Ausgabe 
15.10.1901
 
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retten und konnten nun der Probe beiwohnenmit Seele und Leib". Und wie sie das thäten. Selbst die Talentloseren und Nnbeholfeneren nahmen die Sache sehr ernst und ermüdeten in ihrem Spieleifer nicht tut min­desten obschon sie der Regisseur mit endlosen Wiederhiol- ungen der einzelnen Szenen plagte. Die Begabteren aber, die sich! sofort auf den weltbedeutenden Brettern heimisch fühlten und diePrädisponierten", welche nicht dre Spur vonLampenfieber" hatten, wußten mit oft geradezu staunenswertem Verständnis alle Weisungen des Bühnen­leiters aufzufassen. Am besten hinter den Coulissen! Na- türlich redeten Inspizient und Requisiteur, diese haus­backenen Helfershelfer, die jugendlichen Menschendarsteller und Mensch^endarstellerin ohne viel Förmlichkeit mit dem Vornamen an:Du, Schplz-Marie!" Da kamen sie an die Rechte. Das kleine Ding schnitt ihnen eine verachtungsvolle Fratze. Sie spielte die Rolle desKlein-Däumling" und war schon ans der dritten Probe mit der Auffassung, ja sogar mit dem Detail derNuancierung fix und fertig". Es war eigentlich kein schönes Kind, diese Scholz-Marie, aber ihr listiges und lustiges Auge und ihr bewegliches Mienenspiel, das jeden inneren Affekt durchaus entsprechend kennzeichnete, verrieten, daß sie von allen Kollegen und Kolleginnen diePrädisponierteste" sei. Und wie sie sich in der Garderobe, während sie aus der Szene nichts zu thun hatte, zu gebärden und zu benehmen wußte.Ganz wie eine Alte", meinte der Komiker, der mich bei der Probe in einen Winkel zog,um michdie jüngere Konkurrenz" beob­achten zu lassen. Wie ich von diesem hörte, hatten aller­dings dieAlten" schon längst auf die angehende Aktion abgefärbt; denn die Mutter der Scholz-Marie, im übrigen eine sehr ehrenwerte, wenn auch! wicht mit Glücksgütern gesegnete Wittib, ernährte sich und ihreEinzigste" haupt­sächlich durch Logis-Vermieten an Schauspieler oder Sckauspielerinnen. So gehörte sie denn eigentlich damals schon sozusagenzum Bau". Als ich ihr auf der Probe ein anerkennend Wort schenkte, meinte sie, in ihrer ganzen Höhe sich urkomisch aufrichtend:Oh, Herr Doktor, dieses is so gut wie gar nischt. Wer am Abend da sollen Sie bloß sehen. Ich werde dem Publikum schon mit meinem Däumling" zeigen,was ne Harke is". Und wie selbst­bewußt sie dieses in der Eoulissenwelt beliebte, seinem Ursprrmge nach recht dunkle Witzwort, von sich gab. Ich mußte unwillkürlich an Hermann Hendrichs denken:Wenn nicht zum Theater, dann lieber gleich in die Spree!"

Es war mir, der ich - seit jener Zeit viel herumge­wandert bin, gleich dem verschlagenen Odysseus, ein beson­deres Vergnügen, zu verfolgen, ob dieser oder jener jugend­liche Menschendarsteller, der mir bei den Aufführungen meiner Weihnachtsmärchen als besonders talentvoll aus­gefallen war, sich hernach das theatralische Kunstschasfen zum Lebensberuf gewählt hatte und wie er in demselben sodann Erfolg hatte. Bon der Scholz-Marie erfuhr ich lange Zeit nichts mehr. Im Theateralmanach ihr nachzu­forschen, wäre" wohl vergebene Liebesmühe gewesen; denn den Namen teilte sie ja mit mancher anderen Schwester im Apoll. Im allgemeinen machte ich jedoch die Bemerkung, daß nun aus den Kiudermärchen-Darstellern Leute ge­worden waren oder richtiger: Herren und Damen, die im humoristischen Fach ungleich Höherwertiges leisteten. Das psychologische Moment, das uns dabei entgegentritt, ist nicht uninteressant. Von der Scholz-Marie (natürlich ist der Name ein erdachter, aber der richtige kommt im deut­schen Vaterland ebenso ost vor, wie dieser) hätte ich schwören mögen: sie sei eine ausgezeichnete Naive oder Soubrette geworden. Und eines Tages schien sich diese Vermutung zu bestätigen. Ich hatte in einer kleinen Residenzstadt mit einem Verleger einen Vertrag persönlich zum Abschluß gebracht, und dieser lud mich! ein, den Rest des Abends erst im Hoftheater und dann in seiner Stammkneipe zu verleben.' In die letztere- kamen wir früher, als wir ge­dacht hatten; denn das Hoftheater blieb geschlossen, weil die Darstellerin der Titelrolle plötzlich durchgegangen sei! Daß so etwas auch am Hoftheater vorkommt, ist eine Thatiache, die besonders registriert werden muß. Wohl aber begreift der Leser mein Staunen, als ich ganz bei­läufig erfuhr, daß die Bewußte den für mich nun einmal bock interessanten "Namen, Fräulein Marie Scholz trage. Zwei Tage später machte ich an der Grenze von einer norddeut­

schen Hansestadt stuf der Eisenbahn die Bekanntschäft der flüchtigen Dame, die sich entschlossen hätte, mit ihrem Bub'n" nach! Amerika durchzugehen. Die europamüde Jüngerin Thalias war übrigens eine echte Bayerin und daher meine Schiolz-Marie auf keinen Fall! Wo nun aber in aller Welt steckte die richtige? Und welches! LoS hatten die Schtcksalsgötter ihr beschert?

