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zweifellos jeder mehr über einen billigen Gegenstand, den er brauchen kann, als über einen teuren, für den er keine Verwendung hat.
Kurz, ich lasse nichts aus den Wunschzettel kommen. Und wenn ich auch völlig von seinem Praktischen Nutzen absehe, so verkörpert er für mich doch ein ganzes Stück Weihnachtspoesie. Birgt diese denn nur der Heilige Abend allein? Ist nicht die Adventszeit ebenfalls hehr und schön — diese Zeit, in der die Kinder den lichterstrahlenden Baum schon zu sehen, und mit den Händen die herrlichen Dinge, die sie auf deu Wunschzettel geschrieben, zu fassen wähnen? Diese Vorfreude aber verstärkt und verdoppelt er, und wo ich ein blondes oder braunes Kinderköpfchen mit glühenden Wangen über den Wunschzettel gebeugt sehe, da meine ich die Weihnachtsglocken läuten zu hören.
Zwei Frauen.
Roman voll Hermann Heiberg. Leipzig, Johannes Cotta Nachfolger Preis Mk. 5,—.
Es mag an die zwanzig Jahre her sein, als ich! mit wahrem Heißhunger Heibergs derzeit in Schorers Familien- tlatt erscheinenden Roman „Apotheker Heinrich" verschlang. Indes — die Zeiten ändern sich, un6 wir wandeln uns in ihnen —, sei es, daß der sonst wertgeschätzte Zunft- genosse mählich verflacht, sei es, daß meiner Wenigkeit Lebensanschauung sich inzwischen vertiefte; ich lasse es dahingestellt —, den „Zwei Frauen" stehe ich mit sehr gemischten Gefühlen gegenüber.
Tie sich unheimlich mehrenden Ehezerwürfnisse gelten sicher durchaus nicht als ein erfreuliches Zeichen der Zeit; noch unerquicklicher aber ist es, daß man an ihrer Verwertung dermaßen Gefallen findet, daß sie sich zum blühenden Litteraturzweig auswachsen konnten. Heibergs seelen- kundliche Beobachtungsgabe und seine Erzählergewandheit w allen Ehren —, aber, obschon beide Frauen am Ende sagen können: „Es ist erreicht!" — mir gefallen sie "--cht; dagegen gefällt mir der eine Mann, den die ^schichte aufzuweisen hat, der äußerer Vorzüge bar, in seiner schlichten Herzensgute lehrt, was schon die Heiden wußten, darum die Christen beherzigen sollten:
„ Omnia vincit amor!“
„Die Liebe überwindet alles!"
Und um dieses einzigen Mannes willen sei bedankt auch für diese Gabe, Hermann Heiberg. Bdt-
Das tolle Jahr.
B ü ch n e r, A l e x. Das „toll e" Jahr- Vor, während, und nach 1848. Von einem, der nicht mehr toll ist. Gießen, Verlag von Emil Roth, 1900; geh. Mk. 4, eleg. geb. Mk. 5.
