(Nachdruck verboten.)
Der Schmetterling.
Novelle von Reinhold Ortmann.
(Fortsetzung.)
Von der Krankheit, die sie vor einem halben Jahre verhindert hatte, der Verhandlung gegen ihre Tochter beizuwohnen, war Frau Willisen wenigstens so weit wieder hergestellt, daß sie umhergehen und die leichten Obliegenheiten erfüllen konnte, die ihr kleines; Hauswesen erforderte. Aber sie liebte es, sich trotzdem noch immer das Ansehen einer schwer Leidenden zu geben, ihre Worte nur mit matter Stimme' zu hauchen und möglichst häusig von ihrem baldigen Tode als von etwas Selbstverständlichem und Unabänderlichem zu sprechen. Rudolf hatte sie bei den häufigen Besuchen, die er während der letzten Monate den beiden Frauen abgestattet, hinlänglich; kennen gelernt, um zu erwarten, daß er sie heute in einem Meer «von Thränen finden würde.
Aber er hatte sich in dieser Annahme getäuscht.
Sie empfing ihn mit verhärmter und verbitterter Miene, aber mit trockenen Augen, und ihre Stimmung schien weniger schwermütig als gereizt.
„Ja, sie ist ins Gefängnis gegangen", bestätigte sie, „freiwillig und trotz meiner flehentlichen Bitten. Sie wollte den Kelch bis zum Grunde leeren. Daß sie mich bei ihrer Rückkehr nicht mehr unter den Lebenden finden wird, galt ihr, wie -es schien, ziemlich gleich."
„Sie thun Ihrer Tochter bitteres Unrecht, wenn Sie so von ihr sprechen. Ich- wenigstens habe nie ein zärtlicheres und liebevolleres Kind gesehen, als sie es Ihnen ist. Sie begehen geradezu eine Grausamkeit gegen die Arme, wenn Sie sie fortiväyrend mit Ihren Todesahnungen quälen."
Frau Willisen mochte fühlen, daß der ernste Vorwurf nicht unverdient war, der in seinen Worten lag. Sie zog es darum vor, einzulenken.
„Ich bin eine kranke Frau, und man muß Nachsicht mit mir haben, Herr Rechtsanwalt. Wenn einem das Leben so übel mitspielt wie mir, kann man wohl bitter und ungerecht werden — manchmal vielleicht auch gegen
1901.
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ehalte Hoffnung stets bei widrigem Geschick Und eine heit're Stirn bei trüben Sorgen, Genuß für jeden Augenblick,
Und einen Wunsch noch für den Morgen.
v. Köpken.
die, die es nicht verdienen. Und wäre es denn nicht wirklich; am besten für Margarete wie für mich-, wenn ich; es überstanden hätte, ehe sie wiederkommt? Sagen Sie mir doch, was aus uns werden soll, ivenn sie in den Augen der Welt erst als eine bestrafte Diebin dasteht, als eine Gebrandmarkte, die im Gefängnis gesessen hat, vielleicht in Gemeinschaft von Landstreichern und schlechten Frauenzimmern!"
„Gerade um mit Ihnen zu überlegen, was nach Fräulein Margaretes Entlassung geschehen soll, kam ich hierher. Ihre Tochter hat bis jetzt jeden, auch den kleinsten greifbaren Beweis meiner Freundschaft zurückgewiesen, obwohl ich immer und immer wieder wiederholen muß, daß ich; damit nur einen winzigen Teil der Schuld abzahlen könnte, die wir an Ihnen zu tilgen haben."
„Meine Tochter hat vollkommen recht. Die Schuld, von der Sie sprechen, ist die Ihres Vaters, nicht die Ihrige. Und -es ist eine Schuld, die mau nicht mit Geld abtragen kann, §-err Rechtsanwalt."
„Es wäre mir sehr schmerzlich-, verehrte Frau, wenn mein Benehmen Ihnen jemals die Vermutung erweckt hätte, daß ich dies für möglich hielte. Ist es mir denn noch immer nicht gelungen, Ihr Vertrauen und Ihre Freundschaft zu gewinnen?"
„Meine Freundschaft?" wiederholte Frau Willisen bitter. „Was kann Ihnen an der gelegen sein, Herr Jmberg!' Und wenn es die Freundschaft meiner Tochter ist, die Sie meinen, so sollten Sie doch begreifen, daß davon eigentlich nicht die Rede sein kann."
Er blickte verwundert auf. „Nein, das begreife ich nicht. Halten Sie mich für unwürdig, Fräulein Margaretes Freundschaft zu besitzen?"
„Was soll ich Ihnen darauf antworten! Es ist mir peinlich, davon zu sprechen, und ich hoffte immer, es würde mir erspart bleiben. Denn so unerfahren und weltfremd können Sie doch in Ihrem Alter nicht mehr sein, daß Sie nicht einsehen, einen wie schlechten »Dienst Sie meiner Tochter mit dieser Art von Teilnahme erweisen."
„Halten Sie mich immerhin siür unerfahren genug, Frau Willisen, um -es mir des Näheren zu erklären. Denn Ihre Worte sind mir völlig rätselhaft. Es ist doch undenkbar, daß Sie einen Zweifel in die Lauterkeit und Uneigennützigkeit meiner Beweggründe setzen konnten."
In dem verhärmten Gesicht der Witwe zuckte es ironisch. „Nein, ich zweifle durchaus nicht daran. Aber die Wett dürfte es anders ansehen. Sie sind nun einmal ein lediger junger Mann, und meine Tochter ist ein leidlich hübsches Mädchen. Man sieht Sie seit Monaten in unserem Hause verkehren, und da niemand naiv genug ist, zu glauben, daß Sie etwa ernstliche Absichten aus die Hand Margaretes haben könnten, so macht man sich eben eine Erklärung zurecht, die meinem armen Kinde zu dem


