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„Entschuldige — aber mein Besuch bei Dir hat eigentlich einen anderen Zweck. Willst Du die Güte haben, dieses Schriftstück hier auf seine Fassung zu prüfen? Als Jurist wirst Tu mir ja sagen können, ob die Form genügt oder ob es anders stilisiert werden muß."
Er hatte einen sorgfältig zusammengelegten Bogen Kanzleipapier aus der Brusttasche gezogen und ihn dem Rechtsanwalt überreicht. Rasch entfaltete Bernhard das Blatt, und das höchste Erstaunen spiegelte sich in seinen
griffen sei?"
„Ja, das wollte ich sagen. Habe ich es richtig ab- gefaßt?"
„Ach, darüber brauchen wir garnicht erst zu reden. Denn Hanna wird das selbstverständlich nicht annehmen. Was, um des Himmels willen, hat Dich denn überhaupt zu dieser sonderbaren Abtretung bestimmt?"
gehabt, Harro?" ,
„Einen Streit? — Nein, das war es wohl eigentlich
nicht."
„Aber es ist doch etwas zwischen euch vorgefallen? Leugne es nicht — Dein Benehmen verrät es ja zur Genüge. Und sage mir offen, was es gewesen ist, bannt ich die Rolle des ehrlichen Vermittlers spielen kann. Irgend ein Mißverständnis doch ohne allen Zweifel."
Der Bildhauer schüttelte den Kopf.
„Nein. Wenn es zwischen Deiner Schwester und mir Mißverständnisse gegeben hat, so war es vor unserer Verlobung, Bernhard!"
„Das verstehe ich nicht. Und da Du doch ohne Zweifel
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Eigentlich ist es nicht sehr schmeichelhaft für mich, daß "ich in Deinen Träumen die Rolle eines Dämons oder Vampyrs spiele", sagte sie, als er geendet. „Im übrigen bist Du nervös und überarbeitet. Ich wurde Dir empfehlen, vor dem Schlafengehen irgend ein harmloses Beruhigungsmittel zu nehmen." .. ...
Bernhard erklärte, daß er davon doch vorläufig lieber noch Abstand nehmen wolle, und verließ sie dann, da sie offenbar der Ruhe bedurfte, mit einem herzlichen Wunsche für ihre baldige Wiederherstellung. Sobald er sich! ent- sernt fjcittc, ticfytete sich §nnn(i fjcilb ifjtct* (ic^cnocn Stellung aus und stützte den Kops in die Hände.
„Ich darf es also nicht zum zweitenmal versuchen sagte sie vor sich! hin. „Aber was nun? — Nun, gleichviel! Das äußerste Mittel bleibt mir ja noch immer."--
entziehen." „ , ..
Du wirst schwerlich in die Lage kommen, sie erfüllen zu müssen. Tenn ich bin kein Elender, der dre Ehre emes Mädchens antasten könnte, das er noch gestern zu neben
0e0l?S> Du glaubtest es nur ? Innerhalb weniger Stunden ist Dir die Erkenntnis aufgegangen, daß Du Dich, getauscht
। „Der Wunsch, Deine Schwester wenigstens vor ma- I teriellem Schoden zu bewahren, wenn sie, wie ich es von | ihr erbitten werde, in die Aufhebung unseres Verlöbnisses I 'E Bernhard Hylvander warf das Blatt auf den Tisch, | und seine Stirn zog sich in Falten. ,
„Ah, steht es so? Du willst zurucktreten? Und aus I welchem Grunde?" ,
„Ich möchte Dir den Grund nicht nennen, Bernhard, I ehe ich! mit Hanna gesprochen habe."
