Ausgabe 
16.6.1901
 
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Sonntag den 16. Juni

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°MWas du auch denkst und thust, du thust und denkst vergebens, Fehlt ihm das rechte Maß Bedingung alles Lebens.

Den Schöpfertrieb beseelt der inn're Gotteshauch, Und wer was Rechtes schafft, schafft sich die Grenzen auch. Hammer.

(Nachdruck verboten.)

Die Göttin des Glücks.

Roman von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Bernhard Sylvander, der bis dahin als eine Beute widerstreitender Empfindungen im Zimmer auf und nieder gegangen war, trat an seine Seite und legte ihm die Hand auf die Schulter.

Armer Alter", sagte er, itnb nichts mehr von emem Vorwurf, nur herzliche, liebevolle Teilnahme lag im Klang seiner Stimme.Warum bist Tu nicht da sogleich zu mir gekommen?"

Weil ich bei Dir nicht suchen durfte, was mir not- that, Bernhard! Zu keinem andern wußte ich mich! aus all dem ratlosen Jammer zu flüchten, als zu dem edlen Freunde, der mein Lehrer und Führer, mein Tröster und Warner gewesen war seit den ersten Jünglingstagen. Und wenn er auch als ein stiller Schläfer vor mir lag, der den treuen Mund nicht mehr aufthun konnte zu einem befreien­den und ermutigenden Wort es wurde an seinem Sarge doch allgemach wieder ruhig und friedlich, in meinem Herzen. Als hätte er selbst es noch einmal gesprochen wie so manch­mal in vergangenen Zeiten, wenn ich, in Sturm und Not zu ihm meine Zuflucht genommen, so klang es mir durch die Seele: Sei wahr gegen die anderen wie gegen dich selbst, und der rettende Ausweg aus jeder Bedrängnis steht dir offen! Nun weißt Tu es, woher ich den Mut ge­nommen, hierher zu kommen, und Hanna um die Auflösung unseres Verlöbnisses zu bitten."

Ich darf Dir nicht antworten, daß Du recht daran gethan, aber ich darf Dich! auch! nicht tadeln. Wenn es Dir gelingt, Hanna zu überzeugen, daß Du nicht unredlich und gewissenlos gegen sie gehandelt, so werde ich mich gewiß nicht berufen fühlen. Dich zu verdammen. Von Deinen Empfindungen für Erika Herbold, und von der Hoff­nung, sie zum Weibe zu gewinnen, wirst Du meiner Schwester freilich nicht sprechen dürfen, wenn Dir daran liegt, ihre Verzeihung zu erlangen."

Wie sollte ich ihr von einer Hoffnung sprechen, die

ich nicht hege! Weiß ich! doch aus Erikas eigenem Munde, daß sie mich nicht liebt, und werden sich doch morgen unsere Wege aller Voraussicht nach für immer trennen. Un­mittelbar nachdem sie die letzte Kindespflicht gegen den toten Vater erfüllt hat, siedelt Erika nach dem in Thüringen gelegenen Landhause über, das sie von nun an dauernd bewohnen will. Das Atelier und die Berliner Wohnung des Professor, die zunächst unverändert bleiben soll, habe ich auf ein Jahr gemietet, um eine größere Arbeit in Ruhe zu vollenden. Dann gehe ich voraussichtlich nach Italien oder nach Paris. Tu siehst,) habe keinen Grund, in Bezug auf mein Verhältnis zu der Tochter des Dahin­geschiedenen irgend etwas zu verbergen."

Der Rechtsanwalt reichte ihm die Hand.

Es schmerzt mich, daß alles so kommen mußte aber wie es auch werden mag, Du und ich, wir bleiben die alten. Und nun geh; denn Hanna ist heute wohl nicht in der rechten Verfassung für eine Aussprache, wie die Umstände sie zwischen Euch notwendig machen. Wenn Tu morgen wieder kommst, wirst Du sie durch mich vorbereitet finden. Dies Blatt aber nimmst Du wieder mit Dir, nicht wahr? Und wir wollen denken, ich hätte es überhaupt nicht gesehen. Jedem anderen hätte ich es entrüstet vor die Füße geworfen ich brauche Dir nicht erst zu sagen, warum."

Ich möchte Dich trotzdem bitten, es vorläufig zu behalten. Wenn Hanna die Annahme verweigern sollte und sie allein hat doch wohl darüber zu entscheiden so bleibt uns ja immer nocy Zeit genug, es zu vernichten. Für mich hat es ganz und gar keine Bedeutung; denn ich werde unter allen Umständen auf diese Erbschaft ver­zichten."

Unter allen Umständen? Und weshalb?"

Weil ich ein Grauen davor empfinde. Weil mir ist, als ob ein Fluch daran haften müsfe. Ich brauche das Geld nicht; aber auch, wenn ich bettelarm wäre, würde ich keinen Pfennig davon annehmen."

Tu bist! ein seltsamer Mensch, Harro! Aber Du hast recht: wir werden darüber besser morgen reden. Und wenn ich auch nicht im Ungewissen darüber bin, wie Hannas Antwort ausfallen wird, so will ich ihr doch von Deinem Anerbieten Mitteilung machen. Es ist Immerhin besser, wenn es durch mich geschieht, als durchs Dich selbst."

Ich danke Dir, Bernhard; denn gerade das war es, um was ich Dich hatte bitten wollen."

Er nahm seinen Hut, und der Rechtsanwalt geleitete ihn zur Thür. Als sie schon auf der Schwelle standen, fragte Bernhard halblaut:

Und wenn sie Dich nicht gutwillig freigiebt, Harro? Wenn sie die Erfüllung Deines einmal gegebenen Ver­sprechens von Dir fordert?"

Tann werde ich es selbstverständlich erfüllen. Wir