Hessenland bringt auf Seite 336 der Nr. 23 vom 2. Dez. 1901 folgende empfehlende Besprechung des Buches, der wir uns hiermit rückhaltlos anschließen:
Lebenserinnerungen Pflegen, wenn sie nicht aus der Feder überragender Geister fließen, selten über einen kleinen Kreis hinaus zu kommen. Anders, wenn persönliche Memoiren zugleich eine Zeitepoche zu illustriereu geeignet sind, noch besser, ivenn ihnen dieser Zweck gleich als Stempel aufgedrückt ist, tote es bei dem vorliegenden Werke der Fall. Nirgends drängt sich das Persönliche so stark hervor, daß die Ereignisse dahinter zurücktreten, und doch legt jede Seite Zeugnis ab von der starken Originalität des Verfassers, die den Leser bald in ihren Bann zwingt. Dett eigentlichen Kern des Buches bilden 1848 er Erinnerungen. Daß es in Gießen, dem „Universitätsdorf", das es damals noch war, besonders kunterbunt zugegangen ist, wird den nicht wundern, der unsere studentische Jugend kennt. Büchner hat damals heftig mitgeratet und gethatet. Aber daß er nun als sein eigener Chronist alles sein säuberlich berichtet, ist der Sühne genug, zumal er so prächtig zu erzählen weiß. Denn auch das, was sich um dies Hauptkapitel herumrankt, kommt diesem gleich, über- -rifft es stellenweise sogar in mancher Beziehung. Dem „Studentendorf" z. B. ist noch ein eigner Abschnitt gewidmet, der allerlei Enthüllungen aus dem akademischen und galanten Leben der Herren Musensöhne bringt. Ein anderes Kapitel, „Maibowlina" betitelt, harrdelt von einer
jener Gesellschaften, die zur Rettung des Va^rlandes damals allenthalbett sich bildeten. Eine politische Liebesgeschichte macht dieses Kapitel noch amüsanter, sodaß es geradezu als Novelle bezeichnet wird. Das Thema „Liebe" wird auch sonst noch häufig angeschlagen. Von köstlichem Humor durchtränkt, dem sich eine tüchtige Dosis gutmütigen Spottes zugesellt, ist der erste Abschnitt „Bilder aus Arkadien", in dem der Verfasser durch eilt reichhaltiges anekdotisches Material die idyllischen Zustände vor dem tollen Jahr im Darmstädtischen illusttiert. Eine anschaulich und interessant geschriebene „Reise nach Spanien" wär« aus den später?» Erinnerungen hervorzuhebeu. Neber dem ganzen Buche liegt die sonnige Stimmung, wie sie dem! Alter eignet, das auf ein zwar wechselvolles, aber schönes! Leben zurückblickt. Man kann nach alledem das Buchs nur warm empfehlen. Die gediegene, prächtig«! Ausstattung macht es auch als Weihnachts- g e s ch e n k h ö ch st g e e i g u e t. H. D.
Mode.
„Wiener Mode". Das soeben erschienene Heft 6 ist als letztes des Jahres 1901 eine Luxusnummer. Die Zusammenstellung der neuen Damentoiletten ist berückend, die! stattliche Anzahl der neuen Modelle modernen Stils muß gefallen. Jedes Doilettestück der Jahreszeit ist berücksichtigt und in mehreren Exemplaren veranschaulicht. Besondere Aufmerksamkeit wurde den Weihnachtsgeschenken gewidmet; ratend und helfend giebt das Blatt den Damen nützliche Winke, aus der reichen Auswahl passender Gegenstände geschickt zu wählen. Der Unterhaltungsteil bietet eine Weihnachtsgeschichte von Erna Viereck, einen Beitrag zum 100. Geburtstage Nestroys, und neben andern beachtenswerten Arbeiten die Fortsetzung des Romans „Was! Liebe vermag". Abonnementsbestellungen für das neue Vierteljahr werden schon jetzt von allen Buchhandlungen, von den außerösterreichischen Postanstalten, sowie vom Verlag der „Wiener Mode", Wien VI., zum Preise vorr Mk. 2.50 vierteljährlich, entgegengenommen.
Gemeinnütziges.
Myrten müssen während des Winters kühl stehen, da sie andernfalls austreiben und dadurch nicht vollkommen ausreifendes Holz bekommen, was sie Krankheiten zu sehr! geneigt macht. Bor Ende Februar sollte die Myrte nicht treiben, sie braucht viel frische Luft, damit die Triebe recht kurz und gedrungen bleiben.
(„Prakt. Wegw.", Würzburg.)
Schachaufgabe.
(Nachdruck verboten.)
d e f g h
8
7
6
5
4
3
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1
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8 !■
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1 in
a b
Weiß. (8 + 6)
Weiß zieht an und setzt mit dem vierten Zuge matt. (Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung des Rätsels in vor. Nr.r Horn, Ahorn.
W wohlfeiles Schachspiel -« für 20 Pfennige
zu haben in der Geschäftsstelle der Gießener Familienblätter»
Redaktion: E. Burkhar dt. — Rotationsdruck und Verlag der Brstbl'schen Universitäts-Buch» und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.


