716
Schlaf überwältigt, sank sie gegen die Lehne ihres Armsessels zurück.
Eine kleine, eiskalte Hand, die mit festem Druck ihre rechte erfaßt hatte, rüttelte sie plötzlich aus dem sanften Schlummer auf.
„So erwachen Sie doch, Frau Limbach!" klang es an ihr Ohr. „Ich habe mit Ihnen zu sprechen-"
Es war Fräulein Rubarth, die vor ihr stand, angethan mit derselben Kleidung, in der sie am Abend Einlaß begehrt hatte, aber mit gespensterhast bleichem, verstörtem Gesicht und unnatürlich großen, flackernden Augen.
„O, du grundgütiger Himmel — wie sehen Sie aus, mein liebes Fräulein! Gewiß ist Ihnen nun doch unterwegs was Schlimmes widerfahren?"
„Nein! Aber fragen Sie mich nichts! Wenn ich Ihnen sage, daß mein Lebensglück und vielleicht mein Leben selbst an Ihrer Verschwiegenheit hängt, wollen Sie mir dann versprechen, zu schweigen?"
Die alte Frau, die sich rasch vollständig ermuntert hatte, konnte diesmal ihr Erstaunen und ihre Bestürzung nicht verbergen.
„Natürlich will ich's, Fräulein Rubarth! Aber was könnte ich denn überhaupt ausplaudern, da ich doch gar nichts zu erzählen wüßte?"
„Sie dürfen keinem Menschen sagen, daß ich bei Ihnen gewesen bin — daß Sie mich in dieser Nacht gesehen haben. Bei dem Andenken Ihrer Tochter müssen Sie mir schwören, daß niemand es von Ihnen erfahren wird."
„Aber weshalb, um Gotteswillen--"
„Sie sollen mich nicht fragen! Später werde ich Ihnen alles mitteilen. Wollen Sie es mir schwören?"
„Ja doch — ja! Glauben Sie denn, daß sich jemand bei mir danach erkundigen könnte?"
„Nein, ich glaube es nicht, aber es wäre immerhin nicht ganz und gar unmöglich. Und wenn es geschähe, so müßten Sie eben erklären, Sie hätten mich seit der vorigen Woche nicht wiedergesehen."
„Das würde mir freilich rechtschaffen sauer werden, liebes Fräulein! Denn auf das Lügen habe ich mich all' mein Lebtag schlecht verstanden. Aber wenn Sie mir sagen, daß es sein muß, weil Ihr Lebensglück davon abhängt, so will ich es thun."
„Es soll, bei Gott, nicht zu Ihrem Schaden sein, Frau Limbach! Wenn Sie Ihr Versprechen halten, werde ich Sie bis an Ihr Lebensende vor jeder Sorge bewahren. Ich bin reich — sehr reich; und es kostet mich nicht das geringste Opfer, Ihnen ein heiteres, glückliches Dasein zu schaffen. Sie sollen nicht mehr um Ihr tägliches Brot arbeiten müssen. Und was Sie etwa noch an besonderen Wünschen auf dem Herzen haben — alles, alles will ich Ihnen erfüllen."
Mit fliegendem Atem, in hastig hervorgestoßenen, sich überstürzenden Worten hatte sie es gesprochen. Und dabei zuckte es so seltsam in ihrem Gesicht, daß die alte Frau von einer großen Bangigkeit befallen wurde.
„Aber ich verlange gar keine Belohnung, ment liebes, teures Fräulein", sagte sie. „Und ich würde gern tausend Mal mehr für sie thun, wenn ich Sie damit wieder so heiter und glücklich machen könnte, wie sie es damals waren, als meine arme Marie noch lebte. Sehen Sie: ich bin eine alte Frau und schweigsam wie das Grab. Können Sie mir denn nicht anvertrauen, was Sie bedrückt?"
Aber Felicia schüttelte heftig den Kops.
„Nein, nein, wenigstens nicht jetzt. Wollen Sie mir noch etwas Liebes erweisen außer dem, um was ich Sie gebeten habe, so bereiten Sie mir jetzt einen starken Kaffee. Und wenn er fertig ist, lassen Sie sich durch meine An-j Wesenheit nicht länger um Ihre Nachtruhe bringen. Auch! ich werde die wenigen Stunden bis zum Abgänge meines Zuges zu verschlafen suchen."
(Fortsetzung folgt.)
Weihyachtsgebäck.
Eine zeitgemäße Plauderei von Anna Detten (Stuttgart).
(Nachdruck verboten.)
Mit Fug und Recht Preisen wir die „fröhliche, selige,- gnadenbringende Weihnachtszeit", die da in unseren Kleinen heimliche Ahnungen und sehnlichstes Verlangen weckt, während sie in den Erwachsenen eine Fülle wehmütig-seliger Erinnerungen hervorrust. .Schon geraume Zeit
vor dem Feste beginnt, da die rührigen und hilfsbereiten Heinzelmännchen nur noch in alten Sagen Vorkommen, in jedem Hause eine gesteigerte Thätigkeit, ein eifriges Rüsten und Arbeiten, das auch auf die Küche sich erstreckt.
