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„Er ist gestern abend auf dem Heimwege nach seiner Wohnung in den Anlagen der Heilstätte von einem leider entkommenen Individuum meuchlerisch niedergeschossen worden. Heute früh war er zwar noch am Leben, aber es soll wenig Aussicht vorhanden sein, ihn zu retten."
„Großer Gott, welche schreckliche Neuigkeit! Und hat inan wenigstens eine Spur des Thäters? Weiß man, aus welchen Beweggründen er gehandelt hat?"
„Leider nein! Wir tappen bis jetzt vollständig int Dunkeln. Und da der Herr Landgerichtsrat, in dessen Händen die Untersuchung liegt, von Ihnen einige wichtige Fingerzeige erhofft, wäre er Ihnen für Ihr baldiges Erscheinen ganz besonders verbunden."
„Es soll sich also um eine Vernehmung handeln, wenn ich recht verstehe, nicht um eine dienstliche Besprechung?"
„So glaube ich, Herr Assessor!"
„Ich bin, wie Sie sehen, zur Verfügung. Lassen Sie uns aus der Stelle gehen."
Als sie auf der Straße angelangt waren, wünschte Herbert von dem Kommissar weitere Einzelheiten über das entsetzliche Ereignis zu erfahren, an dessen Wirklichkeit er noch immer kaum zu glauben vermochte. Aber der Beamte entschuldigte sich mit dringenden dienstlichen Verpflichtungen, dre ihn unverzüglich an eine andere Stelle riefen, und Herbert mußte seine verzehrende Ungeduld meistern, bis er im Amtszimmer des Untersuchungsrichters, dem wegen seiner Menschenfreundlichkeit allgemein beliebten alten Herrn gegenüber saß.
„Ich danke Ihnen für Ihr rasches Erscheinen, lieber Herr Kollege", sagte der Landgerichtsrat. „Sie wissen vermutlich bereits,, um was es sich handelt."
»Ja — ich hörte es aus deut Munde des Kommissars — zu meiner grenzenlosen Bestürzung, wie ich wohl hinzu- iügen darf. Aber Herr Pauli hatte nicht Zeit, mir auch die Details zu erzählen, und wenn ich Sie darum bitten dürfte, Herr Rat. • ."
„Das ist schnell geschehen. Der Doktor Hermann Müller, den Sie ja, wie ich höre, persönlich gekannt habett, kehrte! gestern abend gegen zehn Uhr — wir haben darüber sogar eine ganz genaue Zeitangabe — ans einer Gesellschaft nach seiner Wohnung zurück. Da sich dieselbe im Hauptgebäude der neuen Heilanstalt befindet, mußte er die um solche Zeit fast ganz menschenleeren und mangelhaft beleuchteten Parkanlagen passieren. Nach seiner eigenen Erklärung ist ihm dabei irgend etwas Verdächtiges nicht aufgefallen. Es ist also anzunehmen, daß sich der Attentäter hinter einem Baum oder sonstwo versteckt hatte, um sein ahnungsloses Opfer zunächst an sich vorüber zu lassen. Denn der Schuß, der den bedauernswerten Mann zu Boden streckte, wurde von hinten und zwar aus unmittelbarer Nähe auf ihn abgefeuert. Doktor Müller war kaum noch zweihundert Schritt von den Gebäuden der Anstalt entfernt, als er die Verwundung erlitt. Die Kugel ist ihm in den Rücken gedrungen, und es konnte von den Aerzten bisher noch nicht mit Gewißheit festgestellt werden, welchen Lauf sie im Innern des Körpers genommen. Man befürchtet indessen eine schwere Verletzung edler Organe und demzufolge den Tod oes Verwundeten. Als er den Schuß erhielt, stürzte der Getroffene sogleich vornüber auf das Gesicht und verlor die Besinnung. Er hat infolgedessen von dem Attentäter nichts gesehen. Ein anderer aber, ein gewisser Wilke, der als Wächter aus dem Gebiet der Heilstätte angestellt ist und eben im Begriff war, seinen ersten Rundgang zu machen, befand sich zur Zeit des Mordanfalls in unmittelbarer Nähe des Thatortes, und will, als er auf den Knall des Schusses herbeieilte, den fliehenden Mörder noch deutlich genug gesehen haben, um zu erkennen, daß es ein Mensch von hoher, schlanker Gestalt war, der einen hellgrauen Kragenmantel und einen weichen, eingedrückten Filzhut von derselben Farbe trug. Er schlug sogleich Lärm und machte sich aus allen Kräften an die Verfolgung des Verbrechers. Während dieser bis dahin auf dem Hauptwege geblieben war, bog er, sobald er das Rusen und Schweren hinter sich hörte, zwischen die Baumstämme ein, und der Vorsprung, den er vor dem Wächter hatte, war leider groß genug, um ihm auf solche Art in der Duttkelheit das Entkommen zu ermöglichen. Alle Nachforschungen, die von anderen, bald herzugeeilten Personen in dem Gehölz an- gestellt wurden, blieben ohne Ergebnis. Und die einzige, allerdings sehr wichtige Entdeckung, die man dabei machte, bestand in der Auffindung eines am kahlen Strauchwerk
hängenden grauen' HohenzollernmantelI, ohne allen Zweifel den nämlichen, den Wilke auf den Schultern des Mörders gesehen hatte. Auf seiner wilden Flucht durch das dornige Gestrüpp des Unterholzes war dem Attentäter das Kleidungsstück jedenfalls sehr lästig geworden, und er hatte es vielleicht freiwillig von sich geworfen, wenn es ihm nicht etwa von den Zweigen geradezu vom Leibe gerissen worden war. Dieser Mantel soll uns, wie ich hoffe, der der Ermittelung seiner Persönlichkeit erhebliche Dienste leisten. Er ist von feinem Stoff und — wie die an der Innenseite des Kragens angebrachte Firma beweist, von einem hiesigen Schneidermeister verfertigt. Ich habe bereits nach dem Manne geschickt und halte es nicht für unmöglich, daß es uns den Kunden namhaft machen rann, dem er das! Kleidungsstück geliefert hat. Damit aber habe ich Ihnen auch schon beinahe alles gesagt, was sich bisher in der Sache hat ermitteln lassen, und Sie sehen, lieber Herr Kollege, es ist wenig genug."
