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Herbert horchte aus.
„Kronenberg? Ist das der Verfertiger des vom Herrn Rat erwähnten Mantels?
„Allerdings. Kennen Sie ihn?"
„Er arbeitet seit Jahren auch für mich. Würde es mir gestattet sein, das cvrpus delicti zu sehen?"
„Gewiß! Da ist es."
Der Untersuchungsrichter entfernte das Tuch, das über einen auf dem Nebentische liegenden Gegenstand gebreitet war, und Herbert trat herzu, um den Mantel zu betrachten, der dabei zum Vorschein kam. Er faltete ihn auseinander, drehte ihn nach allen Seiten und wandte sich dann mit merkwürdig bleichem Gesicht wieder gegen den etwas verwundert dreinschauenden Landc>erichtsrat.
„Die Vernehmung des Schineidermeisters Kronenberg dürfte sich als überflüssig erweisen. Denn der Eigentümer dieses Kleidungsstückes ist mir bekannt."
„Wie? Sie kennen ihn, Herr Kollege? Und wer ist es?"
„Er steht vor Ihnen, Herr Rat!"
„Was? Sie selbst? Aber das ist ja unmöglich — Sie müssen sich in einem Irrtum befinden."
„Durchaus nicht. Ich bin meiner Sache ganz gewiß. Nicht an einem einzigen, sondern an einem halben Dutzend untrüglicher Anzeichen erkenne ich diesen Mantel als den meinigen. Eine Täuschung ist vollständig ausgeschlossen."
(Fortsetzung folgt.)
Der Wunschzettel.
Plauderei von Anita Baumann.
(Nachdruck verboten.)
Der Wunschzettel! Der liebe alte Wunschzettel! Wem von uns erweckte er nicht teure Erinnerungen an längst vergangene Zeiten, da der Gedanke an das, was wir dem kleinen Blättchen Papier anvertrauen könnten, uns während vieler Tage und Wochen im Wachen und im Träumen beschäftigte! Das heißt, manchmal wurde aus dem kleinen Blättchen aucb ein recht großes Blatt; denn es waren der Wünsche, oie darauf.Platz finden sollten, gar zu viele, und wenn den Eltern der eine oder andere unerfüllbar schien, so mußten sie dafür doch eine Anzahl anderer zur Auswahl verzeichnet finden.' Und in Verlegenheit, was wir aufschreiben sollten, waren wir nie — nie. Was begehrt solch' Kinderherz nicht alles!
Es giebt Leute, die dem Wunschzettel den Krieg erklärt haben, die da behaupten, er gehöre auf den weihnachtlichen Sündenzettel der Eltern, und sei der Idee des Geschenkgebens zuwider, weil er das erspare, worauf es ankäme — nämlich pachzudenken, was dem Kinde Freude macht. Eine Rechnung nennen sie ihn, auf der einige Posten unbezahlt blieben. Ach, die so sprechen, haben wohl ihre eigene Kindheit vergessen, oder in dieser recht traurige Erfahrungen gemacht. Kritisieren läßt sich schließlich alles, und eben so wahr ist es, daß jeder Brauch von thörichten Menschen verkehrt gehandhabt werden kann — ihn deshalb ausvotten zu wollen aber hieße das Kind mit dem Bade ausschütten. Wie vermöchte eine kinderreiche Mutter sämtliche Wünsche eines jeden aus ihrem kleinen Häuflein zu kennen! Es ist ganz unmöglich, sie sinnt Und sinnt, und trifft doch nicht das Rechte. In dem Kopf .eines Kindes leben solche krause, wunderliche Vorstellungen, von denen der Erwachsene, der es stets zu sehr von feinem eigenen Standpunkt aus betrachtet und beurteilt, gar nichts ahnt. Er mag sich noch! so viel mit ihm beschäftigen — ein großer Teil seines Innenlebens bleibt ihm dessenungeachtet verborgen. Die Wünsche aber, die es auf den Zettel schreibt, legen von seinen Neigungen, Talenten und Charaktereigenschaften Zeugnis ab. Schon gus diesem Grunde besitzt die Sitte so hohen Wert. Irgend jemand äußerte einmal, die Eltern hielten es für sehr pädagogisch, einen Wunschzettel schreiben zu lassen, weil er vrtographisch fehlerlos sein muß. Diese Rechtfertigung ist falsch.; die Sache hat allerdings ihre pädagogische Seite, aber nur insofern, als sie den Eltern zur besseren Erkenntnis ihres Kindes hilft.
Eine alte Dame, die ich vor Jahren kannte, und die, obgleich sie felbst unverheiratet geblieben, innige Neigung für Kinder hegte, hatte sich eine förmliche Sammlung von Wunschzetteln angelegt. Eine sehr seltsame Sammlung, iw der That, an der auch nur solche Allerweltstante,
wie sie es war, Freude zu finden vermag. Es erscheint gerade unglaublich, was auf diesen Zetteln zu lesen stand.
