Ausgabe 
15.8.1901
 
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In einer Zeit, wo englische Siege und englische Sym­pathien seltene Erscheinungen sind, nimmt aus dem fried­lichen Gebiet der Mode der von den Engländerinnen zuerst und hauptsächlich gepflegte Tailor-made-Genre seinen Sie­geslauf durch die Welt. Aus Paris kommen Klagen über das Ueberhandnehmen dieses einfach-gediegenen Mode-Ge- schmacks, der den Pariser Schneidern, deren Stärke in der Drapierung und spitzenduftiger Ausstattung einer Toilette liegt, nicht zusagen kann; in Petersburg ist es eine bekannte Sache, daß der französische Modegeschmack zu Gunsten des englischen hat zurücktreten müssen, seitdem die Zarin dem letzteren eine Bevorzugung zu teil werden läßt; in Deutschland hat das Ergebnis der von der Inter­nationalen Schnittmanufaktur veranstalteten Modewohl den Beweis erbracht, wie hoch das englische Schneiderkleid auch in der Gunst der deutschen Frauenwelt steht; denn 6214 Damen, also über ein Drittel aller abgegebenen Stimmen, erklärten sich für das Schneiderkleid.

Was ist es nun eigentlich, was dem Tailor-made sein charakteristisches, mit keinem andern zu vergleichen­des Aussehen giebt? Mit einem Wort gesagt, es istdie Herrenarbeit"! Es ist die Art der Schneiderkunst, welche

dem Kleidungsstück durch mühsame, vorbereitende Arbeiten, wie Bügeln, Dressieren, Pikieren, Steppen usw. die ge­naue Körperform giebt, aus der es nicht wieder heraus­kommt; also die, fast möchte man sagen, edelste Form der Schneiderei, die die Zukunft für sich hat. Trotzdem nun dieses einfache Schneiderkleid im Grunde genommen immer das gleiche bleibt, so offenbart sich doch! die je­weilige Moderichtung so genau an demselben, daß! man in einem älteren Schneiderkleid fast den Jahrgang er­kennen kann, in welchem es gemacht wurde; denn die Form von Aermel, Taille und Rock folgt in ihren Umrissen stets genau der Mode, obgleich immer noch möglichste Schlankheit vorschreibend, verpönt jedoch jede gewaltsame Tailleneinschnürung, da man erkannt hat, daß eine ge­schnürte Taille starken Leib und Hüften desto mehr hervor- treten läßt. v

Die Aermel werden möglichst faltenlos sein, und der Rock um die Hüften ganz glatt und anliegend, während der untere Rand mit Hilfe von geschweiften Nähten oder Serpentinvolantschnitt weit ausfällt. Dabei wird jedoch die moderne Schleppe einem echten Schneiderkleide meistens abgehen; denn sie verträgt sich nicht mit dem korrekten

Das englische Schneiderkkeid.

Modenbericht, bearbeitet und mit Abbildungen versehen von der Internationalen Schnittmanufaktur, Dresden-N. Reichhaltiges Modenalbum und Schnittmusterbuch für nur 50 Pfg. daselbst erhältlich.

Figur 3.

Figur 2.

Ein Schneiderkleid aus hellgrauem Tuch war wieder in ganz anderer Weise garniert. (Siehe Figur 2.)Die voll­kommen glatt anliegende Taille schloß in der Mitte mit Haken und Oesen und wurde der Schluß durch lose auf* liegenden pastellblauen Lasst verborgen, welcher in Ara­beskenmuster ausgesteppt und mit Silberborde umrandet war. In gleicher Ausführung deckte er die beiden Nähte des Rockvorderblattes, wobei er oberhalb des Rocksaumes in Form von breit ausladenden Arabesken verlief.

Diese wenigen Beispiele mögen genügen, um einen Be­griff davon zu geben, wie hochelegant nian die einfachen Tailor-made-Kostüme ausstatten kann, ohne daß sie ihren Charakter als solches verlieren. Wenn man jedoch nicht in der Lage ist, diesen Luxus vollständig bis aufs Tüpfel­chen anzuwenden, so soll man lieber das Schneiderkleid in seiner ursprünglichen, schlichten Einfachheit belassen (wie Figur 3) und sich mit den Stepplinien, Schrägstreifen usw. begnügen.

Wesen desselben, während einfache Garnituren wre glatte Steppereien, schmaler Atlas, Schrägstreifchen, aufgesteppte Tuchblenden, oder einfache Applikationen ohne weiteres angewendet werden können. Der Schneider allerdings, der sein Handwerk versteht, ist kein Freund derartiger Garm- turen, da sie seiner Meinung nach nur zu leicht dazu benutzt werden können, die Mängel in der Bearbeitung zu verdecken, aber die Modedame, welche das Schneiderkleid nicht grundsätzlich trägt, sondern deshalb, weil es ihre Figur vorteilhaft zur Geltung bringt, will nicht gern auf dies schmückende Beiwerk verzichten. Deshalb finden wir an den modernen, für die Eleganz besftmmten Schneider­kleidern allerlei derartige Ausstattungen, wovon die far­bigen, kunstvollen Steppereien und Passepoilierungen die Inkrustationen und Applikationen von Atlas und die Sou- tachierungen mit Gold- und Silberborden die feinsten und elegantesten sind. Je nach der Art des Kostümes, ob Taille, Jackenkostüm oder Bolerokostüm, fallen dieselben selbstredend mehr oder minder reich aus und sieht mau besonders an den modernen BolerokoWmen manchmal die zartesten, kunstvollsten Garnituren. So war z. B- das Bolerojäckchen eines schwarzen TuchkosWmes mit einer' Kante von kleinen weißen Atlasmedaillons umrandet, welche mit schmalen Goldsoutachebördchen abgegrenzt waren. Die Revers aus weißem Atlas zeigten die gleiche Medaillon­bordüre aber aus schwarzem Tuch und gleichfalls mit Goldschnürchen eingefaßt. Ein anderes schwarzes Tuch-

kostüm (siehe Figur 1) hatte auf dein Rock' eine reichlich handbreite, von vorn nach' hinten aufsteigende, wellen-^ förmige Bordüre ausgesetzt, welche aus in Fältchen ge­steppter Tafstseide bestand und mit Goldbvrden in Arabes- kenform ab gesetzt war. Gleicher Fältchentafft verzierte in Arabeskenmufter den Ausnäher und die Aermel des Bo­leros, während Revers und Weste aus weißssm, gvld-gstick- tem Sammet bestand.

Figur 1.

Redaktion: E. Burkhardt. - Druck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Stemdruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.