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werden beide unglücklich sein. Aber ich werde wenigstens zu allem andern nicht auch noch den Vorwurf einer feigen Lüge auf meinem Gewissen haben."
Sechzehntes Kapitel.
Kaum eine Viertelstunde war seit Harros Verabschiedung verflossen, als Bernhard durch einen anderen, noch weniger erwarteten Besuch überrascht wurde. Erstatte feinen Ohren nicht trauen wollen, als ihm der anmeldende Schreiber Inges Namen genannt; er vermutete einen Irrtum des jungen Menschen, und erst, als er das geliebte Mädchen leibhaftig vor sich sah, schwand ihm auch der letzte Zweifel. Seine erste Empfindung war die einer heißen Freude; aber das Aussehen seiner Braut und noch mehr die scheue Zurückhaltuug in ihrem Benehmen mußten rasch genug das Glücksgefühl wieder ersticken, das sich in seinem Herzen geregt hatte.
Er war ihr entgegengeeilt, und der beinahe jubelnde Klang seiner Begrüßung mußte ihr Beweis genug dafür sein, daß ihr bloßes Erscheinen hinreichend gewesen sei, ihn alle Kränkungen der letzten Tage vergessen zu machen. Ein einziges unbefangen herzliches Wort von ihren Lippen, und zwischen ihnen wäre wieder alles gewesen, tote in der glücklichen Zeit vor der Auffindung des Wedekingschen Briefes. Aber Inge sprach dies Wort nicht. Aengstlich entzog sie sich der von Bernhard beabsichtigten Umarmung und flüchtete sich hinter einen Stuhl.
„Ich komme, weil ich eine Auskunft von Dir erbitten möchte, Bernhard", sagte sie. „Ich muß wissen, wie es um diese Prozeßangelegenheit steht; denn ich fürchte, daß mein Vater mir etwas verschweigt."
Wie schmerzlich der junge Rechtsanwalt auch, durch diese hastig hervorgestoßene Anrede enttäuscht sein mochte, die flüchtige Aufwallung von Unmut und Bitterkeit wich! doch fast auf der Stelle einem Gefühl tief innigen Mitleids, als er in Inges bleiches, verhärmtes Gesichtchen und in ihre angstvoll auf ihn gerichteten Augen sah.
„Er hatte keine Ursache, Dir etwas zu verschweigen", erwiderte er; „denn noch ist so gut wie nichts geschehen. Und ich wüßte nicht, warum man Dir aus dem gegenwärtigen Stand der Angelegenheit ein Geheimnis machen sollte."
Er erzählte ihr von seiner Unterredung mit Hubert Wedeking, von der offenbaren Geneigtheit des Regierungs- Assessors, auf einen Vergleich einzugehen und von seinem heute eingetroffenen brieflichen Ersuchen um eine kurze Verlängerung der gewährten Bedenkzeit. Inge unterbrach ihn mit keinem Wort, aber die Spannung in ihren Zügen verriet ihm, daß ihr alles durchaus neu war, was er da sagte.
„Mein Vater hat mir von diesen Dingen nicht das Geringste mitgeteilt", erklärte sie, als er geendet, mit leiser Stimme. „Und das alles geschieht lediglich auf den Brief hin, den Deine Schwester unter den nachgelassenen Papieren meines Oheims gefunden?"
„Gewiß! Ohne diesen Brief würde Hubert Wedeking unseren Ansprüchen, die durcq keinerlei Beweismaterial unterstützt wurden, niemals irgend welche Beachtung geschenkt haben."
„Und der Brief — er befindet sich -noch immer in Deinen Händen?"
,Ja."
"Willst Tu mir erlauben, ihn noch, einmal auzusehen, Bernhard?"
„Sehr gern, liebe Inge, wenn er Dich so sehr interessiert."
Er öffnete den Wandschrank und die Mappe, in der er das kostbare Dokument verwahrt hielt, und legte es in ihre ausgestreckte Hand, deren Beben er deutlich wahrnahm. Lange blickte sie stumm auf die festen, energischen Schriftzüge hin, dann sagte sie in einem eigentümlich gepreßten Tone:
„Darf ich Dich um ein Glas frischen Wassers bitten, Bernhard? — Ich fühle mich nicht ganz wohl."
Er eilte sofort zur Thür, um ihr selbst das Verlangte zu holen. Ihr angegriffenes Aussehen hatte ihn ja schon seit dem Augenblick ihres Eintritts fürchten lassen, daß sie krank sei, und er durfte es unmöglich der gleich- giltigen Langsamkeit eines Schreibers anheimgeben, ihr
die erbetene Erquickung zu verschaffen. Nur im Vorübergehen raunte er dem Bureauvorsteher zu:
„Klopfen Sie an die Thür meiner Schwester, und bitten Sie sie in meinem Namen auf das Dringendste, sofort in mein Kabinett zu kommen. Sagen Sie ihr: ich fürchte, daß Fräulein von Restorp ihres Beistandes bedarf."
