Ausgabe 
16.4.1901
 
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Polentz wurde als alles Erdenkliche gefeiert, als Hort der Kirche, als Unternehmergenie, als Vater der Ar­beiter, alsMann seiner Zeit". Das war der Knall­effekt, der sich nicht mehr überbieten ließ.

Und auch Johannes, erhitzt vom Weine, von dem ungewohnten Lärme, dem Lobe des Ministers, das in ihm nachgärte, stieß mit an auf denMann der Zeit", derselben Zeit, der er einst so stolz die Fehde angekündigt hatte.

Nachdem diese Komödie zu Ende war, lüfteten sich rasch die Masken unter dem Einflüsse des Champagners.

Frau Polentz verlob ihre ganze Grandezza, und wurde wieder möglichst lärmend. Herr Fritz und Genossen rückten den Damen gegenüber mit ihrer gewohnten Sprache heraus, während man in einer anderen Ecke unter dem Vorsitze des Herrn Polentz eine förmliche Börse abhielt, Bünd­nisse abschloß, sich unter dem Scheine der Freundschaft hinter die Karten zu blicken suchte.

(Fortsetzung folgt.)

Welches ist gegenwärtig der bevorzugte Modegeschmack der deutschen Frauenwelt?

Eine allgemeine Modenwahl der dentschen Frauenwelt in Verbindnng mit einer Verteilung von 300 wertvollen Preisen.

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Nicht dar Schönste auf der Welt Soll dir am meisten gefallen, Sondern was dir wohlgefällt, Sei dir da- schönste von allem.

Rückert.

Alle denkenden deutschen Frauen sollen zu einem Wahlkampfe auf­gefordert werden, allerdings nur zu einem ganz harmlosen, aber doch nicht unwichtigen; denn es handelt sich dabei um die jetzt so viel umstrittene Kleiderfrage.

Die Mode in Deutschland sucht unter den verschiedensten Einflüssen nach einer bestimmten Gestaltung, ohne jedoch unter den um die Herrschaft ringenden Geschmacksrichtungen bisher zu irgendwelcher entscheidenden Klarheit gekommen zu sein.

Da ist zunächst der kokette, raffinierte Pariser Geschmack, welcher mit seinen althergebrachten Rechten immer den Grundton angiebt, wie er es ja in der gesamten zivilisierten Welt thnt. Teils aus Nationalgefühl, teils weil er unserer Geschmacksrichtung nicht entspricht, wird er angefochten und wird an ihm herumgemodelt. Ein anderer Einfluß, der sich geltend macht, ist in der allgemeinen Frauenbewegung begründet, welche für die im Existenzkampf stehende Frau allen unnötigen Schmuck re. verbannt und

1. Parisienne, graziös, leicht und duftig.

2. Tailor-made, gediegen, einfach, korrekt.

5 Promenadenkostüme zur Wahl gestellt, deren jedes dentlich eine bestimmte Geschmacksrichtung darstellt und zwar in möglichst decenter, wenig auf. fallender Weise nnd möglichst unter Berücksichtigung des guten Geschmackes. So zeigt z. B. Fig. 1 ein modernes Kostüm im echten Pariser Geschmack, aber ohne Uebertreibung. Es besteht ans leichtem, duftigem Stoff und ist reich mit Spitzen-Einsätzen und Chiffon garniert. Figur 2 erscheint von direkt entgegengesetzter Geschmacksrichtung; denn aus Tuch bestehend, ist es streng im praktischen tailor-made-Stil gehalten und nur mit Stepp­reihen verziert. Figur 3 stellt den neutralen deutschen Geschmack dar, welcher wohl die Mode mitmacht, aber sie weder nach der einen noch nach der anderen Richtung übertreibt. Figur 4 wird den Bestrebungen der verbesserten Frauenkleidnng gerecht, welche vor allem die geschnürten Taillen und langen Röcke abschaffen will, und Figur 5 schließlich ist im Sinne moderner Kunst gehalten, welche keine allgemeinen Besätze, sondern individuelle Ornamente durch einfache, mit der Körperform harmonierende Linien fordert, verbunden mit feinen Farbenwirkungen.

daher dem praktischen tailor-made mit seiner strengen Einfachheit dak Wort redet.

In anderer Hinsicht sind die Reformbestrebungen von Einfluß, welche in erster Linie die gesundheitlichen Rücksichten gelten lassen wollen, und schließlich sind es in neuester Zeit die Künstler, speziell die modernen, denen das jetzige Frauengewand in seiner Stillosigkeit nicht gefällt; denn sie predigen Einfachheit der Schnittform, ornamentale, bewegte Dekorations- linien, die mit der Körperform harmonieren.

Aus alledem geht hervor, daß man im großen und ganzen mit der jetzigen Mode nicht zufrieden ist. Was sagen nun aber die am meisten Beteiligten, die deutschen Frauen selbst dazu? Dieses festzustellen ist der Zweck dieses Aufrufes, den die Internationale SchnittmanufakturDresden-Ifl.8, welche sich als Lieferantin fertiger Schnitte in kurzer Zeit einen hervor- ragenden Ruf erworben hat, an alle Frauen erläßt.

Um die gestellte Aufgabe zu lösen, werden mit beistehenden Figuren

4. Reform, corsettlos, fussfrei.

6. Jugendstil, modern, kttnstlcdafh.

3. Neutral, Jlig, aber Extreme vermeidend.

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Es werden nun alle deutschen Damen aufgefordert, durch Einsendung einer Postkarte mitzuteilen, welches Kostüm am meisten ihrem Geschmack nnd vor allem ihrerGeschmacksrichtung" entspricht.

So interessant nun dies Unternehmen au nnd für sich sein dürfte, so soll das Interesse daran noch dadurch gesteigert werden, daß jede Einfenderin im günstigsten Falle die Aussicht hat, das von ihr gewählte Kostüm fix und fertig für ihr persönliches Maß passend vollständig kosten» srei zu erhalten. Es sind nämlich 800 Preise ausgewvrsen, worunter als Hanptpreise die 5 Kostüme selbst. Ende Mai, bis zu welchem Termine Ansichtsäußerungen möglich sind, erfolgt die Zuerkennung der Preise unter den Einsenderinnen vermittelst Loses.

Das Ergebnis dieser Wahl wird Anfang Juni bekannt gegeben werden. Hoffentlich wird die Teilnahme eine recht rege sein, damit das statistische Material ein möglichst vollkommenes werde. Alle Einsendungen sind auf einfacher Postkarte bis spätestens Ende Mai zu richten an die Internationale Tchnittmanufaltnr, DreSden-ki. 8."