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weder um mein Fortgehen, noch um mein Wiederkommen zu bekümmern."
Frau Limbach wollte noch eine Einwendung machen; aber Felicia wiederholte ihr Verlangen in einem so dringenden Tone, daß die Frau ihr wohl versprechen mußte, sich ihrem Willen zu fügen. Sie zündete ein Licht au, und nahm dann die Lampe auf, um ihren Besuch in das an der anderen Seite der Diele legene Schlafstübchen zu führen, darinnen die arme, frühzeitig hingewelkte Marie die letzten Monate ihres freudlosen Daseins zugebracht hatte.
Au einem §afen in der Wand, sorgfältig mit einem sauberen weißen Leintuche zugedeckt, hing das Helle Kleid, das Felicia an ihrem Polterabend getragen, und an einem anderen der graue Pelerineumantel des Assessors nebst seinem weichen Filzhute.
„So! — Ich danke Ihnen, liebe Frau", sagte die Amerikanerin, indem sie ihr die Lampe aus der Hand nahm, „und ich wünsche Ihnen gleich jetzt Gutenacht! Morgen früh mit dem Sechsuhrzug gedenke ich wieder abzureisen, und ich werde natürlich nicht unterlassen, mich vorher von Ihnen zu verabschieden. Sollte ich aber wider Erwarten in dem Hause zurückgehalten werden, wo ich heute abend noch einen Besuch machen will, und sollte ich deshalb nicht zurückkommen, so ängstigen Sie sich meinetwegen nicht. Sie werden dann schon im Laufe des Tages von mir hören."
Sie hatte es offenbar sehr eilig, allein zu sein; denn sie schob ihre Wirtin fast zur Thüre hinaus, und Frau Limbach hörte deutlich wie diese Thür hinter ihr verriegelt wurde. Kopfschüttelnd kehrte sie in ihr Wohnzimmer und zu ihrer unterbrochenen Bibellektüre zurück. Sie hatte bei Felicias erstem Erscheinen ebensowenig eine neugierige Frage an sie gerichtet, als sie es heute gethan, wie unbegreiflich es ihr auch sein mochte, daß diese reiche und vornehme junge Dame nun schon zum zweite« Male nächtlicher Weile hier in ihrer armseligen Hütte eine Zuflucht suchte. Die Dankbarkeit und die aufrichtige Verehrung, welche sie für die fchöne Amerikanerin hegte, hatten ihr die Lippen verschlossen. Denn Felicia war für sie die leibhaftige Verkörperung der Großmut und der edelsten Nächstenliebe, seitdem ihre Freigebigkeit die letzten Wochen der armen Marie fast zu den heitersten und sorglosesten ihres ganzen Daseins gemacht hatte. Einem glücklichen Zufall nur hatte sie es damals zu danken gehabt, daß die junge Fremde von ihrer Existenz erfuhr. Weil ihre Tochter in leidlich gesunden Tagen allerlei Näharbeiten für die Inhaberin des von Felicia bewohnten Pensionats ausgeführt hatte, war Frau Limbach eines Tages, da Not und Kummer besonders schwer auf sie drückten, zu jener Dame gegangen, um ihren Beistand für die hoffnungslose Kranke zu erbitten. Sie hatte eine kaltherzige Abweisung erfahren, aber Felicia, die im nebenan gelegenen Konversationszimmer jedes Wort der Unterhaltung gehört hatte, war ihr auf die Treppe hinaus gefolgt, hatte ihr ein Goldstück in die Hand gedrückt und sich ihre Adresse geben lassen. Am nämlichen Nachmittag schpn war sie in einer Droschke angefahren und hatte allerlei gute Tinge mitgebracht, von denen sie annahm, daß sie dem leidenden Mädchen Erquickung bereiten oder Freude machen würden. Und das traurige Bild, das sich bei diesem Besuche ihren Blicken dargeboten hatte, mochte wohl ihr Mitleid in hohem Maße erregt haben: denn in kurzen Zwischenräumen war sie wiedergekommen — jedesmal wie eine gute Fee mit Ge- fchenkeu reich beladen, und überdies durch ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit von Trost und lichtem Sonnenschein in die Kammer der Kranken tragend. Die arme Marie, die wie zu einem überirdischen Wesen anbetend zu ihr aufblickte, hatte jedes Mal nach ihrem Weggange die Stunden bis zu ihrem Wiedererscheinen gezählt, und Frau Limbach hatte ihr mehr als einmal mit Thräuen freudiger Rührung versichert, daß ihre Dankbarkeit nur mit ihrem Tode würde erlöschen können.
Was ihre Armut der vornehmeu Fremden zu gewähren vermochte, das hatte Frau Limbach Felicia am Abend ihrer Flucht aus dem Hause ihres Bräutigams freudigen Herzens gegeben: ein Obdach für die Nacht und einige Kleidungsstticke aus Mariens Nachlaß, die es Felicia ermöglichten, (int1 nächsten Morgen in einem unauffälligen Anzug nach N. abzureisen. Das Beste und Wertvollste an ihrem Beistands aber war die achtungsvolle Zurückhaltung gewesen, mit der sie ihn geleistet hatte. Konnte sie auch im ersten Moment
ihre Ueberraschüng und ihr Erstaunen nicht ganz verbergen, so hatte sie doch sehr schnell begriffen, daß jede Aeußerung der Neugier oder einer unerbetenen Teilnahme ihrem jungen Gaste peinlich fern müsse, und sie hatte mit jenem seinen Zartgefühl, das den Armen oft in so viel höherem Maße eigen ist, als den vom Glücke Begünstigten, auf das ängstlichste alles vermieden, was einer offenen oder umschriebenen Frage ähnlich gesehen hätte.
