Ausgabe 
15.8.1901
 
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Ruf einer Diebin vielleicht noch, einen anderen, schlim­meren einträgt."

Die Bestürzung in Rudolfs Zügen war zu lebhaft, als daß Frau Willisen sie hätte für eine erheuchelte ansehen können.

Halten Sie das im Ernst für möglich? Bei Gott, daran hatte ich noch keinen Augenblick gedacht."

Ich glaube es wohl, und Margarete ist es in ihrer Unschuld vielleicht ebenso gegangen. Mir aber sind aus der Nachbarschaft bereits wiederholt Aeußerungen zuge­tragen worden, die mir schlaflose Nächte verursacht haben und die mein ohnehin so karg bemessen.es Dasein sicherlich um Monate verkürzen werden."

Finster blickte der junge Rechtsanwalt vor sich hin. Aber das ist nichtswürdig", sagte er.Ist denn die Gemeinheit so mächtig in der Welt, daß. man sich zu ihrem Sklaven machen muß, statt den Kampf gegen sie aufzunehmen und ihr die Lästerzunge auszureißen?"

Um des Himmels willen sprechen Sie nicht so! Sie hätten bei einem solchen Kampf natürlich nicht viel zu verlieren; wir aber würden die ersten sein, die ihm zum Opfer fallen. Nein, lafsen Sie es uns nicht noch schlimmer machen, als es Gott sei's geklagt jetzt schon ist. Wäre Margarete meinem Rate gefolgt und hätte sie Ihren Beistand von vornherein zurückgewiesen, so wäre ihr wenigstens diese üble Nachrede erspart geblieben. Sie sehen ja, welchen Nutzen Ihre Freundschaft ihr bis jetzt gebracht hat. Die unglückliche Sache ist auf Ihre Ver­anlassung hin noch vor einen zweiten Gerichtshof gezerrt worden; die Zeitungen haben noch einmal davon gesprochen und wer bis dahin noch an ihrer Schuld gezweifelt hatte, der ist jetzt sicherlich um so 'fester davon überzeugt. Ich glaube ja gern an Ihren guten Willen, aber da Sie mein Kind vor dem Gefängnis nicht haben bewahren können, so bewahren Sie es nun wenigstens vor der Schande jener anderen Verleumdung!"

Rudolf war aufgestanden; zornig und ratlos durch­schritt er das kleine Zimmer, dem Margarete trotz ihrer geringen Mittel immer einen freundlich anheimelnden Charakter zu erhalten gewußt hatte.

Mit anderen Worten: id) soll mich ganz und gar von Ihnen zurückziehen, soll Sie ruhig Ihrem Schicksal überlassen! Aber haben Sie denn auch bedacht, Frau Willisen, daß Sie damit vielleicht Ihren einzigen auf­richtigen Freund von sich stoßen, und daß möglicherweise Tage kommen werden, wo Sie eines solchen Freundes nur zu sehr bedürfen?" 46

Was giebt es dabei zu bedenken! Wie es uns ergehen wird, weiß ich gut genug. Margarete wird immer wieder die nämliche Erfahrung machen, wie in ihrer letzten Stell­ung, und eines Tages werden wir vor die Wahl gestellt sein, entweder zu verhungern oder uns mit Hilfe eines wohlthätigen Kohlenbeckens Ruhe zu verschaffen vor der Schlechtigkeit der Welt."

Nimmermehr! Aber was für eine Erfahrung ist es, von der Sie da reden? Fräulein Margarete war doch so zufrieden mit ihrem Buchhalterinnenposten. Hat man ihr denn gekündigt?"

Freilich und von einem Tage zum andern. Ihr Prinzipal hat eben die DiebstahlsgeseUchte erfahren, wie sie jeder erfahren wird. Ich durfte es Ihnen nicht sagen Margarete hatte es mir verboten. Aber id)i sehe nicht ein, weshalb ich durchaus ein Geheimnis daraus machen soll. Und so wie ech dort ging, wird es später natürlich überall gehen. Ihre Freundschaft, Herr Rechtsanwalt, wird sie schwerlich davob schützen können, und da wir niemals Ihre Unterstützung in Gestalt von Geld oder Geldeswert annehmen werden, so mögen Sie sich selbst Antwort geben auf die Frage, ob die Nachteile dieser Freundschaft für meine Tochter nicht vielleicht sehr viel größer sein wür­den als ihr Nutzen."

Rudolf Jmberg antwortete nichts. Noch zwei- ober dreimal ging er schweigend auf und nieder, dann nahm er plötzlich seinen Hut.

Ich muß über das, was Sie mir da gesagt haben, mit mir zu Rate gehen, Frau Willisen, ehe ich einen Entschluß fasse. Ich kann also während während dieser drei Monate gar nichts für Sie thun?"