Um der Wahrheit getreu zu bleiben, muß ich diesä Skizze mit einer Silhouette schließen; denn das hübsche herzige Ding stellte sich! mir bei unserem Wiedersehen in gar trauriger Gestalt vor das Auge.

Es ist gleichgiltig, wo dieses Wiedersehen stattfand. Eines Tages erhielt ich! ein mit grotesker Ornamentik verziertes Eouvert, welches die Direktions-Firma eines Chantants in Lapidarschrist zur Schau trug, und in bent Brief, den dieses Reklame-Couvert einschlvß, wurde ich voneiner alten Bekannten" gebeten, der Vorstellung am selbigen Tage beizuwohnen. Die zierliche Handschrift, der hübsche Stil und ein ganz anmutender Humor ver­anlaßten mich, der ich sonst das Referat über die Vor-, führungen dieses Lokals meinem Lokalreporter überließ- das bewußte. Institut auszusuchen.

Wer beschreibt meinen Schreck: als ich auf dem Pro­gramm das Gastspiel einer Gesellschaft von Zwergen an­gegeben finde, die einen Einakter von Roderich Bewedix zur Darstellung brachten.Die Dienstboten" lautete ber Titel, und die Rolle der komischen Men spielte Marie Scholz. Ach und nur zu gut paßte die offenbar in ihrem Wachstum gänzlich Zurückgebliebene, nun schon Vierzig­jährige in das Ensemble dieser Miniatur-Menschen! ^;hr Spiel war aber durchaus nicht dilettantisch, wie das der andern, der wirklichen Zwerge. Es lag ein urstischer Humor in ihrer Darstellung, und man sah es ihr an: sie fühlte sich ganz glücklich in dieser Wirksamkeit und in dieser Um­gebung. Daraufhin ging ich denn getrost im Zwischenakt auf die Bühne, um diealte Bekannte" zu begrüßen. Unbefangen wie ein Kind kam mir Marie entgegen; ferne Falte bes Gesichtes verriet inneres Weh'. Hatte sie sich gewaltsam bezwungen, um sich in bas utrabäiiberliche, eigentlich doch schreckliche Los zu finden? Ober war sie wirklich so naiv, wie sie sich gab? Jebenfalls war fie nicht unglücklich, und doch lag eine Art von Pathos in ben weißen Silberfäden, die bereits das Haar der Vierzig­jährigen durchzogen. Seltsames Rätsel! Die Eoulissenwelt hat derer gar viele, ich, weiß es, aber dies ist doch! oas größte, das an mich aus derselben herangetreten!

Gemeinnütziges.

Nicht zu viel Gewürze verwenden. Zur Zu­bereitung und Verbesserung der Speisen werden ver­schiedene Zusätze angewendet. Eine so wohlthatrge Gabe des Himmels die verschiedenen Speise^usätze sind, so können sie doch leicht dem Körper und seiner Gesundheit nach­te ilig werden, wenn man sie entweder verkehrt anwenoet oder sich ihrer zu reichlich und häufig bedient, tnbent fie die Wallung int Blute und Vollblütigkeit des Unterleibs begünstigen, ja selbst Blutflüsse Hervorrufen können, was namentlich von den exotischen Gewürzen gilt, von denen wir folgende benützen: den spanischen Pfeffer, den Nelken^ Pfeffer, die Cubeben, den Ingwer, die Vanille, den Zimmet, dre Gewürznelken, die Cardamomen, die Muskatnuß und Muskatblüte, die Kapern und die Schale der Zitronen und Pomeranzen, (Prakt. Wegw, Würzburg.)

P y r a m i d e.

(Nachdruck verboten.) G ' A

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®e©©©®®MNNKKSU An Stelle der Punkte vorstehender Figur sind die daneben stehenden Buchstaben zu setzen, sodaß die mittelste senkrechte Reihe eine» schmackhaften Vogel, die drei wagerechlen Reihen ohne die Spitze folgendes bedeuten: Technisches Hilssmittck, weiblicher Vorname, große deutsche Stadt.

(Auflösung in nächster Nummcrp

Zluflösung des Arithmogriphs in vor. Nr.:

Oktober, Korb, Torte, Otto, Boot, Ebro, Robert.

Redaüion: 5. Burkhardt. Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schcn Univerfitäts-Buch- und Steindrucke!« (Pietsch Erben) in Gießen.