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mit dem die eine fensterlose Wand überzogen war, vermochte keine wohlthuende Abwechslung in die lichte Eintönigkeit zu bringen. Weiße Gipsabgüsse von Bildwerken der verschiedensten Größe und Art standen überall umher; weiße Reliefs, Gesichtsmasken und Abformungen einzelner Körperteile hingen an den Wänden. Eine weiße, figurenreiche, hoch zur Decke emporstrebende Gruppe nahm die Mitte des Raumes ein, und Hanna zweifelte nicht, daß dies das Werk sei, von dem sie nun schon wiederholt hatte sprechen hören. Aber sie lenkte ihre Schritte nicht zuerst dorthin, sondern sie begann ihre Besichtigung da, wo sie stand. Und schon die erste lebensgroße Statue, der sie sich zuwendete, lehrte sie verstehen, warum Harro von seiner und von seines Meisters Kunst als von einer herben und strengen gesprochen hatte. Es war eine leicht bekleidete männliche Gestalt, die Figur eines Arbeiters, wie man sie in Eisengießereien oder Walzwerken beschäftigt sieht. Im Augenblick einer schweren körperlichen Anstrengung dargestellt, zeigte diese kraftstrotzende Gestalt in bewunderungswürdiger Lebendigkeit das Spiel der gewaltig entwickelten Muskeln unter der dünnen Gewandung. Haltung und Bewegung waren von überzeugender Wahrheit; ein vollendetes Meisterwerk aber war der Kopf mit dem kurzen struppigen Haar und dem hageren, durchfurchten Gesicht, dessen harte Linien die ganze erschütternde Geschichte eines in Arbeit, Armut und Sorge hingebrachten Menschenlebens zu erzählen schienen.
Lange stand Hanna schweigend vor dem Werke, das in seinen eckigen, vielfach gebrochenen Umrißlinien und bei dem Fehlen jeglichen Sinnenreizes den landläufigen Schönheitsbegriffen allerdings wenig entsprach. Dann aber, indem sie sich mit einer raschen Bewegung Harro Boysen zukehrte, sagte sie plötzlich:
„Das ist herrlich! — Haben Sie es geschaffen?"
Hell leuchtete die Freude über sein Gesicht. Aber er schüttelte lächelnd den Kopf.
„Ich war noch ein Knabe, als es entstand. Dieser „Arbeiter" war es, den man vor fünfzehn Jahren als eine Verhöhnung aller wahren Kunst verdammte, den man von allen großen akademischen Ausstellungen zurückwies und den unsere öffentlichen Sammlungen nicht einmal als Geschenk von hem Schöpfer annehmen wollten. Begreifen Sie nun, Fräulein Hanna, weshalb Klemens Herbold sich so lange grollend von der Oeffentlichkeit zurückgezogen?"
Sie blieb ihm die Antwort schuldig, und nachdem sie das Bildwerk noch einmal mit einem langen Blick betrachtet hatte, sagte sie nur:
„Nun aber möchte ich auch etwas von Ihnen sehen, Herr Boysen, etwas, davon Sie mit gutem Gewissen sagen können, daß es ganz und gar Ihr eigenstes Werk sei."
Er führte sie nach der anderen Seite des Saales vor eine Gruppe, die Hauna auf deu ersten Blick einen Ausruf der Bewunderung abnötigte; von so packender Wirkung war die schlichte Wahrhaftigkeit der beiden in ihr vereinigten Gestalten. Ein am Wegrand neben einem hochragenden Muttergottesbild totmüde niedergesunkener Greis und seine ihm zur Seite an dem morschen Pfosten lehnende jugendliche Begleiterin versinnbildlichte den Jannner der Arnmt und der Verlassenheit mit einem so ergreifenden Anschein blutwarmer Wirklichkeit, daß wohl nur ein ganz verhärtetes Gemüt sie ohne ein leises Erschauern des Mitleids hätte betrachten können.
„Ich beglückwünsche Sie zn diesem Meisterwerk", sagte Hanna, indem sie dem Bildhauer ihre Hand reichte. „War es schon einmal öffentlich ausgestellt?"
„Nein. Ter Abguß wurde erst vor einigen Wochen fertig gestellt. Aber gefällt es Ihnen denn auch wirklich, Fräulein Hanna?"
„Es macht mich stolz, daß sein Urheber der Freund meines Bruders ist — und ein wenig vielleicht sogar der meinige."
