Ausgabe 
14.12.1901
 
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Samstag den 14. Dezember.

Nr. 179.

1901.

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Aollc nur einerlei, und das wolle von Herzen!

T M. Claudius.

(Nachdruck verboten.)

Gesprengte Fesseln.

Roman von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Aber die späte Besucherin fürchtete sich nicht vor dieser Gefahr. Sie war rasch hereingeschlüpft und hatte sich wie jemand, der mit der Oertlichkeit bereits vertraut ist, bis zu der Thür des linker Hand gelegenen Wohustübchens getastet. Hier verbreitete die Petroleumlampe, die vor einer aufgeschlagenen Bibel auf dem Tische stand, trauliches Licht, und die alte Frau, die erst hinter ihrem Gast eingetreten war, rückte geschäftig den altväterlichen Lehnstuhl zurecht, in dem sie selbst bis dahin lesend gesessen hatte.

Bitte nehmen Sie Platz, mein liebes Fräulein! Darf ich Ihnen ein Täßchen Kaffee anbieten? Es ist so kalt draußen. Und ich glaube gar, Sie sind, zu Fuß ge­kommen ; denn einen Wagen hätte ich wohl gehört."

Felicia hatte den dargebotenen Sitz nicht angenommen.

Ich danke Ihnen, Frau Limbach! Mir ist nicht kalt, und Sie sollen sich Meinetwegen durchaus keine Unbequem­lichkeiten machen. Einen großen Dienst aber sollen Sie mir allerdings erweisen. Ich muß noch einmal Ihre Gast- freundschaft in Anspruch nehmennur für wenige Stunden; denn ich reise jedenfalls schon vor Tagesanbruch wieder ab."

Lieber Himmel, wenn Ihnen mein Schlafkämmerchen nicht zu schlecht ist Sie wissen, daß ich es Ihnen mit tausend Freuden überlasse. Und Sie sollen mir nicht wieder etwas dafür zahlen wie neulich, als Sie mir gegen meinen Willen die beiden Zwanzigmarkstücke auf die Kommode legten. Ich bin so sehr in Ihrer Schuld, daß Sie mir schon das kleine Vergnügen gönnen sollten, Ihnen meine Dankbarkeit zu beweisen."

Nun, darüber können wir ja später sprechen, Frau Limbach! Die Kleidungsstücke, die Sie mir damals geliehen haben, sind doch wieder in Ihren Besitz gelangt?"

Gewiß! Ich habe sie mit der Post erhalten. Aber das hätte nicht so sehr geeilt. Meine arme Marie, von der sie herstammen, hat sie da drüben unter der Erde nicht mehr nötig."

Sie fuhr sich mit dem Schürzenzipfel über die Augen, wie immer, wenn sie den Namen ihrer vor wenig Wochen nach langem Siechtum gestorbenen Tochter nannte. Aber in der nächsten Sekunde schon war sie wiener ganz voll emsiger .Sorge um ihren vornehmen Gast.

In der Kammer ist noch alles so, wie Sie's in dep vorigen Woche verlassen, haben, Fräulein Rubarth! Ich schlafe ja hier im Wohnzimmer, weil ich da hinten zu sehr an die Verstorbene erinnert werde. Und ich mochte Ihre Sachen nicht erst wegpacken, weil ich immer erwartete, daß sie abgeholt werden würden. Aber, guter Gott, mein liebes, gnädiges Fränlein, was haben Sie denn mit Ihrem wundervollen Haar gemacht? Sie haben sich's ja wohl gar abschneiden lassen?"

Sie hatte erst jetzt die große Veränderung wahrge­nommen, die seit der Nacht, da Felicia zum ersten Male ihre Gastfreundschaft beansprucht hatte, mit der jungen Amerikanerin vorgegangen war. Die prächtigen, dunklen Flechten, über die sie sich noch vor wenigen Tagen mit so großer Bewundernng geäußert hatte, während sie ihrem schönen Gaste beim Umkleiden behilflich gewesen war, sie waren in der Thal verschwunden, und unter dem Schleier verbarg sich ein fchwarzlockiges Ti tus'köp scheu, das sie gar fremdartig anmutete.

Ja, ich habe mich dazu entschließen müssen, weil mir das schwere Haar bei meinen häufigen Migräneanfällen zu lästig wurde. Hat es mich sehr zu meinem Nachteil ver-, ändert?"

Felicia hatte den Hut abgenommen und war näher an die Lampe herangetreten. Fran Limbach schob die Brille, deren Gläser ihr zumeist vor der Stirn saßen, auf die Nase herab, um besser zu sehen. Dann schüttelte sie den Kopf:

Nein, zu Ihrem Nachteil gewiß nicht! Wer so schön ist tote Sie, den kleidet am Ende alles. Aber schade ist's doch jammerschade! Ich habe mein Lebtag nicht so herr­liches Haar gesehen."

Nun, der Verlust ist ja nicht unersetzlich! Wollen Sie jetzt die Freundlichkeit haben, liebe Frau Limbach, die Schlafstube zu erleuchten? Ich möchte mich darin umkleiden."

Ich gebe Ihnen natürlich meine Lampe; denn die kurze Zeit, bis ich zu Bett gehe, behelfe ich mich hier sehv gut mit einer Kerze."

Sie sind sehr freundlich. Und jedenfalls dürfen Sie um meinetwillen nicht länger aufbleiben, als Sie's gewöhnt sind. Ich werde vielleicht heute abend noch einmal fort müssen, aber ich"

Wie? Heute abend noch?" fiel die alte Frau ganz bestürzt ein.Aber es ist ja beinahe neun Uhr. Und Sie können doch nicht um diese Stunde ganz mutterscelen-, allein--"

O, für mich brauchen Sie niichts zu fürchten. Die Gefahren, die mich auf der Straße bedrohen könnten, haben keine Schrecknisse für mich. Aber ich, will nicht, daß,Sie meinetwegen noch einmal aus Ihrem bequemen Lehnstuhl da aufstehen müssen hören Sie? Ich will es durchaus nicht. Und Sie würden mich aufrichtig betrüben, wenn Sie es dennoch thäten. Ich finde mich, ganz allein zurecht, und wenn Sie mir den Hausschlüssel geben, brauchen Sie sW