Ausgabe 
16.5.1901
 
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Hut* eine kleine Komödie Vorspielen? Sie müßten sich sehr schlecht auf die kleinen Zeichen weiblicher Eifersucht verstehen, wenn Sie nicht sogleich begriffen hätten, wes­halb Fräulein Erika eben ein so plötzliches und dringendes Bedürfnis fühlte, nach ihrem Vater zu sehen. Es ioird Ihnen ja diesmal, wie ich hoffe, nicht schwer fallen, ihre Verstimmung zu beseitigen. Aber ich wünsche, daß dies der einzige Mißton bleibe, den ich in die schöne Har­monie Ihres Zusammenlebens gebracht habe."

O, wenn es nur dies ist, was Sie fürchten! i Ich versichere Ihnen, daß Sie sich täuschen, daß zwischen Erika Herbold und mir niemals ein anderes Verhältnis als das einer guten Kameradschaft bestanden hat. Lasseü Sie sich durch diese falsche Vermutung nicht in Ihrem freundlichen Vorhaben beirren ich bitte Sie darum von Herzen. Ich war ja so glücklich über Ihre liebenswürdige Bereitwilligkeit. Ich hatte mich so darauf gefreut, Sie recht oft hier zu sehen"

Er unterbrach sich, als fehle es ihm an Mut, den be­gonnenen Satz zu vollenden. Han/na aber wandte ihm ihr schönes Antlitz zu mit einem Lächeln, das seine Ver­wirrung vollständig machte. Ter Blick, mit dem sie die wundervollen, klaren Augen zu ihm erhob, trieb ihm un­gestüm alles Blut zum Herzen, und er fühlte in diesem Moment nur das eine, daß die da vor ihm stand, für ihn der Inbegriff aller irdischen Glückseligkeit sei.

Unwillig, als wäre er von einer täppischen Hand ans der Wonne des süßesten Traumes wachgerüttelt worden, drehte er den Kopf, da just in diesem Augenblick ein Ge- ränsch hinter seinem Rücken ihm verriet, daß er nicht mehr mit .Hanna allein sei. Er erwartete, den alten Kruschke zu sehen; aber ein Gemisch von Schrecken und Freude spiegelte sich in seinen Zügen bei dem völlig überraschen­den Anblick, der ihm statt dessen zu teil wurde.

In der ebenfalls nur durch einen schweren Vorhang verschlossen gewesenen Oeffnung des Ganges, der das Atelier mit der Privatwohnung des Professors verband, stand in seinem faltigen Schlafrock Klemens Herbold, auf den Arm seiner Tochter gestützt, und noch schwer atmend von der Anstrengung des kurzen Weges. Sein von langem grauem Haar umwalltes, edel geschnittenes Antlitz trug deutlich die Spuren der schweren Krankheit, aus seinen großen Augen aber, die unverwandt auf Hanna Shlvander gerichtet waren,. sprühte es wie ein jugendliches Feuer.

Nur eine Sekunde noch, mein Fräulein ich bitte Sie, nur eine einzige Sekunde noch bleiben Sie so, wie Sie eben waren!"

Mit seiner durch das furchtbare Leiden schon matt und klanglos gewordenen Stimme hatte er es Hanna zuge­rufen, als auch sie sich auf das Geräusch hin umgewendet hatte. Nun drehte sie lächelnd ihren Kops in die vorige Stellung zurück, und ihre Miene blieb so unbefangen, als hielte sie die seltsame Aufforderung des fremden Mannes für die natürlichste Sache von der Welt.

(Fortsetzung folgt.)

Philomele.

Von K o n r a d i n B r u n n e r.

(Nachdruck verboten.)

In der zweiten Hälfte des April, je nach der Witter­ung bald etwas früher, bald etwas später, wenn die Berge zu grünen beginnen, wie es Aristoteles stimmungsvoll ausdrückt, erscheinen die schlichtfarbigen, melodieenreichen Sänger, denen der griechische Sprachgeist den bezeichnen­den Namen Philomele, die Sangesliebende, gegeben hat. Zuerst treffen die Männchen ein, vier bis acht Tage später erst die Weibchen. Aber auch dann, wenn die heißersehnten Liebesgenossinnen noch nicht angelangt sind, lassen die Männchen sofort nach ihrer Ankunft die schmelzenden Weisen erschallen, wahrscheinliche, um die hoch in den Lüften Heranziehenden zu locken, und zur freundlichen Ein­kehr in dem auserkorenen Quartier einzuladen.

Wie gegenwärtig, so wurde der Gesang der Nachtigall schon int Altertum hoch geschätzt. Nach der griechischen 'Sage wurde Aedon, die Tochter Paudareos, und Gemahlin des Königs Zethos, als sie versehentlich ihren Sohn Jthlos getötet hatte, auf ihr Flehen vom Göttervater Zeus in die

Nachtigall verwandelt, um so den schweren Verlust ihres Kindes desto inniger und rührender beklagen zu können. Homer läßt deshalb Penelope, die der endlichen Heim­kehr des Gatten wartet, sagen:

Aber kommt nun die Nacht, da alle Sterblichen ausruh'n, Lieg' ich schlaflos im Bett, und tausend nagende Sorgen Wühlen mit neuer Macht in meiner zerrissenen Seele.