„Der Herr Rat sprachen von einer Erklärung des Doktors — er ist also trotz seiner schweren Verwundung! vernehmungsfähig geblieben?" fragte der Assessor.
„Ja — wenigstens zeitweilig", erwiderte der Landgerichtsrat. „Von seinem herzugerusenen Diener und einigen anderen Personen wurde -er alsbald in seine Wohnung getragen, und es waren sehr schnell mehrere Aerzte zur Stelle, um ihm die erste Hilfe zu leisten. Unter ihren Händen kam er wieder zum Bewußtsein, ohne indessen irgend welche Angaben über den Hergang des Ereignisses machen zu können. Und es scheint, daß wir von ihm überhaupt ferne Mitteilung erwarten dürfen, die als ein Fingerzeig für die Ermilleluttg des Thäters zu nützen wäre. So. unzweideutig alle Umstände dafür sprechen, daß es sich hier viel eher um einen Racheakt als um einen Raub anfall handelt, so bestimmt hat mir Herr Doktor Müller bei seiner in der Frühe des heutigen Tages erfolgten kurzen Vernehmung erklärt, daß er keinen Verdacht gegen irgend eine Persönlichkeit seiner Bekanntschaft hegt, und daß er sich trotz alles Nachdenkens nicht erinnern kann, irgend jemandes Haß auf sich gezogen zu haben. Wir werden also nach dieser Richtung hin ganz aub unsere eigenen Nachforschungen angewiesen bleiben."
„Und darf ich fragen, Herr Rat, welche Auskünfte Sie von mir erwarten?"
„Zunächst nur einige Mitteilungen allgemeiner Natur., Sie sind mit dem Doktor persönlich bekannt?"
„Ganz oberflächlich — aus einer Begegnung im See-, bade und von einem Besuche her, den er in meinem Eltern- Hause machte. Bei dieser letzteren Gelegenheit bin ich ihm allerdings insofern näher getreten, als er in die Sage tarn,, meinem Vater bei feiner plötzlichen Erkrankung den ersten' ärztlichen Beistand zu leisten."
„Ueber feine Verhältnisse und darüber, ob er hier oder anderswo Feinde hatte, find Sie also nicht unterrichtet?"
„Nein — ich weiß von alledem nicht das Mindeste/"
„Es hing dann auch wohl mit der Erkrankung Ihres Herrn Vaters zusammen, daß Sie ihn vor einer Reihe von! Tagen in früher Morgenstunde besuchten und ihn auch gestern abend wieder besuchen wollten?"
„Nein — das eigentlich nicht. Es war eine Angelegen-, heit privater -Natur, die mich zu ihm führte, und ich möchte' mich darüber nicht weiter ansspr echen, da hie Ursache meiner! Besuche in keinem Zusammenhänge mit der hier vorliegenden Angelegenheit steht. Ich bin sogar einigermaßen überrascht, den Herrn Rat darüber so genau unterrichtet zü
„Der Diener des Doktors hat im Verlauf einer Vernehmung davon gesprochen. Aber es scheint mir,nach Ihrer Bekundung beinahe überflüssig, zu fragen, ob Sie eine Vermutung hinsichtlich der Person des Thäters hegen."
„Nein, ich hege keine. Und wenn ich eine Ansicht über den Vorfall äußern darf, so geht sie dahin, daß Doktor Müller das Opfer einer PersonenverwechDlnng gewordeü sein dürfte. Der mörderische Schuß hat wahrscheinlich! einem ganz anderen gegolten als ihm."
Der Untersuchungsrichter zuckte mit den Achseln.
„Diese Annahme ist natürlich nicht völlig von der Hand! zu weisen; aber wir dürfen doch die Richtung unserer Nach?- forsch,ungen nicht durch sie bestimmen lassen. Uebrigens" — und er warf einen verdrießlichen Blick auf seine Taschenuhr — „ich begreife nicht, wo dieser Kronenberg bleibt.. Meiner Berechnung nach müßte er längst zur Stelle fein/*


