Nr. 100.

1901,

w

^nrWenn eines wirken soll, So laß das and're ruh'n;

1J8f Ein Schütz, der treffen will, Mnß zu ein Auge thun. Rückert.

(Nachdruck verboten.)

Auf der Felsenmsel.

Eine Erzählung aus den norwegischen Schären.

Von M. O t t e s e n.

(Schluß.)

Ich fand Sigurd allein auf dem Verdeck. Müßig stand er da und starrte hinüber nach der Küste, die, in Nebel gehüllt, hinter mir lag. Cirren Augenblick zauderte ich ver­legen, als ich seinem überraschten, feindseligen Blick be­gegnete. Dann trat ich rasch auf ihü zu, und, ohne ihn zu Worte kommen zu lassen, erklärte ich ihm kurz und bündig den Grund meines Hierseins. Kein Wort verschwieg ich, das zwischen mir und Gunhilda gewechselt worden war, und ich suchte dabei keineswegs mein eigenes Vorgehen zu bemänteln. Im Gegenteil; es gewährte mir.eine qualvolle Lust, mich selbst recht elend und erbärmkuh? darzustellen im Gegensatz zu dem erhabenen Wesen des herrlichen Mädchens, das wir beide liebten.

Als ich geendet hatte, schwieg Sigurd noch immer und schritt in tiefem Nachdenken auf dem Verdeck aus und ab. Der Wind pfiff in den Raaen, kreischend umflatterten die weißen Möwen das Schiff, und mit einförmigem Ge­töse brachen sich die Wellen an dem felsigen Strand. Ein leichter Nebel verhüllte die Sonne Stille und Frieden herrschte überall. In der Brust eines Menschen wurde aber ein Streit gestritten, der für seine und einer anderen Zukunft entscheidend sein sollte.

Ich sah, daß er an meinen Worten zweifelte, daß es vielleicht anderer Beweise bedurfte, um ihn von der Treue und Liebe seiner Gespielin zu überzeugen. Würde er mir überhaupt folgen oder, im finsteren Trotz, verharrend, fortan die Heimat meiden?

Lange genug hatte ich, jetzt in den Schären gelebt, um diesen Charakter zu verstehen. Hart und streng gegen sich und andere, wenn es gilt, einen Kampf ums Dasein aufzunehmen, ist der Küstenbewohner doch im Grunde seines Herzens ein Sanguiniker. Nie verlernt er es, aus einen unerwarteten Glücksfall zu hoffen, der sein Fahr­zeug wieder flott machen soll. Sollte Sigurd, dieser echt norwegische Seemann, ganz anderen Schlages sein als seine Gefährten? Würde er nicht vielmehr Herr seiner

Eifersucht werden und bald mit erneutem Mut seinem Glückssterne folgen?

Ich trat an den Rand des Verdecks und schaute hinaus über die große, wogende Straße, welche in die Ferne führte. Bald würde auch ich; darüber hinsegeln; jetzt wollte ich wirklich, meinen Plan aussühren und mich den kühnen Entdeckungsreisenden anschließen. Doch ohne Freude ge­dachte ich; heute der Fahrt, die sonst mein höchster Wunsch gewesen war. Grau und eintönig wie die unendliche Wasser­fläche zu meinen Füßen breitete sich die Zukunft vor mir aus. Mochte Gunhildas Geschick sich entscheiden wie es wollte für mich war sie doch verloren. Aber nein, hatte ich ihr den Mann ihres Herzens wiedergewonuen, dann konnte ich ruhiger dävonziehen.

Unwillkürlich mußte ich meiner gestrigen Rede ge­denken und jetzt wiederholte ich mit wirklich empsundener Bitterkeit: Pflicht, Pslickch!

Ein Frösteln durchfuhr mich, und ich beugte mich so tief über die Brüstung hinab, daß mir der kalte Gischt ins Gesicht spritzte. Wie, wenn mich nun ein Schwindel erfaßte, wenn ich langsam, ohne es selbst gewollt zu haben, in den kalten Fluten von dem kälten Leben schied! Wer fragte darnach? Der alte Mann dort in der Stadt, der in Olaf Ravenskjold allein den Erben des alten Namens erblickte und nur über seine vernichteten Hoffnungen trauern würde! Oder that ich ihm unrecht? Hatte er vielleicht doch den Waisenknaben in sein Herz geschlossen, und würde er noch bitterer, noch vereinsamter werden, wenn ihn der einzige, den er um sich geduldet, verließ? Und wieder zischten die Wellen: Pflicht, Pflicht!

Da legte sich eine Hand aui meine Schulter, und rasch wandte ich mich hinweg von der lockenden Tiefe. Vor mir stand Sigurd erhobenen Hauptes, das alte Lächeln nur die Lippen.

Schlagen Sie ein", rief er, mir mit männlicher Offen­heit die Hand reichend.

Sie sind doch ein guter Mensch, und ich glaube Ihnen ja alles aufs Wort, was Sie mir da gesagt haben. Längst hätte ich's auch; gestanden, wie es um mich steht, wäre es mir nicht ganz überflüssig erschienen, förmlich um ihre Hand zu werben. Soweit ich zurückdcnken kann, habe ich fie meine kleine Frau genannt, und ich dachte, sie müßte mir's an den Augen ansehen, daß ich ihr gut sei. Da kamen Sie, und gleich packte mich.die helle Eifersucht, wollte ich mir's auch> nicht merken lassen. Ich kannte Gunhildas Schwärmerei für das Lesen, und wenn ich sah, wie an ­dächtig sie stets Ihren Worten lauschte, verlor ich. bei­nahe den Mut und wurde gegen meine Art wortkarg und verschlossen. Gegen einen solchen Gelehrten kann es mir wenig nutzen, anzukämpfen, und ich zog mich immer mehr zurück. Nur die Frau Pastor wollte mich nicht gewähren