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Horizont zu Luward ab. Es war nichts in Dicht. Ich wagte nicht, ihn anzureden. Seine Unruhe und Sorge spiegelten sich so lebhaft in seinem Gesichte wieder, daß ich es kaum übers Herz brachte, ihn anzuschauen.
(Fortsetzung folgt.)
Der Nicaraguakanal in technischer und wirtschaftlicher Beleuchtung.
Von Dr. I. Wies e.
(Nachdruck verboten.)
Der Gedanke, an irgend einem geeigneten Punkte in Mittelamerika einen interozeanischen Kanal herzustellen und so die riesige Felsenmauer, die sich vom nördlichen Polarmeer fast bis in die eisigen Gewässer des antarktischen Ozeans erstreckt, zu durchbrechen, ist seit den Zeiten der Entdeckung Amerikas stets und stets wieder ausgesprochen worden. Es lag allzunahe, daß man nicht immer wieder darauf zurückkommen sollte. Aber die Spanier, welchen Mittelamerika gehörte, dachten nicht an die Ausführung großartiger Pläne und noch weniger ihre Nachfolger, die kleinen zentralamerikanischen Republiken. Es ist ein Verdienst von Alexander von Humboldt, dem besten Kenner mittelamerikanischer Verhältnisse, daß er nachdrücklich auf das mittelamerikanische Kanalprojekt hinwies, und seitdem hat die Lösung des großen Problems zahlreiche tüchtige Männer, aber auch viele Jndustrieritter und Abenteurer beschäftigt. Nicht weniger als zwanzig verschiedene Projekte sind nach und nach in Vorschlag gekommen, unter denen die Benutzung der beiden großen Landseen in Nicaragua eine hervorragende Rolle spielte. Nach den letzten bekannten Beschlüssen der gesetzgebenden Körperschaften der Vereinigten Staaten von Nordamerika kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß das Nicaraguakanälprojekt, für das man sich in der Union schon seit 1848 lebhaft interessierte, zur Ausführung kommen und somit ein gewaltiges Kulturwerk, gleich bemerkenswert nach der technischen wie wirtschaftlichen Seite, in nächster Zukunft geschaffen werden wird.
Skizzieren wir zunächst nach dem von der Jsthmus- Kanalkommission eingereichten Bericht die technischen Grundlagen, die zur Annahme einer Bill betreffend die Genehmigung des Baues führten. Der Kanal beginnt bei Grehtown am Karaibischen Meere, nördlich der Mündung des Flusses San Juan in dasselbe, und wird bei Brito (San Juan del Suo) in den Stillen Ozean münden. Die Gesamtzahl der Schleusen ist nach dem von der Kommission dem Kongreß unterbreiteten Material auf sechs beschränkt worden, die einen Höhenunterschied von 33,5 Meter überwinden sollen; eine Schleuse soll allein 13,7 Meter Gefälle überwinden. Von den Thalsperren, die auszuführen sind, soll die im Thale des Rio Grande eine Länge von 640 Meter und eine Höhe von 25 Meter erhalten. Die Fahrzeit für Dampfer wird auf der 273 Kilometer langen Strecke, von der allerdings nur eine Strecke von 46 Kilometer förmlich auszugraben ist, bei einer Durchschnittsgeschftiindigkeit von neun Kilometern in der Stunde etwa 30 Stunden betragen. Während die Kosten eines Kanals über die Panamalandenge je nach der gewählten Strecke auf 156 378 258 Dollars zu veranschlagen wären, werden die Kosten des Nicaraguakanals auf 200 540 000 Dollars geschätzt; doch werden sie, wie bei allen solchen Bauten, zweifellos bedeutend höher zu stehen kommen. . 1 | ;' ,i i.•. |'! r.. |4|
Der Bau des Kanals wird ungeheure technische Schwierigkeiten bieten. So müssen, um nur einige Hervorzuheben, drei künstliche Seen geschaffen werden, welche durch Aufstauung dreier von Norden kommenden Kordillerenflüßchen gebildet werden sollen. Zur Bildung dieser Seen sind 19—24 Kilometer Dämme von 30—60 Meter Höhe erforderlich; das Material dazu, gegen 7 Millionen Kubikmeter Thonerde, muß zum Teil aus weiterer Entfernug herbeigeschafft werden. Der obere San Juan tritt als wasserreicher, 240 Meter breiter Strom beim Fort San Carlos aus dem 33 Meter über dem Meeresspiegel liegenden Nicaraguasee. Das Flußbett ist jedoch flach, durchschnittliche 3 Meter tief, und wird von vier Stromschnellen unterbrochen, deren Passage bei niedrigem Wasserstande stromaufwärts selbst sür die kleinen Flußdampfer, die ihn heute befahren, unmöglich ist. Um dem Strom nun die genügende
Tiefe zu geben, soll bei Ochoa, unweit der Mündung des von Süden kommenden Nebenflusses San Carlos, ein gewaltiger Staudamm errichtet werden, der weit über eine Million Kubikmeter Steine erfordern wird. Seine Anlage wird sich sehr schwierig gestalten, da eine Ableitung des San Juan während des Baues unmöglich ist. Da der Untergrund nicht aus Felsen besteht, so ist es fraglich, ob der Damm den furchtbaren Druck des . Stromes aushalten wird. Durch diese Aufstauung würden zwei der Stromschnellen unschädlich gemacht werden, bei den übrigen sind Sprengungen von Felsen unter Wasser notwendig. Sonst erfordert der Strom, der etwa 111 Kilometer als Kanal benutzt werden soll, nicht wenige Regulierungsarbeiten, hauptsächlich in der Nähe des Sees, wo im Strombett ungefähr dreieinhalb Millionen Kubikmeter Fels uud acht Millionen Kubikmeter lose Stoffe fortzuräumen sind. Im Nicaraguasee soll der Kanal am Grunde mindestens 90 Meter breit werden. Da die Böschung der Wände unter Wasser in dem morastigen Sande noch weit flacher sein muß, als auf dem Lande, so sind gewaltige Massen auszubaggern. Ein wunder Punkt das ganzen Nicaraguakanalprojekts ist die völlig unzureichende Beschaffenheit der beiden Häfen Grey- town und Brito, die wegen der stets drohenden Versandung durch Sand- und Schlammmassen je zwei gewaltige Dämme erhalten müssen.
