Sie aber. Sie wollen i h r Glück vor allem, und nie werde ich die Lehre vergessen, die Sie mir ge­geben haben."

Noch immer vermochte ich nicht, ihm eine freundliche Antwort zu geben, mir war das Herz zum Zerspringen voll: jetzt hatte ich die Geliebte ganz verloren und selbst den Felsen vorgeschoben, der mir für immer den Eintritt in.das Land des Glückes versperrte.

Abend tour es, als wir nach einer mühsamen Fahrt gegen den Wind endlich den Handlungsplatz erreichten. Unten im Hafen verrichteten die Leute in gewohnter Weise ihre Arbeit. Wir gingen znm Hause hinauf; es war leer. Vom Garten schallten aber laute Stimmen zu uns empor; verwundert eilten wir dahin, wo der Lärm herkam. Keiner bemerkte uns, und ich winkte Sigurd, leise näher zu treten, ich ahnte, daß etwas Bedeutungsvolles vorge­fallen sei.

Tie ganze Gesellschaft drängte sich! nm Doktor Falsen, der, einen glitzernden Gegenstand in der Hand hielt und eifrig auf Gunhilda einsprach. Es war noch hell, jenes Dämmerlicht, welches den nordischen Abenden eigen ist, ehe die Nacht eintritt; deutlich konnte ich jede Miene in Gnnhildas Gesicht erkennen. Sie schien erregt, die Röte kam und flog auf dem schönen Gesicht, die Augen standen voller Thränen.

Und ich sage Ihnen, verehrtes Fräulein", beteuerte der Doktor in einem ihm sonst fremden, respektvollen Ton,es ist kein Irrtum möglich. ,C. R.' Cordelia Ravenskjold, dazu das Bild und Ihre frappante Aehnlich- keit mit der Verschwundenen ein merkwürdiger Zu­fall --"

Ter Pastor räusperte sich bedeutungsvoll.

Eine Höhere Fügung", verbesserte fid); der andere schnell,daß Sie gerade heute dies Medaillon verlieren mußten, daß ich der Finder war. Nichts leichter zu be­weisen, als Ihre Identität ich kenne Zeugen, welche dem Tranakte Ihrer Eltern beiwohnten, ehe sie das Land ver­ließenund unser Freund, Olaf Ravenskjold, wird gewiß glücklich fein, Sie zuerst als Verwandte zu begrüßen, die angebetete Kusine dem Kreise zuznführeu, dem Sie durch Geburt und Schönheit angehören-"

Nein, nein, das soll nie und nimmermehr geschehen", rief Gunhilda, sich wie hilfesuchend an die Brust ihres Pflegevaters werfend.Hier bleibe ich, hier ist meine Heimat. Weiß ich auch jetzt, daß ich nicht dazu bestimmt bin, das volle, reine Glück zu genießeu, das ich mir einst ersehnte, so weiß ich auch, daß ich daran sterben würde, stieße man mich von dieser Insel fort. Für Dich!, Vater, will ich leben und für jene dort, denen ich den Trost ihres Alters raubte"

Und für einen elenden, dummen Kerl, Gunhilda, dem allein feine Liebe das Recht gießt, um Ach zu werben, der wohl iveiß, daß er nicht lvert ist. Deine Schuhriemen zu lösen" unterbrach sie Sigurd, der sich! ungestüm durch den Kreis Bahn gebrochen hatte und jetzt jubelnd die Geliebte in seine Arme schloß.Zusammen wollen wir an dem Glück dieser armen, verlassenen Schären bauen. Leben wollen wir Hervorrufen in diesen Steinen, und so Gott will, sollen des Menschen Mut und des Menschen

Wille die rauhen Elemente zwingen, ihm nutzbar zu sein."

Während alle frohlockend das junge Brautpaar um­ringten, sprach ich leise mit Doktor Falsen und dem Leuchtturmverwalter. Der alte Schiffer war zu Thränen gerührt, dabei aber praktisch genug, um auf die Winke und Vorschläge des gewandten Weltmannes einzugehen. Wir beschlossen, daß Gunhilda ungesäumt ihren Vaternamen Gianelli annehinen sollte, und der Leuchtturmverwalter gab seinem Freunde, dem Kaufmann, einen derben Schlag auf die Schulter, als dieser sich' uns näherte.