Wie wenn die Nachtigall, Pandareos liebliche Tochter, Ihren schönen Gesang im beginnenden Frühling erneuert, Sitzend unter dem Laube der dichtumschattenden Bäume, Rollt sie von Tönen zu Töuen die schnelle melodische Stimme, Ihren geliebten Sohn, den sie selber ermordet, die Thörin, Ihren Jthlos beklagend, den Sohn des Königs Zethos, Also wendet sich auch mein Geist bald hierin, bald dorthin".

In Aristophanes KomödieTie Vögel" jubelt Peist- hetairos auf:

O himmlischer Zeus, welch eilte Stimme des Vögleins! Wie übertaut's den ganzen Hain mit Honigseim!"

Plinius, dieser erste römische Naturwissenschaftler, weiß nicht genug die Kraft und Ausdauer der, süßen Nachti­gallenstimme zu rühmen. Er legt der kleinen Sängerin eine tiefe musikalische Kenntnis und Wissenschaft bei, und er ist der Ansicht, daß sich in der Kehle der Nachtigall alles vereine, was der Mensch an Tönen ersinnen und erfinden könne. Und ein spätklassischer Dichter singt: Liebliche Freundin, o komm, mein trefflichster Trost in den Nächten:

Ist doch kein einziger mehr unter den Vögeln wie du. Tu, Philomele, vermagst in tausend Tönen zu singen, Ewig wechselnden Lieds triffst du das Schöne doch stets; Und so viel Melodieen auch andere Vögel versuchen, Keiner erreichet jemals deinen melodischen Sang!"

Wohl kaum war überhaupt die Vorliebe für die Nachti­gall größer, als in der letzten Zeit der römischen Republik, und int ersten Jahrhundert der Kaiserzeit. In allen Vogel­häusern der römischen Reichen wurden neben Amseln Nach­tigallen gehalten. .Besonders waren ihnen die römischen. Tomen zngethan. Meist stand der Käfig, den das Tierchen bewohnte, unter dem Stuhl der Herrin. Eine dieser Damen, Telesiita, errichtete für ihren toten Liebling nach Martials Zeugnis ein prunkvolles Grabmal. Aber man begnügte sich nicht nur mit dem Gesang, sondern man richtete die Nachtigallen auch ab, so daß mau sie frei auf der Hand tragen oder in Haus und Garten herumfliegen lassen konnte. Ja, man lernte sie auch zum Sprechen an. Wenigstens berichtet Plinius:Zu der Zeit, wo ich dieses schreibe, besitzen die kaiserlichen Prinzen einen Star und Nachtigallen, die die griechische und lateinische Sprache lernen. Sie üben sie tägliche gründlicher, und lernen immer mehr Neues und Zusammenhängenderes dazu. Bei der Abrichtung sind sie ganz abgeschieden, und hören auf die Stimme dessen, der ihnen die Worte vorsagt, und sie mit Leckerbissen lockt". So wunderbar diese Nachricht klingt, so ist sie doch nicht gänzlich zu verwerfen. Sind doch neuerdings wiederholt Kanarienvögel zum Sprechenlernen abgerichtet worden. Eine weniger erfreuliche Vorliebe der Römer für die Nachtigallen war allerdings die, daß man die Nachtigallen auch gebraten verspeiste, und aus ihren Zungen Ragouts bereitete.

Auch! die orientalischen Völker, so weit sie die Nach­tigall kennen, haben von jeher die seelenvolle Sängerin bewundert. Der int zwölften Jahrhundert lebende persische Dichter Altar Ferideddin hat eilten alten Sagenstoff in seinemBülbül Nameh", demBuch der Nachtigall", zu einer sinnigen Legende um gedichtet: Einst kamen aus allen Him­melsgegenden die Vögel vor König Salomons Thron, und beschwerten sich, daß sie ihnen durch den nächtlichen, ilagenden Gesang die Ruhe raube. Der König ließ die ckngeschuldigte vor seinem Throne erscheinen, und fragte sie, was sie zu ihrer Rechtfertigung anführen könne. Das Vöglein erzählte, daß es allein die heiße Liebe zur Rose sei, die es zu der leidenschaftlichen und rührenden Klage jwinge, und daß es nicht anders könne, als in den stillen stunden der Nacht zu singen und zu meinen. Salomo sprach oie Nachtigall frei. Die Ankläger aber wurden so von Mitleid erfüllt, daß es fortan keinem mehr einfiel, sich! über die schmelzenden Töne der Nachtigall zu beschweren. Auch