Es darf nämlich, wenn Vvir dem poetischen Zauber des Weihnachtsfestes die Rede ist, doch nicht ganz übersehen werden, daß auch etwas Materielles dabei mitspielt — in erster Linie die verschiedenen Weihnachts- gebäcke. Jeder Volksstamm, jede Landschaft beinah hat deren besonders geartete uitd benannte aufzuweisen, die nach altüberlieferten Rezepten hergestellt, am Christabend in reicher Fülle gespendet werden. Den Kindern wässert schon vorher der Muttd danach, wenn sie übrig gebliebene Teigreste verzehren dürfen, und sie können sich gar keinen richtigen Christabend ohne das herkömmliche Weihnachtsgebäck vorstellen.' Den Großen aber, die etwa fern von der Heimat sind, schickt man ihren Anteil, sorgfältig verpackt, rechtzeitig zu, damit sie in der Fremde eine echte Weihnachtsfreude haben.
Es ist bekannt, daß viele von diesen Bäckereien auf den altgermanischen Opferdienst zurückdeuten. Es wurden Bilder von den Göttern und den ihnen geheiligten, und beim Fest der Wintersonnenwende zum Opfer dargebrachten Tiereit in Teig geformt und gebacken, tote man das heute noch in Schweden findet. Später kamen dann alle möglichen Tiergestalten, in Teig, Zucker oder Marzipan geformt, auf den Weihnachtsmarkt. In Schlesien und Sachsen werden, tote Ortwein in seinem Buche „Deutsche Weihnachten" anführt, „Männer und Schweine", in Steiermark Männer und Hirsche aus Semmelteig gebacken. In Schwaben hat man zu Weihnachten „Springerle", ein Backwerk mit darauf gepreßten Menschen und Tieren, Blumen usw. Im mittleren und nördlichen Deutschland herrschen die Christstollen, Christwecken und -striezel vor; im südlichen ein Gebäck aus gedörrten Birnen oder Birnenmus, Rosinen, Feigen, Honig und dergleichen; int schwäbischen Gebiete Huzelbrot, im bayrisch-österreichischen Klötzen- oder Klezenbrot geheißen (Hutzel, Klözen sind gedörrte Birnschnitzel). In Steiermark werden außerdem noch die Putizen gebacken, ein strudelartiges Gebäck mit Nuß oder Mohn gefüllt. Besonders beliebt sittd fast in ganz Deutschland die Pfefferkuchen, mit Honig zubereitete Lebkuchen, deren berühmteste Gattung in Nürnberg gebacken wurde und, tote auch in Thorn, noch wird."
Bereits itt altchristlicher Zeit waren mit Honig und Butter zubereitete Kuchen eine beliebte Weihnachtsspeise. Sie sollten an den Ausspruch des Propheten Jesaias 7, 15, nachdem unmittelbar vorher die Geburt des Sohnes von der Jungfrau verkündet ist, erinnern: „Butter und Honig wird er essen, daß er wisse, Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen." Daher auch der uralte Brauch, den Kindern nach der Taufe Milch und Honig vermischt einzuflößen. Süß- liebte man die Weihnachtsbäckereien; dadurch kam neben dem Honig auch der Mohn zur Geltung: in Steiermark Honig- und Mohnstrudel, in Mähren Mohnknödel, in Schlesien Mvhnklöse, in der Mark Mohnpielen.
Daß man ursprünglich in der Form auch vielfach das in Windeln gewickelte Jesuskind wiederzugeben suchte, lassen noch die beliebten Dresdener Christstollen erkennen, die aus seinem Weizenmehl mit Zuthaten tion Rosinen und Korinthen und feinen aromatischen Würzen bereitet iverden. Ein gewürztes Gericht hieß ehemals „Pfäffer", und davon ist unseren Pfefferkuchen und Pfeffernüssen der Name verblieben, wenngleich der Teig dieses Gebäcks wohl Honig und mannigfache Gewürze, jedoch keine Spur von Pfeffer enthält. Bezeichnender ist jedensalls der Name Honigkuchen, wofür mau wieder in Süddeutschland „Lebkuchen" sagt. Die Silbe „Leb" wird verschieden gedeutet; vielleicht hat der alte Christoph Weigel Recht, wenn er meint: „Weil der Honig, sowohl innerlich als äußerlich gebraucht, ein zur Lebensunterhaltung sehr dienliches Mittel ist und viele hundert Jahre bewährt befunden worden, daß mancher sein Leben dadurch sehr hoch gebracht und nächst Gottes Beihilfe ein hohes Alter erlanget, so mag der von Honig bereitete Kuchen hiervon den Namen „Lebkuchen" bekommen haben, als welcher das Leben gleichsam stärke und mit neuer Kraft begebe."
Nach altem Brauch ist es der Leibkompagnie des preußi- schett Ersten Garde-Regiments zu Fuß Gerechtsame, dem obersten Kriegsherrn und allen kaiserlichen Prinzen, die beim Regiment geführt werden, Pfefferkuchen zu Weih-


