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er doch auch sich diese stolze Ruhe hätte erwerben können.
„Wollen Herr Baron sich noch die Moorwiesen ansehen?" fragte Wedemeyer.
„Nein — ich reite nach Petershagen zurück. Lassen Sie sich nicht stören, wenn Sie hier noch zu thun haben. Ich finoe schon meinen Weg. Uebrigens bitte ich Sie, heute um sechs Uhr mit uns auf dem Schloß zu speisen — ich habe noch mancherlei mit Ihnen zu besprechen. Sie können doch abkommen?"
„Gewiß, Herr Baron. Ich werde dem zweiten Verwalter die nötigen Weisungen erteilen."
„Nun gut — auf Wiedersehen heute abend."
„Ich habe die Ehre, Herr Baron . . ."
Mit abgezogenem Hut saß der Inspektor im Sattel, tadellos und korrekt, die Schenkel zurückgenommen, das Pferd straff in dem Zügel haltend, sodaß es unbeweglich dastand.
Eitel Fritz nickte ihm freundlich zu, die Haltung des Mannes gefiel ihm — dann galoppierte er davon.
Ueber Herrn Arthur Wedemeyers hübsches Gesicht flog ein selbstgefälliges Lächeln. Er war mit dem Eindruck, den er auf seinen Chef gemacht hatte, zufrieden.
„Mit ihm läßt sich schon auskommen", dachte er. „Man muß die Menschen nur zu nehmen wissen. — Und die Frau Baronin — Teufel, ist das ein schneidiges! Weib! Tiefe Augen — wie die mich gestern beim Empfang anblitzten — hm, ich! glaube, der Herr Baron steht mächtig unter dem Pantoffel. . ."
Tie Erntearbeiten und die Moorwiesen schienen für Herrn Wedemeyer jedes Interesse verloren zu haben. Er gab einige ganz selbstverständliche Anordnungen, dann ritt er langsam und in Gedanken versunken nach Petershagen zurück.
Tiefe abhängige Jnspektorstelle paßte seinem Ehrgeiz eigentlich durchaus nicht. Aber da er so gut wie gar kein Vermögen besaß, so waren für ihn die Aussichten, zur Selbständigkeit zu gelangen, sehr fragwürdig. Eine Zeitlang hatte er daran gedacht, sich um die Hand Else Brey- manns zu bewerben; denn der alte Breymann galt als ein wohlhabender Mann. Mer Else lachte über seine Galanterie, und als er einmal Ernst machte, und ihr seine Liebe in aller Form erklären wollte, da lachte sie ihn erst recht aus und schickte ihn mit einer kühlen, glatten Abfertigung nach Haus.
„Wenn wir Freunde bleiben wollen, Herr Wedemeyer", fügte sie, „dann dürfen Sie nicht so ungereimtes Zeug schwatzen."
Das hatte ihn denn doch gewaltig geärgert; denn er konnte sich über Unglück bei Frauen nicht beklagen. Er erinnerte sich, daß man ihm einmal von einem Liebesverhältnis zwischen Leutnant von Petershagen und Else erzählt, und er beschloß die Augen offen zu halten. Man konnte ja nicht wissen, ob sich aus dieser Kenntnis nicht irgend ein Vorteil herausholen ließ!
XIV
Irma hate sich eben erhoben, als Eitel Fritz von jeinem Morgenritte heimkehrte. Ungeduldig ging er im Speisezimmer auf und ab, um sie zu erwarten. Er hatte sich vorgenommen, mit ihr ein ernstes Wort über ihr ferneres Leben zu sprechen; er war des bisherigen Lebens überdrüssig und wollte fortan ein Leben der redlichen Arbeit und treuen Pflichterfüllung führen. Er wußte, daß Irma ihn schwerlich ganz verstehen würde, aber er wollte ihre Liebe anrufen, er wollte die Gegensätze auszugleichen suchen, die sich allmählich zwischen ihnen herausgebildet hatten.
Er war mit den besten Vorsätzen heimgekehrt und hoffte, daß Irma sein ehrliches Streben anerkennen würde.
Endlich! erschien sie. Sie sah reizend verführerisch m ihrem spitzenübersäeten Morgenkleide aus. Das dunkle Haar schmiegte sich in weichen Wellenlinien um ihre weiße Stirn, die Wangen zeigten eine leise Röte, nur die Augen blickten etwas matt und müde und waren von dunklen Ringen umgeben. Tie Bewegungen ihres schmiegsamen Körpers waren lässig und müde; eine ungesunde Weichheit lag in ihrer ganzen Erscheinung, die Eitel Fritz' heute zum erstenmale so recht auffiel, nachdem er die kraftvolle Gestalt Else Breymanns gesehen. Etwas katzenhaft Schmiegsames gegenüber der bewußten Kraft der Löwin!
