(Nachdruck verboten.)
Die Göttin des Glücks.
Roman von Reinhold Ortmann.
(Fortsetzung.)
Tann hörte er etiteu Laut wie einen halb unterdrückten Schrei — einen so haßerfüllten, wilden, teuflischen Laut, daß es ihn eiskalt überrieselte. Tas dämonische Antlitz, dessen Linien bis dahin so unbeweglich!, gewesen waren, verzerrte sich zu einer Griinassc der Wut ilnd wich von ihm zurück. Noch einmal raffte er sich mit ungeheurer Willensanstrengung zusammen, um den grausigen Bann zu brechen, der ihn so lange zu einem wehrlosen Lebendigtoten gemacht, lind jetzt, nach einem kurzen, verzweifelten, Kampfe, war es ihm wirklich gelungen. Mit einem Schrei richtete er sich empor — und Ivar erwacht.
Magisches bläuliches Mondlicht erfüllte bis in den letzten Winkel das Schlafgemach, dessen Fenstervorhänge seltsamerweise heute nicht zugezogen worden waren. In dem Rahmen der offenen Thür aber stand, von diesem Lichte umflossen, eine schlanke, dunkle Frauengestalt.
„Hanna!" rief Bernhard, noch in den Schrecknissen des" unheimlichen Traumes befangen: „Bist Du's?"
Aber die Gestalt war, verschwunden, tote wenn sie urplötzlich in nichts zerflossen wäre, und alles war totenstill.
"„Es war eine Einbildung", dachte Bernhard, der sich erst jetzt ganz ermuntert fühlte, „ein aus dein tollen Spuk jenes wahnwitzigen Traumes zurückgebliebenes Phantom."
Und er rückte den verschobenen Kopfpfühl zurecht, um seinen heißen Kopf bequemer zu betten. Dabei griff er halb unwillkürlich!, wie er es oft beim Erwachen zu thun pflegte, nach dem Schlüsselbund, den er des Nachts unter jenem Kissen verbarg. Und heftiges Erschrecken durchzuckte ihn, da er ihn nicht fand. Er warf den Pfühl beiseite und überzeugte sich mit einem einzigen Blick, daß die Stelle leer war. Aber seine Bestürzung war nicht von langer Tauer; denn nun kam ihm die Erinnerung, daß er die Schlüssel in dieser Nacht garnicht dorthin gelegt hätte. Der Herzenskummer, der von all seinem Denken Besitz genommen, hatte es ihn zum erstenmale vergessen lassen. Ein Griff in die Tasche des neben seinem Bett auf dem Stuhle liegenden Beinkleides überzeugte ihn, daß es sich so verhielt. Denn der Schlüsselbund war darin, und erleichtert durfte er aufatmen.
1901.
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her schätzet man das Gute Nicht, als bis man es verlor.
Herder.
Ter einmal vertriebene Schlaf aber kam nicht wieder. Wie eine Erlösung begrüßte der junge Rechtsanwalt beit ersten Schimmer des endlich anbrechenden Tages, und als die Haushälterin am frühen Morgen sein Kabinett betrat, um ihre tägliche Aufräumungsarbeit zu beginnen, fand sie ihn zu ihrer Verwunderung schon am Schreibtisch.
„Mein Gott, wie . angegriffen Sie aussehen", sagte sie, „sind Sie denn krank?"
„Nein, liebe Frau Heitmüller, nur eilt bischen übernächtig. Sie hatten vergessen, die Fenstervorhänge in meinem Schlafzimmer zuzuzieheu, und da hat mich der Helle Mondenschein um eine« Teil meiner Nachtruhe gebracht." .
„Was ?das sollte ich vergessen haben? ^ch weiß, nicht, wie Sie mir eine solche Nachlässigkeit zutrauen können, Herr Rechtsanwalt! Einen körperlichen Eid kann ich darauf leisten, daß auch nicht die kleinste Spalte da war, durch die der Mond hätte zu Ihnen herein scheinen können. Wenn die Vorhänge während der Nacht nicht geschlossen waren, müssen Sie ' fie gestern abend in der Zerstreutheit selbst wieder aufgezogen haben."
Bernhard war zwar auf das Vollkommenste vom Gegenteil überzeugt, aber er. hatte es längst aufgegeben, mit der wackeren Frau Heitmüller über irgend etwas zu streiten, und er stellte sich deshalb, als ob er selbst an diese seine angebliche Zerstreutheit glaube. Tie Haushälterin aber sagte, während sie geräuschlos mit ihrer Arbeit begann:
„Tie Schlaflosigkeit scheint übrigens jetzt hier in der Luft zu liegen. Fräulein Hanna ist auch schon vor Tau und Tag aus den Federn gewesen, und ich habe ihr bereits vor einer halben Stunde den Kaffee bringen müssen. Daß sie jetzt mit Migräne auf dem Sofa liegt, kann natürlich keinen vernünftigen Menschen Wunder nehmen."
Bernhard stand auf diese Mitteilung hin sogleich auf, um sich nach dem Befinden seiner Schwester zu erkundigen. Mit müder Stimme forderte ihn Hanna auf sein Klopfen zum Eintritt auf, und ihr bleiches, überwachtes Gesicht bestätigte zur Genüge die Angaben der Haushälterin. Auf die besorgte Fragendes Bruders aber erwiderte sie mit ihrem gewöhnlichen, liebenswürdigen Lächeln.
„Es hat ganz und garnichts zu bedeuteii — verlaß Dich darauf, Bernhard! Ich bin ein paar Stunden früher erwacht als sonst — das ist alles. Ein wenig Ruhe, und ich werde so frisch und gesund sein wie ein Fisch im Wasser. Als halbe Aerztin muß ich das doch wohl am besten wissen."
Sie plauderten noch eine kleine Weile, und Bernhard erzählte ihr auch von seinem seltsamen Traum und von der Hallueination, die er im Augenblick des Erwachens gehabt. Gleichgiltig, mit den halbgeschlosenen Augen einer vom Kopfschmerz Gepeinigten, hörte sie ihm zu.