„Aber ich habe ein Recht darauf, ihn zu erfahren. I Du weißt daß meine Schwester keinen anderen Beschützer hat als mich. Mir kommt es zu, ihre Ehre zu verteidigen, 1 und ich werde mich dieser Verpflichtung sicherlich! nicht
"'Nun, das ist wenigstens aufrichtig", rief der Rechtsanwalt erregt, „aber Du wirst begreifen, mein lieber Harro, daß es mir nicht genügt. Wenn es sich um den guten und vielleicht um das Lebensglück eines pingen Mädchens handelt, die durch eine derartige _ Sinnesänderung vernichtet werden können, so ist ein einfaches ^a oder Nein nicht mehr Erklärung genug. Es hätte L.rr wahrlich nicht an Zeit gefehlt, die Natur Deiner Empfindungen für Hanna gründlich zu prüfen, ehe Tu ihr einen Heiratsantrag machtest^ $.r barauf antworten, Bernhard? Was
könnte ick» Dir sagen, als daß Du recht hast, tausendmal recht und daß ich voll Verachtung bitt gegen mich selbst. Aber wäre es vielleicht ehrenhafter, wenn ich anstnge, eine jämmerliche Komödie zu spielen? Soll ich Mich glücklich stellen, während ich mich, grenzenlos elend suhle, Um soll ich ihr Leben zugleich mit dem meinigen verderben, nur weil es nicht schicklich ist, ein Verlöbnis zu losen? _
,91ber es muß doch« irgend etwas geschehen sem Hanna muß etwas verschuldet haben. Warum willst rn
Neim^si^hat nichts verschuldet. Tenn was sie gestern war,' ist sie sicherlich auch in der ersten Stunde unserer Bekanntschaft gewesen, und niemals hat sie einen Versuch gemacht, mich'zu täuschen. Wenn ich trotzdem wahrend dieser ganzen Zeit eine anoere geliebt habe als ste em
Wesen, das ihre Gestalt und ihre Zuge, doch Nichts „»u» w., ----'17, i rein nichts von ihrer Seele und ihrem Charakter hatte,
gekommen bist, Dich mit mir darüber auszusprechen, so — b (ieL bie Schuld allein an mir. Ich kann Drr das ßpi vir firrt MmmthÄ I nicht mit Worten erklären, Bernhard! Sie aber, das weiß ich, sie wird mich verstehen." . .
„So antworte mir offen und ehrlich nur auf eine einzige Frage. Hat Deine Freundschaft für Erika Herbold einen Aiiteil an dem jähen Wechsel Deiner Gefühle, ^ch meine: wünschest Du Dein Wort vielleicht nur deshalb zurück zu erhalten, weil Du der Meinung bist, daß sie besser für Dich paßt als Hanna?"
Er hatte gehofft, daß Harro mit einem raschen und entschiedenen Nein antworten würde, aber er sah sich in seiner Erwartung getäuscht. Nach einem langen Schweigen erst erfolgte die Erwiderung des Freundes, und sie klang ganz anders als Bernhard es vermutet.
„Daß sie besser für mich passen würde — ja, das glaube ich gewiß. Nur daß sie tausendmal zu gut für mich wäre. Man muß aus besserem Material gemacht sem als ich um ein Wesen wie Erika zu verdienen. Niemals wurde ich den Mut haben, um sie zu werben."
„Aber Du hattest den Mut, um mente Schwester zu werben, während Du eigentlich jene andere liebtest?
„Das eben ist es, was ich Dir nicht erklären kann. Ich verstehe mich selbst ja nicht mehr. Ob ich Erika geliebt
Mienen, während er las.
„Wie, Harro — verstehe ich recht? Du erklärst in diesem Dokument, daß Du alle Ansprüche, die Dir an den Nachlaß Deines Oheims Dietrich von Restorp zustehen, auf meine Schwester überträgst? Und Du hebst besonders hervor, daß auch Dein etwaiger Besitzanteil an dem strei- tigen Salzbergener Terrain in diese Abtretung einbe-
Es war um die fünfte Nachmittagsstunde, als Harro Boysen in das Arbeitszimmer seines Freundes trat. Er ivar ganz schwarz gekleidet; aber viel deutlicher noch als die Farbe seines Anzugs spracht der tiefernste Ausdruck seines sonst so frischen und heiteren Gesichts von der schmerzlichen Trauer, die sein Herz erfüllte. I hMv"
Gepreßt, kaum vernehmlich klang sein Gruß, und als I - 0§ 9(naen hafteten noch immer an den ver-
Bernhard Sylvander aufstand, um ihm nut einem mannen I § Mustern des Teppichs. Seine breite Brust ar»
Wort der Teilnahme die Hand zu schütteln, wich er ein I ^toetJ unb toie aus dem tiefsten Herzen ivenig^uruck., Deine Hand jetzt nicht nehme, Bern- I kommender «enfzer klang es:
Hard", sagte er. „Es könnte Dich nachher gereuen,, daß Tu He mir gegeben." _ _ T,,
„Was heißt das?" fragte der Rechtsanwalt aufs höchste befremdet. „Was ist geschehen, das Dich auf eine so ungeheuerliche Vermutung bringen konnte?"
Harro blickte gesenkten Hauptes vor sich hin, und statt die verlangte Antwort zu geben, sagte er:
„Fch habe mW heute früh, während Tu abiveseud warst, schon einmal bei Deiner Schwester melden lassen. Aber sie hat mir damals, wie jetzt wieder, durch die Haushälterin geantwortet, daß sie leidend sei und niemand empfangen könne. Sie ist doch nicht ernstlich krank?"
„Ich denke — nein. Es ist nach ihrer Versicherung nur eine gewöhnliche Migräne. Aber Tu glaubst doch nicht etwa, daß--Habt ihr denn einen Streit miteinander