„Tu bist ja schon sehr früh ausgeritten", sagte sie lässig, ihm die weiche, weiße Hand reichsend.
„Ja, und ich habe etwas Herrliches von diesem Riti heimgebracht", entgegnete er heiter.
„Ta bin ich neugierig?"
„Einen festen Entschluß.- . •"
Sie sah verständnislos zu ihm auf.
„Laß! uns zuerst frühstücken", fuhr er fort. „Tann erzähle ich Tir. Jetzt bin ich hungrig wie ein Löwe. . ."
„Ich habe keinen Appetit", sagte sie. „Habe überhaupt schlecht geschlafen. — Tie Bäume rauschen so stark, undj der Lärm vom Wirtschaftshofe störte mW. . ."
„Tn wirst Dich daran gewöhnen, liebe Irma."
„Schwerlich^. Ich werde mein Schlafzimmer verlegen müssen. Man sieht, es schmeckt Tir. . ."
Eitel Fritz ah und trank in der That mit einem gesunden Appetit, während Irma nur eine Tasse Kakao trank. Dann lehnte sie sich in den Sessel zurück uud beobachtete mit heimlicher Verwunderung ihren Gatten.
Er kam ihr so verändert vor. Sein gelblich-blasses! Gesicht hatte eine gesunde Farbe erhalten und seine Augen blickten klar und heiter.
„Du ißt nicht mehr?" fragte er nach! einer Weile.
„Nein, ich danke. . ."
„Auch ich bin fertig. — Friedrich-, lassen Sie uns allein.^ Ter alte Diener, der beim Frühstück aufgewartet hatW zog sich zuriick.
Eitel Fritz erhob sich und ging einigemale im Zimmer auf,und ab.
„Nun", fragte Irma, „was hast Tu mir mitzuteilen?" Er setzte sich neben sie und ergriff ihre Hand.
„Irma", sagte er freundlich, „hast, Tu schon über die Pflichten nachgedacht, welche nns ein großer ländlicher Besitz auferlegt?"
„Ja — ich habe auch schon daran gedacht, daß wir eine Menge Besuche in der Umgegend machen müssen. Ruschst hat mir eine Liste gegeben — das ist recht lästig. .
Er lachte.
„So meinte ich es nun eigentlich! nicht, Schatz. Sondern ich dachte an die Arbeit, welche ein solcher Besitz mit sich bringt."
„Arbeit?! Ich verstehe TW nicht . - •"
„So laß Dir erklären. — Sieh, Petershagen ist ein alter Sitz meiner Familie. Seit Jahrhunderten haben meine Vorfahren hier gehaust, hier gelebt, hier gearbeitet. — Da ist es doch wohl natürlich, daß ich an Petershagen mit Liebe hänge."
„Gewiß. Man weiß doch, wohin man sich einmal zurückziehen kann, wenn man der Erholung bedarf."
„Sag' lieber, wenn man des Lebens da draußen in der Welt überdrüssig geworden ist!"
„Ja — bist Tu es denn? — Ich glaubte bislang
„Irma, versteh mich recht! — Tu selbst mußt fühlen, daß! wir so nicht weiter leben können. Wir ruinieren uns moralisch. . •"
„Ah — ich bitte..."
„Lege meine Worte nicht zu sehr auf die Goldwage.- — Ich meine, wir verlieren die Lust an der Arbeit, wir leiden an unserem Pflichtgefühl Schaden und legen den Hauptwert auf Tinge, die eigentlich sehr nebensächlich sind.- Ja, wir laufen in dem Leben, welches wir geführt haben, Gefahr, uns selbst, unsere Liebe, unser bestes Gefühl zu verlieren! — Sieh, Irma, es ist zwischen uns nicht alles sv, wie es sein sollte. Wir leben neben einander — wir lebest für die Gesellschaft — aber nicht miteinander, nicht für uns! Ich will Tir gern zugeben, daß W einen großen Teil dep Schuld trage. Ich hatte gehofft, nach meinem Abschrede vom Militär im Sport eine mich befriedigende Beschäftigung zu finden — aber der Sport und alles; was drum und drast ist, befriedigt mich nicht — ich bin unzufrieden geworden, ich sehne mich nach! einer ernsthaften Arbeit, die meine ganzü Kraft ersordert, nach einer ehrlichen, tüchtigen Arbeit. Wenn ich mW einer solchen Arbeit widme, wenn ich eine mich befriedigende Beschäftigung gefunden habe, dann werde ich auch wieder ein anderer — dann wirst Du TW über mich nicht zu beklagen haben, daß ich launisch! oder empfnrdlich bin."
Sie hatte ihm zuerst mit Erstaunen, dann mit einem leicht spöttischen Ausdruck aus dem Gesichte zugehört. Als er schwieg, sagte sie, ironisch! lächelnd:
Es ist nur gut, daß Tu eiusiehst, Hu trägst die Schuld.