Nein nichts. Meine Tochter hat dafür gesorgt,

daß ich inzwischen nicht Hungers zu sterben brauche, und wenn, wie ich: es mit Bestimmtheit fühle, der Todesengel trotzdem--"

Ihre düsteren Ahnungen werden Sie hoffentlich, diesmal täuschen, wie sie Sie bisher glücklicherweise noch immer getäuscht haben", fiel Rudolf ein.Ich werde mich Ihnen also in der nächsten Zeit nicht aufdrängen, aber ich werde selbstverständlich immer zu Ihrer Ver­fügung sein, wenn Sie glauben, von meinen Diensten in irgend einer Weise Gebrauch machen zu können. Nach Fräu­lein Margaretes Entlassung sollen Sie jedenfalls weiteres von mir hören."

Er verabschiedete sich rasch, und Frau Willisen dachte, als die Thür sich hinter ihm schloß, voll zorniger Bitter­keit:Ich wußte es ja er denkt nicht daran. Aber dann ist es auch am besten, daß ich Klarheit geschaffen habe. Wie ängstlich sie sich bemüht, es vor mir zu ver­bergen, ich weiß doch, daß sie eine thörichte Hoffnung in ihrem Herzen hegt. Aber sie braucht nicht noch unglück­licher zu werden, als sie es schon ist. Wir haben des Elends und des Jammers wahrlich genug."

Seinen Vorsatz, sich noch in das Gefängnis zu be­geben, hatte Rudolf Jmberg nicht zur Ausführung ge­bracht. Er kehrte vielmehr geradeswegs in das Bureau zurück und ersuchte den Doktor Volkmar, statt seiner die­jenigen Schritte zu thun, die ihm zulässig und zweck­mäßig erschienen, um die überhaupt erreichbaren geringen Vergünstigungen in Bezug aus Verpflegung und Beschäftig­ung für Margarete Willisen herbeizuführen.

Volkmar bemerkte, daß sein junger Sozius während dieses und der folgenden Tage noch um vieles ernster und schweigsamer war als sonst. Er arbeitete mit ver­doppeltem Eifer, aber dem menschenkundigen Freunde ent­ging es nicht, daß er keine Freude an dieser Arbeit hatte, sondern daß er sich! ihr so rückhaltlos hingab, um andere peinigende Gedanken von sich fern zu halten oder sie zu übertäuben. Er that keine Frage; denn er wußte, daß Rudolf Jmberg nicht zu den mitteilsamen Naturen gehörte.

Es setzte ihn ein wenig in Erstaunen, als der andere eines Tages nach beendigter Bureauzeit mit den Worten zu ihm trat:Hast Du eine Viertelstunde für mich übrig, Volkmar? Ich möchte mich in einer persönlichen Angelegen­heit mit Dir besprechen."

Ich bin ganz zu Deiner Verfügung. Wollen wir dazu aber nicht lieber in irgend eine Weinstube gehen, wo sich's gemütlicher plaudert?"

Nein, laß uns hier bleiben. Es wird rasch abge- than sein, und es ist auch! eigentlich keine Sache zum ge­mütlichen Plaudern. Würdest Du es in Anbetracht meiner jetzigen Lage und bei der Art meiner Zukunftsaussichten für leichtfertig halten, wenn ich mich mit einem mittel­losen Mädchen verheiratete?"

Auf eine solche Frage war der Doktor am aller­wenigsten vorbereitet gewesen. Aber er antwortete doch! ohne Zögern:Wenn Du das Glück hast, eine vernünftige Frau mit mäßigen Ansprüchen heimzuführen keines­wegs! Doch vergieb, wenn ich ein bißchen erstaunt bin. Bei Deiner einsiedlerischen Lebensweise hatte ich geglaubt, Du würdest von Amors Geschossen noch eine Weile ver­schont bleiben. Und daß ich die Veränderung in Deinem Wesen auf Verliebtheit zu deuten hätte, kam mir wahr­haftig keinen Augenblick in den Sinn."

Du hättest Dich mit solcher Deutung auch vollständig geirrt, Volkmar", sagte Irnberg rnhig,ich bin nicht

Was heißt das? Es handelt sich also vorläufig nür um eine gewissermaßen theoretische Erörterung?"

Nein. Kann ich auf Deine unverbrüchliche Ver­schwiegenheit rechnen?"

Soll ick) Dir diese Frage nun mehr als Freund oder als Rechtsanwalt verübeln, mein Junge?"

Sie war überflüssig ich sehe cs ein. Nun denn, ich! gedenke mich um die Hand von Fräulein Willisen zu bewerben."

Das verblüffte Gesicht des Doktors spiegelte die ganze Größe seiner lleberraschung wieder.

Was! Ach!, geh doch das ist ja nicht Dein Ernst."