Ausgabe 
15.12.1901
 
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Sonntag den 15. Dezember.

Nr. 18V.

1901.

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Emanuel Geibel.

Oder so kurz die Trauer.

g# as ist's, waS an der Menschcnbrust Mich oftmals läßt verzagen, Daß sie den Kummer wie die Lust Vergißt in wenig Tagen.

Und ist der Schmerz, um den es weint, Dem Herzen noch so heilig Der Vogel singt, die Sonne scheint, Vergessen ist er eilig.

Und war die Freude noch so süß Ein Wölkchen kommt gezogen, Und vom geträumten Paradies Ist jede Spur verflogen.

Und fühl' ich das, so weiß ich kaum, Was weckt mir tiefern Schauer: Daß gar so kurz der Freude Traum,

(Nachdruck verboten.)

Gesprengte Fesseln.

Roman von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Frau Limbach bemerkte erst jetzt, daß auch, die zweite Kerze fast ganz niedergebrannt war, und daß die Schwarz­wälder Uhr am Fensterpfeiler auf zehn Minuten vor eins wies. Wer sie äußerte keine Verwunderung mehr, sondern ging schweigend in die Mche, um den verlangten Kaffee' zu kochen. Als sie ihn nach einer kleinen Weile ins Wohn­zimmer bringen wollte, fand sie Felicia dort nicht mehr vor, und beim Betreten des Schlafstübchens sah sie die junge Amerikanerin auf dem Bettrand sitzen, noch immer in Hut und Mantel und mit eigentümlich starrem, unver­wandt auf die nämliche Stelle des Fußbodens gerichtetem Blick.

Da ist den Kaffee, liebstes Fräulein! Wer wollen Sie denn nicht ablegen? Der schwere Mantel muß Ihnen ja unbequem werden."

Erschrocken war die Gefragte aus ihrer Versunkenheit emportzefahren.

Nicht doch er belästigt mich durchaus nicht. Wer diese Kopfbedeckung da" und sie deutete auf den wieder am Haken hängenden Hüt des Assessorsmüssen Sie ebenso wie mein Gesellschaftskleid in einem sicheren Versteck verbergen, wo niemand sie finden könnte. Und in aller Frühe schon müssen Sie es thun."

Wenn Ihnen daran gelegen ist sehr gern! Und den Herrenmantel auch nicht wahr? Wer wo ist er denn? Er hing doch vorhin hier am Nagel."

Er ist fort. Ich ich habe ihn seinem Eigentümer zurückgegeben. Sie haben mir also geschworen, daß Sie schweigen werden."

Ja ich habe es geschworen."

Ich danke Ihnen. Und nun noch einmal: Gute Nacht! Ich werde am Morgen so leise wie möglich das Hails ver- lassen, um Sie nicht zu stören. Und an einem der nächsten Tage werden Sie jedenfalls weiteres von mir hören."

Frau Limbach mußte fühlen, daß ihr längeres Ber- weilen nicht gewünscht werde, und mit bekümmertem Herzen ließ sie ihre junge Wohlthäterin, die, heute einen sobe­ängstigenden Eindruck auf sie machte, in der engen, dürf- tigen Kammer allein.

Achtzehntes Kapitel.

Der Stadtrat Ignatius hatte eine schlechte Nacht gei habt, und gegen Tagesanbruch erst hatte er sich durch die dringenden Bitten seiner Frau bewegen lassen, eines, von den für den äußersten Notfall bereit gehaltenen, beruhigen-, den Pulvern zu nehmen. Der dadurch künstlich herbeige-i führte Schlummer des Rekonvaleszenten dlirfte natürlich nicht gestört werden, und so mußte Herbert auf die Er-, füllung des Wunsches verzichten, seinen Vater noch vor Antritt des Dienstes zu sprechen. Er war eben im Begriff, den Weg nach seinem Bureau anzutreten, als ihm das Mädchen die Visitenkarte eines Herrn überbrachte, der ihn in dringlicher Angelegenheit sogleich zu sprechen .verlangte.

Pauli, königlicher Polizeikommissar", las der Assessor, und sofort gab er Weisung, den ihm wohlbekannten Beamten

Der überaus liebenswürdige und weltmännisch gewandte Kommissar entschuldigte sich wegen der verursachten Störung mit dem Hinzufügen, daß es ein spezieller, Auftrag des Herrn Landgerichtsrat Schröder sei, der ihn dazu ge­zwungen habe.

Mer der Herr Rat hätte mich doch nach einer Stunde viel bequemer in meinem Bureau erreichen können", sagte Herbert etwas verwundert.Ich bin in der That sehr neugierig, zu erfahren, was er mir so überaus Dringendes mitzuteilen hat." , , v

Nichts als die Bitte, Herr Assessor, sich so schnell wie möglich zu ihm bemühen zu wollen. Es handelt sich, so viel ich weiß, um eine wichtige Auskunft in der Unter­suchungssache gegen den unbekannten Mörder des Doktor Hermann Müller."

Herbert starrte den Polizeikommissar an, als hatte er plötzlich in einer fremden Sprache mit ihm zu reden be­gonnen.

Was sagen Sie da? Was für ein Doktor Hermann Müller ist es, von dem Sie sprechen?"

Der zur Leitung der neu errichteten Heilstätte hier­her berufene Arzt. Sie wissen also noch garnichts von dem abscheulichen Verbrechen, dem er zum Op-fer gefallen ist?'-

Nicht ein Wort!" rief der Assessor tn höchstem Ent­setzen.Man hat ihn ermordet?"-