Es waren sicherlich! noch nicht zwei Minuten seit einem Verlassen des Kabinetts vergangen, als er, das gefüllte Glas in der Hand, wieder in der Thür desselben erschien. Inge stand noch aus der nämlichen Stelle; aber ie kehrte ihm den Rücken, und er konnte ihre Hände nicht ehen. Nur einen eigentümlichen, flackernden Lichtschein glaubte er vor ihr auf dem Boden wahrzunehmen, und deutlich verspürte er einen Geruch wie von dem Anzünden eines Streichholzes und wie von verbranntem Papier.
Von einer furchtbaren Ahnung durchzuckt, stürzte er auf sie zu, und klirrend siel das Glas zur Erde, als er sah, daß seine Vermutung ihn nicht betrogen. Es war Julius Wedekings kostbarer Brief, den Inge während feiner kurzen Abwesenheit am unteren Rande angezündet hatte, um ihn zu vernichten. Das Papier, das sie trotz der Gefahr, sich zu verwunden, noch immer in der Hand hielt, brannte lichterloh, einen zitternden, rötlichen Schein auf das statuenhaft starre Antlitz des Mädchens werfend.
Mit blitzschnellem Griff bemächtigte sich Bernhard des flammenden Fetzens, obwohl Inge noch im letzten Moment eine heftige Bewegung machte, ihn daran zu hindern. Unbekümmert um den starken, stechenden Schmerz, den er dabei empfand, drückte er das brennende Papier zwischen seinen Händen zusammen, um die Vollendung des Zerstörungswerkes zu ' hindern, und zu retten, was noch zu retten war.
„Inge — um Gotteswillen, was hast Du gethan?"
In Lauten des höchsten Entsetzens war der Ausruf über seine Lippen gekommen. Ihr Gesicht aber blieb starr und ruhig wie zuvor.
„Meine Pflicht!" erwiderte sie fest. „Nun wird dieser Brief keinem Menschen mehr vor die Augen kommen — nicht wahr?"
Bernhard war mit dem halbverkohlten Papierrest, den er da zwischen den Fingern hielt, an das Fenster getreten. Vorsichtig glättete er den zum Knäuel zusammengeballten Fetzen, um mit einem Gefühl unsäglicher Erleichterung wahrzunehmen, daß er wohl vollständig versengt und gebräunt, doch nur etwa zum vierten Teile verkohlt und ganz vernichtet ivar.
„Dem Himmel sei Dank", sagte er, „noch ist wenigstens nicht alles verloren. Es scheint, daß gerade die wichtigsten Stellen erhalten geblieben sind."
Er erhielt keine Antwort; aber er achtete dessen nicht, sondern vertiefte sich ganz in die Prüfung des geretteten Fragments; denn in der That, wie wenn eine wunderbar schützende Macht über Inges unbegreiflichem Beginnen gewaltet hätte, schienen nur die minder bedeutsamen Sätze zu fehlen. Erst als er hinter feinem Rücken Hannas klangvolle Stimme sagen hörte: „Tu hast mich rufen lassen. Was ist denn geschehen?" erhob er, sich umwendend, den Kopf, um zu seiner Bestürzung wahrzunehmen, daß außer seiner Schwester und ihm niemand mehr im Zimer war.
„Wo ist Inge?" rief er. „Hast Tu sie nicht mehr gesehen?"
„Ich trat aus meinem Zimmer, als sie die Korridor- thür hinter sich schloß. Meinen Zuruf mag sie nicht mehr gehört haben; denn sie antwortete mir nicht. Und ich hatte natürlich keine Veranlassung, ihr zu folgen. Aber was für ein Papier hast Du da in der Hand?"
Er konnte ihr nicht verschweigen, was sich zugetragen hatte, und es bedurfte nur weniger Worte, um sie von allem zu unterrichten. Während er sprach, warf sie den schönen Kopf wie triumphierend empor, und ihre ganze Gestalt schien zu wacysen, während ein feines Rot sich unter der durchsichtigen Haut ihrer Wangen verbreitete.
„Und was gedenkst Du nun zu thun?"
„Ich gedeuke dies Papier und mit ihm zugleich! meine Prozeßvollmacht in die Hände des Herrn von Restorp zurückzulegen. Harro hatte recht, es scheint ein Fluch, an dieser Erbschaft zu haften. Mag ein anderer sie für Jnge§ Vater erkämpfen. Ich will nichts mehr mit einer Sache zu