Na, Alter", rief er mit seinem schlauen Augen­zwinkern,was sagst Du denn zu dieser vornehmen Schwiegertochter, die Dir obendrein, Ivie unser Freund hier versichert, eine ansehnliche Mitgift ins Hans bringt?"

Ter brave Fischwarenhändler konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Er bewahrte jedoch feine Würde und sagte mit wirklichem Gefühl:Gunhilda war stets die Tochter meines Herzens; auch ohne Namen und Vermögen hätte ich sie willkommen geheißen. Ihr rechtliches Erbe wird aber dazu beitragen, dem alten Handlungshaufe neuen Glanz zu verleihen, und wenn der Hafen von Schiffen wimmelt, wenn Arbeit genug für den Arbeitsuchenden zu finden ist da wird ihr Name ringsum in den Schären segnend genannt werden."

So hat das Kind Dir doch Heil gebracht", sagte der alte Schiffer still.

In dem allgemeinen Aufruhr, in welchen diese Be­gebenheiten die Gemüter versetzten, schlich! ich unbemerkt auf mein Zimmer. Noch heute wollte ich die Gegend ver­lassen, an Sigurds Stelle mit dem Schiffe absegeln, um mich dann in Christiania der Expedition nach dem Polar­meer anzuschließen.

Glücklich hatte ich die Brücke erreicht, wo Rasmus nach Verabredung mit dem Boote meiner harrte. Da trat der Mond in vollem Glanze ans den schwarzen Wolkeu hervor, die sich oben am Himmel jagten. Klar und hell fiel sein Schein auf den Platz, und jetzt sah ich!, daß ich nicht allem war. Mir entgegen trat Hanna, blaß und ernst wie noch! nie. Zitternd, als fürchte sie, zurückgestoßen zu werden, hielt sie mir die Hand hin, und ich hörte die leisen Worte:Seien Sie mir nicht böse, daß ich, Ihnen gefolgt bin es litt mich aber nicht mehr unter den andern die Mutter wird mich schielten, aber ich wollte, ich mußte Sie noch! einmal sehen Ihnen Lebewohl sagen"

Thränen erstickten ihre Stimme. Ihr Mitleid, ihre Sorge um mich thaten mir wundersam gut. Sie schmolzen die harte Eisrinde, die sich um mein Herz gelegt hatte, als ich Gunhilda glückstrahlend und hingebend weich, am Arme. ihres Auserkorenen sah, und die Hand des lieblichen Mädchens ergreifend, sagte sre bewegt:Dank, tausend Tank, daß Du kamst nie werde ich! diese Stunde ver­gessen, in der Du dem Einsamen, Verla fenen wie ein Engel des Z".ostes erschienst. Ich gehe jetzt ich muß; ich kann nicht bleiben."

Und meiner werden Sie ganz vergessen", rief sie mit einer Verzweiflung, einer Leidenschaft, die sie plötzlich! um Jahre älter erscheinen ließ.

Nein, nein, jetzt verstehe ich! es wohl: derjenige, der weiß, daß ein Wesen auf Erden in Liebe seiner gedenkt, der wird kein rastloser Wandersmann als ein anderer, ich hoffe, als ein besserer Mensch, kehre ich! zurück Hanna, auf Wiedersehen!"

Ich sprang ins Boot, und sie blieb unbeweglich am Strande stehen, vom Mondlicht umflossen, wirklich! einer jener Lichtelfen gleich, die dazu berufen sind, dem Irren­den den Weg in das winkende Alfeland zu zeigen.

Hoch gingen die Wellen, die Nixentreppe, nach! der ich unwillkürlich ausspähte, unter ihrem Schwalle begrabend: Ein Jüngling in Sinnen und Denken hatte ich! die Insel betreten; als ein Wann, der den Ernst des Lebens kennen gelernt hat, zog ich jetzt daran vorüber in der dunklen Nacht. Schimmernd wie ein Stern der Hoffnung strahlte aber der helle Schein vom Leuchtturm hinaus in die Finster­nis, und an meinem Herzen barg ich ein kleines, verwelktes SträußchenVergißmeinnicht!"