Harro hatte ihre Hand nicht sogleich wieder frei gegeben, und bei den letzten Worten, die sie mit ihrem berückendsten Lächeln gesprochen hatte, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, sich herabzubeugen, um sie zu küssen. i
„Ein wenig? — O, wenn Sie mir nur gestatten wollten, es zu sein, aus dem ganzen, weiten Erdenrnnd sollte es keinen treueren und — —" 1
„Darf ich mich jetzt weiter umsehen", fiel sie ihm in die Rede, und dabei wiesen ihre ausdrucksvollen Augen ihn so deutlich auf Klemens Herbolds Tochter hin, daß er, der ihre Anwesenheit ganz vergessen zu haben schien, Hannas Hand erschrocken aus der seinigen gleiten ließ; Erika aber sagte in demselben Moment:
„Ich bitte um Verzeihuug, wenn ich mich auf eine kurze Zeit entferne, um nach nieinem Vater zu sehen. Tie Besichtigung wird Sie ja gewiß noch eine Weile hier festhalten, Fräulein Sylvander, und in einer Viertelstunde stelle ich mich wieder ein."
Und dann, indem sie sich gegen den jungen Bildhauer wandte, fügte sie hinzu:
„Sie haben wohl nichts dagegen, Harro, daß ich Kruschke mit mir hinüber nehme. Ich habe im Hause einiges für ihn zu thun."
„Wie mögen Sie mich danach erst fragen!" sagte er und ging einige Schritte mit ihr, um den Vorhang emporzuheben, durch den sie das Atelier verließ. Als er zurück kam, stand Hanna vor der hohen Grnppe inmitten des Raumes.
„Tas ist die große Arbeit, von der Sie gestern sprachen — nicht wahr?"
„Ja. Aber der Abguß bedeutet, wie Sie sehen, noch nicht das fertige Werk/ Abgesehen von mancher unerläßlichen Aenderung handelt es sich um das Allerwichtigste, nämlich um den Kopf der weiblichen Gestalt, für den wir bisher trotz alles Suchens und Versuchens kein brauchbares Modell zu finden vermochten."
„Und diese kopflose weibliche Gestalt — was soll sie darstellen? Vielleicht die Göttin des Glücks?"
„Ja. Soll ich Ihnen die Idee der Komposition erklären, Fräulein Hanna?"
„Ich glaube nicht, daß es dessen bedarf. Der Jüngling, der in so prächtig wiedergegebener Bewegung den steilen Felsen hinaufstürmt, ist der nach Macht und Glück strebende Mensch. Rücksichtslos hat er den andern, der ihm im Wege stand, niedergestoßen. Das abgebrochene Schwert in seiner Hand beweist es und die breite Wunde in der Brust des Hingestreckten. Ungestüm befreit er sich von der hindernden Umklammerung des Mädchens, das angstvoll flehend sein Knie umfaßt hält. In heißem Begehren streckt er schon die Linke nach dem göttlichen Weibe über ihm auf dem Gipfel der Klippe aus. Er sieht nicht die zu- sammengekauertc Schreckgestalt des Todes, der sich zähnefletschend hinter ihrem Gewände verbirgt. Der Beschauer aber hat die sichere Empfindung, daß die Kuochenhand, die sich da so unheimlich aus dem Totenlaken herauswickelt, ihn gerade in dem Augenblick ergreifen wird, wo er das Glück in seinen Armen zu halten wähnt. — Habe ich es so recht verstanden?"
„Gewiß! Und Ihr Urteil, Fräulein Hanna?"
„Ich bin mit dem Grundgedanken dieses Knnstwerks nicht völlig einverstanden. Tenn ich sehe nicht ein, weshalb das mutige Ringen nach den: Glück gewissermaßen als ein todeswürdiges Verbrechen dargestellt werden muß. Aber das hindert mich nicht, die unvergleichliche Schönheit der Gruppe zu bewundern. Ich bin überzeugt, daß sie Aufsehen erregen und begeisterte Anerkennung finden wird. Sie sollten sich beeilen, sie zu vollenden."
„Ich? — So lange der Meister mich nicht damit beauftragt hat — nimmermehr! Aber da wir eben allein sind : sagen Sie mir doch ganz aufrichtig: hat Ihr Besuch bei Erika Herbold Sie gereut?"
„Nein! Aber ich bin sicher, daß sie in ihrem Herzen wünscht, ihn nicht wiederholt zu sehen."
Harro sah sie bestürzt an.
„Meinen Sie das im Ernst? Und wie kommen Sie auf solche Vermutung?"
„Ich glaube, sie bedarf meiner Freundschaft so wenig als der irgend eines anderen weiblichen Wesens. Wie gut und ehrlich ich es auch meinte, ich würde doch immer nur die störende Tritte fein. Und nach dieser undankbaren Rolle — Sie dürfen mir das nicht verübeln, lieber Herr Boysen — trage ich denn doch sehr wenig Verlangen!"
„Die störende Dritte? Ich verstehe Sie nicht, Fräulein Hanna! Wen, um des Himmelswillen, sollten Sie denn stören?"
„Sind Sie wirklich so naiv, oder wollen Sie mir