Aber selbst wenn diese ungemein schwierigen technischen Hindernisse dank des gewaltigen Fortschrittes der Mechanik und Naturwissenschaften beseitigt sind, so droht dennoch dem fertigen Kanal eine Gefahr, die die Amerikaner in ihrem Jmperialismustaumel zu unterschätzen scheinen. Autoritäten auf diesem Gebiete des Wissens, wie der französische Geologe Marcel Bertrand und der amerikanische Geograph Professor Heilprin haben nämlich aus dem Studium der vulkanischen Erscheinungen, die sich im Nicaraguasee abgespielt haben, den Nachweis geliefert, daß sich die vulkanische Thätigkeit in Mittelamerika allmählich immer mehr nach diesem Bezirk hin verlegt. Diese Thatsache wird dadurch bestätigt, daß die Vulkane von Guatemala erloschen sind, während sich in Nicaragua neue Vulkane gebildet haben. Die vulkanische Thätigkeit scheint demnach von Nord nach Süd vorzurücken und gerade den Nicaraguasee zu bedrohen, der vielleicht in nicht allzuferner Zeit der Schauplatz eines ungeheuren Zusammenbruches werden wird, wie er um 1 : Mitte des vorigen Jahrhunderts im Golf von Fonseca auf dem Gebiete von Honduras eintrat. Auch ist durch die von den Ingenieuren und Hydrographen der Nicaragua- Kanal-Kommission von 1897—1899 gesammelten Beobachtungen festgestellt, daß der See während der letzten 25 bis 30 Jahre ganz merklich zusammengeschrunrpft ist, und dieser Verlust an Ausdehnung und Wassermenge scheint beständig fortzuschreiten. Bei den letzten zuverlässigen Messungen hat sich ein Sinken des Wasserspiegels um nicht weniger als 20—30 Fuß ergeben, was bei der gewaltigen Ausdehnung des Seebeckens eine ganz außerordentliche Wasserabnahme bedeutet.
Auf den ersten Blick erscheint ja dem Laien die Idee einer Durchstechung des amerikanischen Kontinents sehr verlockend, und er malt sich gewiß eine ungeheure Ablenkung des internationalen Verkehrs von anderen Routen nach dieser Wasserstraße aus. Zweifellos spielt bei diesen Erwartungen der Vergleich mit der außerordentlichen Einträglichkeit des Suezkanals mit. Ein solcher Vergleich ist jedoch unzulässig. Der Suezkanal hat keine Eisenbahnkonkurrenz und war ein absolutes Bedürfnis, welchem auch heute noch keine andere Verkehrslinie entspricht. Ganz anders der Kanal durch den amerikanischen Isthmus. Dieser wird die Konkurrenz von einem ganzen Dutzend transkontinentaler Bahnen zu bestehen haben, und selbst die Panamabahn würde, beide Umladungen inbegriffen, Frachtsätze bieten, welche hinter den niedrigsten Passierabgaben zurückbleiben würden, mit denen ein isthmi.scher Kanal sich bescheiden könnte. Auf eine Ablenkung des englischen Verkehrs mit Ostasien nach dem amerikanisch-isthmischen Kanäle wäre schon gar nicht zu rechnen; denn selbst nach Yokohama — von Hongkong und Kalkuta gar nicht zu reden — würde die Reise durch den isthmischen Kanal um 800 englische Meilen länger sein als die durch den Suezkanal. Es ist charakteristisch, daß das amerikanische Staatsbureau für Statistik, welches noch vor zwanzig Jahren den wahr-