Da sah man z. B- auf einem, den ein kaum siebenjähriges Mädchen, das einzige Kind wohlhabender Eltern verfaßt hatte, gleich obenan mit ungefügen Buchstaben hingekritzelt „ein sieben Spannen langes Mädchen, das sprechen und gehen kann". Was noch folgte, waren nur ein paar unbedeutende Kleinigkeiten, die zusammen noch nicht eine Mark kosteten. Natürlich meinte man, der Hauptwunsch beträfe eine Puppe, mit einem kunstreichen Werk im Innern. Als man aber die Kleine danach fragte, schüttelte sie entschieden den Kopf.
„Es ist nichts Totes", sagte sie.
Erst nach längerem Hin- und Herreden erfuhr man, daß das Kind sich eine lebende Spielgefährtin wünschte. Niemand, auch die Mutter nicht, die ihr Töchterchen beständig um sich sah, hatte bisher geahnt, mit welcher krankhaften Leidenschaftlichkeit das Mnd sich nach dem Umgang mit Seinesgleichen sehnte. Wie groß war der Jubel, als am Weihnachtsabend ein fremdes kleines Mädchen, das man nunmehr in's Haus genommen, unter dem lichtstrahlenden Baum saß!
Auf Einem andern Zettel stand nichts vermerkt, als „eilte Muschel mit Gold tusche und eine mit Silbertusche". Die Eltern kannten zwar die Neigung ihres Kindes für's Zeichnen und Malen, sie hatten ihm Tuschkasten und Bilderbogen zum Ausmalen geschenkt, aber Gold- und Silbertusche war zufällig nie dabei gewesen. Als sie jetzt die paar Worte einsam auf dem Zettel stehen sahen, stieg ihnen förmlich die Röte der Beschämung in's Gesicht; denn jetzt erinnerten sie sich, wie oft ihr Liebling diesen Wunsch geäußert, ohne daß 'sie darauf geachtet hatten. „Tusche ist Tusche!" hatten sie wohl gedacht. Und so großen Werk legte das Kind auf die beiden Muscheln, daß es um ihretwillen auf alle andern Weihnachtsgaben verzichten wollte! Was aber machte es später mit der Metalltusche? Es knetete sich aus Brotteig Figuren, und betnschte sie mit Silberbelag. Aus dem kleinen Ding ist später eine berühmte Bildhauerin geworden.
Man kann viel lernen aus solchem Wunschzettel, unter anderm ' auch gar manches bezüglich! der eigenen Fehler.
Ost hört man sagen: „Ich habe mich so unendlich bemüht, durch meine Geschenke Freude zu machen, und trotzdem gab's am Weihnachtsabend nur verdrossene Gesichter".
Ja, hat man denn wirklich den Geschmack der Beschenkten zu Rate gezogen, und nicht im Gegenteil vieles gekauft, was man selbst für zweckmäßig und hübsch erachtete? Gerade beim Schenken feiern unsere Herrschsucht und unser Eigensinn so oft wahre Orgien. Mancher spricht es sogar direkt aus, daß es sein gutes Recht wäre, zu schenken, was er selbst zu schenken wünschte.
Da war in einem bekannten Hause ein Dienstmädchen, das gegen seine Herrin die Bitte aussprach, solche Weihnachtsgaben für sie zu wählen, die sie ihrer Mutter schicken könnte. Da sie aber zu bescheiden war, diese namhaft zu machen, so kaufte ihre Prmzipaliu für sie ein warmes Kleid und eine Sonntagshaube für alte Frauen. Nun stellte es sich heraus, daß die Mutter des Mädchens seit langen Jahren schon bettlägerig war. Die Tochter hatte gewünscht, ihr eine Flasche Wein, eine Büchse mit Fleisch-Extrakt, ans dein die Kranke sich jederzeit mühelos eine wohlschmeckende und stärkende Brühe zu bereiten vermochte, und ähnliche Dinge mehr, zu schicken, die Dame aber hütete sich wohl, nach den Bedürfnissen der alten Fran zu forschen, weil sie im Glauben an die eigene Unfehlbarkeit besser zu wissen glaubte, was jener frommte, als die eigene Tochter.
Alle derartigen Vergewaltigungen der, Beschenkten werden durch den Wunschzettel auf ein geringeres Maß zurückgeführt. Gerade die Klagen der Hausfrauen über die Unzufriedenheit der Dienstboten mit ihren Weihnachtsgaben würden sich wesentlich vermindern, wenn man sie einen Wunschzettel schreiben ließe. Mancher wirft hier vielleicht im Geist ein, daß die Sache dadurch zu kostspielig werden würde. Ich glaube jedoch, daß das Umgekehrte der Fall fein dürfte. Oft giebt man viel mehr Geld aus, als man sich .borgenommen hat, einzig und allein, weil man fürchtet, mit dem Gekauften nicht den Geschmack der zu Beschenkenden getroffen zu haben. Die Menge soll bann die Güte ersetzen. Es freut sich ober!


