Ausgabe 
14.11.1901
 
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O, Herr Stadtrat,, wenn Sie das thun wollten wenn Sie"

Aber Ludwig Ignatius fiel ihm hart in die Rede.

Lassen Sie uns keine überflüssigen Worte machen! Saß ich aus Mitleid für Sie nicht einen Finger zu Ihrer Rettung rühren würde, können Sie sich doch wohl denken. Aber Sie haben von vornherein recht gut gewußt, daß Ihre Entlarvung auch mich zu Grunde richten würde, und darauf haben Sie Ihre Hoffnungen gesetzt. Wohl wird niemand verrückt genug sein, mich eines Einverständnisses mit Ihnen fähig zu halten; aber man wird mir mit Recht vor­werfen, daß ich meine amtlichen Pflichten vernachlässigt hätte, indem ich einem Siebe jahrelang mein rückhalt­loses Vertrauen schenkte. Und ich werde unter allen Um­ständen gehalten sein, die gestohlene Summe zu ersetzen. Wenn ich mich also bemühe, das drohende Verhängnis in diesem Augenblick noch von ihnen abzuwenden, so geschieht es wahrhaftig nicht aus Wohlwollen für Sie. Darüber, denke ich, werden Sie sich keiner Täuschung hin geb en."

Lindemann ließ das Kinn auf die Brust herabsinken.

Und was befehlen Sie mir zu thun?" fragte er leise.

Ich befehle Ihnen vor allem, aufzustehen. Und sich zur Wahrnehmung Ihrer Dienstgeschäfte in das Rathaus zu begeben. Heute nachmittag wünsche ich Sie jedenfalls an Ihrem Platze zu sehen."

.-Mer ich fühle mich so schwache Herr Stadtrat! Als ich vorhin einen Versuch machte, das Bett zu verlassen, brachen mir förmlich die Kniee."

Gleichviel! Da es augenscheinlich nur die Angst ge­wesen ist, die Sie krank gemacht hat, so müssen Sie auch inr stände sein, durch eine energische Willensanstrengung Herr über diese Krankheit zu werden. Jede Stunde Ihrer Abwesenheit kann die Gefahr einer Entdeckung herauf­beschwören. Und es wird mir noch schwerer fallen, den Antrag des Oberbürgermeisters zu bekämpfen, wenn er sich zur Begründung desselben obendrein auf Ihre Kränklich­keit berufen kann."

Der Rendant nickte zustimmend, und obwohl seine Zähne hörbar aufeinanderschlugen, machte er doch einen verzweifelten Versuch, seinem zusammengesunkenen Körper eine straffe Haltung zu geben.

Ja, ich sehe ein, daß Sie Recht haben, Herr Stadt­rat! Und ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich heute nachs- mittag auf meinen Posten sein werde. Nun, da ich wieder hoffen darf, fühle ich mich auch schon bei weitem besser."

Andere Verhaltungsmaßregeln habe ich Ihnen vor­läufig nicht zu geben. Wir müssen abwarten, wie sich die Sache mit Ihrem schuftigen Freunde, dem Jrmisch, weiter entwickelt, und ob es mir gelingen wird, die Absicht des Oberbürgermeisters zu durchkreuzen. Geht die eine wie die andere Gefahr glücklich vorüber, so ist vor der nächsten ordentlichen Kaffenrevision nichts mehr zu fürchten, es sei denn, daß Sie sich durch irgend eine unverantwortliche .Dummheit selbst an^das Messer liefern."

Ich werde mich gewiß zusammennehmen. Aber wenn die vier Monate um sind, die uns noch von der Revision trennen, werden wir uns dann nicht auf demselben Punkte befinden, wie heute?"

Vielleicht! Aber wenn es bis dahin nicht gelungen ist, Rat zu schaffen, wird es alsdann ja noch immer früh genug sein für Sie, um ins Zuchthaus zu wandern, in das Sie schon heute gehörten, und für mich um mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen."

Der Himmel wolle etwas so Schreckliches verhüten. Ich habe nicht den Mut, Sie Um Verzeihung zu bitten, Herr Stadtrat; denn ich weiß wohl, daß Sie mir niemals vergeben können. Aber soll nun auch mein schuldloses Kind das Verbrechen des Vaters mit seinem Lebensglück bezahlen?"

Er hatte es mit fast erstickter Stimme gefragt, und in seinen Augen, die an den Lippen des Kämmerers hrngen, flackerte aufs neue eine tödliche Angst. Ludwig Ignatius aber sagte mit einer Geberde, die deutlicher als Worte seine Verachtung ausdrückte r

iHaben Sie ganz den Verstand verloren, daß Sie noch jetzt an die Möglichkeit dieser Heirat denken? Nein, mein Bester, so weit geht meine Duldsamkeit nicht. Aber Sie werden es mir überlassen, die Angelegenheit so zum Ab-

schluise zu Bringen, wie es mir zweckmäßig erscheint. So­bald ich zu einer festen Entschließung gelangt bin, werden Sie darüber erfahren, was Ihnen zu wissen not thut. Vor­läufig haben Sie zu warten, zu schweigen, und nach wie vor die Obliegenheiten Ihres Amtes zu erfüllen."