Und ganz so war sie auch heute Verfahren, obwohl ihr dieser zweite abendliche Besuch mit all seinen seltsamen und geheimnisvollen Nebcnumständen gewiß nicht weniger befremdlich war, als der erste. Was ihr Felicia Rubarth nicht etwa ans freien Stücken sagte, das brauchte sie auch nicht zu erfahren. Etwas Schlimmes und Sträfliches war es ja gewiß nicht, das die hochherzige Wohlthäterin der armen Marie zu ihr geführt hatte; und wenn es, wie sie vermutete, irgend ein schweres Mißgeschick war, so stand es ihr viel besser an, ihr zu helfen und nach ihrer frommen Gewohnheit für sie §11 beten, als ihr mit dringlichen Fragen lästig zu fallen. ---
Sobald sie gehört hatte, daß drüben die Wohnzimmer- thür hinter der alten Frau zugefallen war, hatte Felicia ihren Mantel abgeworfeu und das Baud gelöst, das ihren Kleiderrock um die Taille festhielt. Er glitt zu Boden, imbi das junge Mädchen hatte sich wie durch ein Wunder mit einem Schlage in einen bildhübschen Jüngling verwandelst
Wenn es wirklich, wie sie der Frau Limbach gesagt hatte, ihre Absicht war, noch einen Besuchs zu machen, so mußte ihr außerordentlich viel daran gelegen sein, dasi Ziel ihres Weges unerkannt zu erreichen; denn sie hatte unter dem Frauenmantel einen vollständigen Männeranzug angelegt, und auch ihr herrliches Haar mochte nur für diesen einzigen Zweck geopfert sein. Nun nahm sie den! Mantel des Assessors vom Haken und wußte ihn mit weiblicher Geschicklichekit durch Anwendung einiger mitgebrachter Sicherheitsnadeln um so viel zu verengern, daß er zu einem leidlich passenden Kleidungsstück für sie wurde. Eine gleiche Behandlung erfuhr der Filzhut ihres bisherigen Verlobten. Und als sie ihn nun auf ihr kurzlockiges Haar gedrückt hatte, würde sicherlich niemand ohne eine lange, und eingehende Betrachtung das Weib in ihr erkannt haben.
Wenige Minuten nur hatte Felicia mit dieser Vor- bereituug für ihre Maskerade verloren. Nun griff sic nach dem Hausschlüssel, den Frau Limbach für sie auf den Tisch gelegt hatte und wandte sich zum Gehen. Aber noch einmal blieb sie stehen, um die Knöpfe des Mantels wieder zu öffnen. Aus der Seitentasche des knapp anliegenden Herrenjacketts, das sie darunter trug, zog sie einen kleinen, dunklen, im Lampenlichte mit mattem metallischem Glanze auf- blinkenden Gegenstand, den sie eine Sekunde lang aufmerksam betrachtete und dann in die rechte Außentasche des Mantels steckte, wo er ihr sehr viel bequemer zugänglich war als au seinem bisherigen Platze.
Wie ein Fieberfrösteln machte es ihre schlanke Gestalt erbeben, aber sie wollte nicht schwach werden und richtete! sich mit einer energischen Bewegung straff empor.
„Rein, keine Feigheit!" sagte sie halblaut vor sich hin. „Kanu er mir meine Freiheit nicht wiedergeben, so will ich vor seinen Augen sterben. Und er soll nicht zum zweiten Mal die Genugthuuug haben, mich deni Tode zu entreißen."-
Sie schob den Riegel zurück uud ging leise hinaus. Vorsichtig tastete sie sich über die finstere Diele, öffnete mit ihrem Schlüssel möglichst geräuschlos die Hausthür und schlüpfte hinaus, um sie ebenso behutsam wieder zu verschließen. Dann ging sie mit raschen Schritten die stille, dunkle Straße hinab, und war bald nach jener Richtung hin verschwunden, wo die Gebäude der neu errichteten Heilstätte lagen.
Trotz der von Felicia beobachteten Vorsicht hatte Frau Limbach indessen deutlich gehört, daß ihre Besucherin sich entfernte, und sie hatte zugleich deu Entschluß gefaßt, bis zu ihrer Rückkehr aufzubleiben, da sie sich überzeugt hielt, in ihrer Sorge um das junge Mädchen doch keinen Schlummer finden zu können. Sie steckte statt der fast herabgebrannten eine neue Kerze in den Leuchter und bemühte sich, alle ihre Gedanken auf den für sie oft sehr dunklen Sinn der Worte zu richten, welche sie las. Wer die Müdigkeit und das schlechte flackernde Licht ließen ihre Lider schwerer und chwerer werden. Ein paar Mal wohl gelang es ihr noch, ich dem Halbschlummer zu entreißen, dann aber reichte die Kraft ihres. Willens nicht mehr dazu aus, und vom


