(Nachdruck verboten.)
Die Göttin des Glücks.
Roman von Reinhold Ortmann.
(Fortsetzung.)
Hannas Wißbegierde war durch diese Auskünfte indessen noch nicht befriedigt. Sie erkundigte sich nach allen möglichen Einzelheiten, und Erika mußte aus ihren Fragen den Eindruck gewinnen, daß sie sich bereits ein vollkommen zutreffendes Bild von der Krankheit ihres Vaters gemacht hatte. Dabei war auch das Gesicht der jungen Medizinerin immer ernster geworden, und als sie zuletzt verstummte, fragte Klemens Herbolds Tochter beklommen:
„Auch Sie glauben nach alledem nicht mehr daran, daß er genesen könnte — nicht wahr?"
„Meine geringen Erfahrungen geben mir nicht das Recht, daraus mit einem bestimmten Ja oder Nein zu antworten. Soviel aber, mein liebes Fräulein, weiß ich bestimmt, daß in dem Fortgang dieses Leidens häufig ein Stillstand eintritt, der Monate oder selbst Jahre andauern kann. Weshalb sollte gerade hier unmöglich sein, was in anderen Fällen so oft geschieht?"
„O, wenn Ihre Hoffnung sich erfüllte! Wenn es meinem Vater vergönnt wäre, die Vollendung seines großen Werkes noch zu sehen!"
„Eine Vollendung, die allerdings wohl ein anderer an seiner Stelle bewirken müßte! Glauben Sie denn, daß er dazu seine Einwilligung geben würde?"
„Wenn Harro Boysen dieser andere wäre — gewiß! Er hat ja ohnehin einen so großen Anteil an dieser Arbeit, daß mein Vater nur mit ihm zugleich als Schöpfer genannt werden will."
„Wäre es sehr unbescheiden, wenn ich Sie um die Erlaubnis bäte, einen Blick in das Atelier zu werfen — vorausgesetzt natürlich, daß wir Ihrer Meinung nach Herrn Boysen nicht in seinem Schaffen stören?"
„Wir werden ihn nicht stören; denn er hat mir gesagt, daß er an diesem Vormittag kein Modell haben würde. Wollen Sie die Güte haben, mir zu folgen?"
Lormerstag de« 16. Mai.
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Ä
"Mill/ohl blühet jedem Jahre
Sein Frühling, mild und licht;
Wr Auch jener große, klare —
Getrost! er fehlt dir nicht;
Er ist dir noch beschieden
Am Ziele deiner Bahn;
Du ahnest ihn hienieden, Und droben bricht er an. Lu dw. Uh land.
Sie hatte sich erhoben und führte Hanna über den stillen, mit Bäumen und Sträuchern bepflanzten Hof zu dem einstöckigen, aus leichtem Material aufgeführten Quergebäude hinüber, das sich schon durch die mächtige Ein- gangsthür und die hohen breiten Fenster als ein Bildhauer-Atelier kennzeichnete.
„Es ist, wie Sie sehen, durch einen gedeckten Gang mit unserer Wohnung verbunden", sagte sie, „aber ich mußte Ihnen trotzdem diesen kleinen Umweg zumuten, weil der Gang direkt in das Zimmer meines Vaters ausmündet."
Sie drückte auf den Knopf einer elektrischen Klingel, und gleich darauf wurden von drinnen die gewaltigen Schiebethüren so weit geöffnet, daß sie eintreten konnten. Sie befanden sich in einem nur durch Vorhänge von dem eigentlichen Atelier abgegrenzten Vorraume, und ein ältlicher, vierschrötig gebauter Mann in gipsbestäubtem Arbeitskittel war es, der sie achtungsvoll begrüßte.
„Guten Morgen, Kruschke", sagte Erika freundlich. „Wollen Sie Herrn Boysen mitteileu, daß Fräulein Syl- vander das Atelier besichtigen möchte?"
„Ist nicht nötig, Fräulein Erika", erwiderte er mit jener respektvollen Vertraulichkeit, wie alte Hausbedienstete sie im Verkehr mit den Heranwachsenden Kindern ihrer Herrschaft an den Tag zu legen pflegen. „Er weiß ja, daß die Damen kommen werden, und ich habe schon alles beiseite bringen müssen, was Sie nicht zu sehen brauchen."
Um Hannas Lippen zuckte ein Lächeln; Erika aber blieb unverändert ernst, und ihr Gesicht erhellte sich auch dann nicht, als Kruschke einen der Vorhänge zur Seite gezogen hatte, und als sie sich plötzlich dem jungen Bildhauer gegenüber sahen, der auf den Klang der wohlbekannten dunklen Frauenstimme herbeigeeilt war, sie zu empfangen. Er grüßte Erika, die er an diesem Morgen wohl schon gesehen hatte, nur mit einem Kopfnicken, Hanna aber reichte er die Hand, und der herzliche Truck seiner Finger wie sein dankbarer Blick sagten ihr deutlich, welche Freude er über die Erfüllung ihres Versprechens empfand.
„Seien Sie mir in unserem Heiligtum gegrüßt, und schauen Sie sich nach Belieben darin um", redete er sie in launigem Tone an. „Aber nehmen Sie Ihre Toilette in acht; denn die Werkstatt eines Bildhauers ist ohne einigen Gipsstaub nun einmal nicht zu denken."
Wenn Hanna erwartet hatte, ein phantastisch ausge- schmücktes Künstler-Atelier mit orientalischen Teppichen, 'interessanten Raritäten und schwellenden Polsterkissen in lauschigen Winkeln zu finden, so mußte ihre erste Empfindung notwendig die einer starken Enttäuschung sein. Denn von alledem' gab es hier nichts. Es war ein von kalter Tageshelligkeit erfüllter, kahler und nüchterner Raum, den Harro Boysen als sein Heiligtum bezeichnet hatte. Ein scharfes, blendendes Weiß schien die einzige Farbe, die man darin zugelassen hatte, und das helle, frostige Grau,