Es war sein letztes Wort; denn im nächsten Augen­blick schon fiel mit lautem Krachen die Thür des Jimmers hinter ihm ins Schloß.

(Fortsetzung folgt.)

Das bunte Band.

Eine Geschichte zum Semesteranfang von Paul Morgan.

(Nachdruck verboten.)

Gähnend, noch halb schlaftrunken, richtete sich Hans Krüger im Bett auf. Wie spät war's denn eigentlich? Halb elf? Donnerwetter, er konnte sich keines Tages ent­sinnen, an dem er zu so vorgerückter Stunde noch nicht aufgestanden war. Wie sein Blick int Zimmer umherirrte, blieb er auf einer Mütze und einem Bande, die beide auf dem Tische lagen, haften. Ein freudiger Schimmer flog über sein Gesicht. Jetzt erinnerte er sich. Seit gestern abend war er Couleurstudent.

Hurra! Mit beiden Beinen sprang er aus dem Bette. Um einhalb zwölf Uhr mußte er ja auf dem Fechtbvden sein. Sine tempore, ohne das übliche akademische Viertel, wie ihm der Paukwart eingeschärft hatte. Da hieß es, sich eilen. Er stürzte zur Waschschüssel. So, das that ihm wohl; denn er hatte einen riesigen Brummschädel. Na, es war ja auch etwas gefällig gewesen auf der Kneipe. Zwei Füchse waren zu gleicher Zeit aufgenommen worden, und das mußte natürlich begossen werden. Er hatte sich über seine eigene Leistungsfähigkeit gewundert und gefreut. Er versuchte zusammenzurechnen, was er getruitken hatte. Die zwei Ganzen, die der Fuchsmajor der Fuchstafel vor- gekvmmen war, war er nachgekommen. Ebenso den Ganzen, den der Kneipwart beim Beginn auf das fröhliche Ge­deihen der Kneipe getrunken hatte. Eine Unmenge Blumen, Halbe, Kuhschlucke und Reste hatte er auch vertilgt, dazu kam dann noch ein Welthalber, ein Halber beim Semester­reiben und einer, den er bei einem Sprengungsliede sich einverleibt hatte. Pro poena hatte er nur wenig trinken müssen. Ja, richtig, den Ganzen beim Bierskandal hatte er noch vergessen, wie er da den Gegner, seinen Eon fuchs hineingetunkt hatte. Er hätte sich sehr bierehrlich be­nommen, hatte fein Leibalter anerkennend geäußert. Kurz, es war wirklich eine feudale Antrittskneipe gewesen.

Wenn nur diese verdammten Kopfschmerzen nicht wären. Schließlich, wenn man zwölf oder fünfzehn Schoppen intus hat, ist es ja kein Wunder, aber zuletzt gewöhnt man? sich daran. Wie war er denn eigentlich nach Hause gekommen? Keine Ahnung, da konnte er mal die Wirtin fragen. Zum Kuckuck, wo blieb denn die alte Schraube mit dem Kaffee? Er konnte dochMcht gleich das erste Mal zu spät auf den Fechtboden kommen. Was die wohl für Augen machen würde, wenn sie die Couleur sähe? So ein Corpsfuchs ist doch etwas anderes als ein Trauerkloß von Finke. Es war doch ein wahrer Segen, daß er sich hatte keilen lassen.

Mittlerweile war seine Toilette so weit vorgeschritten, daß er sich halbwegs vor Menschen sehen lassen konnte. Er öffnete die Stubenthür und schrie auf den Korridor hinaus:Kaffee". Während er vor dem Spiegel stand und mit höchster Sorgfalt einen Scheitel durch das blonde Haar zog, überlegte er, wie er wohl mit einem Schmiß aussehen würde. Hm, so ein Durchzieher auf Quartseite vom Kinn weg, am Mundwinkel vorbei, über die halbe Wange, mußte sich famos machen. Na, dafür würden die Bestimmungs- Mensuren schon sorgen. Neugierig war er doch, gegen wen er zuerst antreten würde. Die Arminen hatten auch einen Fuchs in gleicher Größe, das wäre eine Partie für ihn. Hans nahm sich heilig vor, den Bonzen abzustechen, in jedem Falle aber zu stehen wie eine Mauer.

Die Frisur war fertig. Wie er nach dem Kragenknopf suchte, fiel sein Blick abermals auf die Couleur. Das seidene Band schimmerte in den Strahlen der Herbstsonne^ es war ganz neu, und besonders schön strahlte der silberne Streifen, der sich der Länge nach hindurchtzog. Weniger! hübsch war die Mütze, sie war alt und gedrückt, es wat eine von dm vielen, die herrenlos an t>.er Wand hingen. Natürlich