Ausgabe 
14.11.1901
 
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ihm abzuwenden, wenn sich nicht sein nächster Vorgesetzter, der Kämmerer Ignatius, andauernd einer groben Vernach­lässigung seiner Pflichten schuldig gemacht hätte. Aus ihm lag die ganze Verantwortlichkeit für die finanziellen An­gelegenheiten des städtischen Genieinwesens, und ihm vor allem wäre deshalb auch die Aufgabe zugefallen, seinen Untergebenen unausgesetzt scharf zu beanfsichtigeu. Aber schon seit vielen Jahren war der Kämmerer in blindeim Vertrauen zu Lindemanns Rechtschaffenheit und Gewissen­haftigkeit ganz seinem Hange zur Bequemlichkeit gefolgt, und hattte sich damit begnügt, die ihm von dem Rendanten vorgelegten Monats- und Quartalsabschlüsse durch seine Unterschrift als richtig zu bestätigen, ohne sich jemals durch; den Augenschein von dem Vorhandensein der ausgeführten Summen zu überzeugen. Ja, er hatte noch mehr und Schlimmeres gethan, als das. Auf die gelegentliche, rnit anscheinend ganz unverfänglichen Gründen motivierte Be­merkung Lindemanns, daß es ihm recht erwünscht sein würde, wenn er von den im Magistratskollegium be­schlossenen, außergewöhnlichen Kasseurevisionen jedesmal vorher benachrichtigt würde, hatte er ihm bereitwillig versprochen, diesen Wunsch zu erfüllen, obwohl er damit geradezu gegen eine beschworene Pflicht der Verschwiegen­heit verstieß. Aber er hatte gerade an jenem Tage guten Grund gehabt, sich so willfährig zu zeigen; denn es war das erste Mal geivesen, daß er den Rendanten um ein Darlehen gebeten hatte, und die eine Gefälligkeit war der anderen wert. Franz Lindemann war seitdem gegen alle Unliebsamen Ueberrafchungen von feiten der städtischen Re­visoren gesichert gewesen, und er hätte das verbrecherische Treiben wohl noch jahrelang uuentdeckt fortsetzen können, wenn nicht rasch nach einander zwei Ereignisse eingetreten wären, die das ganze künstlich aufgeführte Gebäude von Betrügereien jäh zum Einstürze zu bringen drohten.

Das erste war der Entschluß des Oberbürgermeisters/ die Verwaltung des Stiftungsfonds in andere Hände zu legen. Wenn das Magistratskollegium dieser Absicht zu­stimmte, und wenn dem Rendanten damit jede Verfügung über die Stiftungskasse entzogen würde, so konnte er das so oft gelungene rettende Manöver künftig natürlich nicht mehr zur Ausführung bringen, und schon die nächste ordentliche Revision der Stadthauptkasse die allerdings erst nach Ablauf von etwa vier Monaten zu erwarten war mußte die begaugeuen Unterschleife -offenbaren. Es war darum sicherlich keine Uebertreibung, wenn Lindemann mit fast versagender Stimme erzählte, daß er die Tage und Nächte seit jener Mitteilung des Kämmerers in einem Zustande der Verzweiflung hingebracht habe, durch den er zuletzt beinahe unfähig gemacht worden sei, überhaupt noch einen klaren Gedanken zu fassen. Aber es war bei alledem in einem Winkel seiner Seele doch immer noch etwas wie eine schwache .Hoffnung gewesen, daß der viel­gewandte Jrmisch auch bicr Rat schaffen, und selbst da noch einen Ausweg sinoen würde, wo er selbst keinen mehr sah.

Der heutige Morgen erst hatte diese Hoffnung grausam und für immer zerstört. Eine Zeitungsnotiz von wenigen Zeilen war es gewesen, die solche Wirkung getban hatte. Das Blatt lag noch auf dem Nachttischchen neben oem Bette des Kranken, und Ludivig Ignatius überflog mit düsterem Blick die Stelle, die ihm der knochige Finger des Ren­danten bezeichnet hatte. Da war in gesperrter Schrift zu lesen:

Der Wechselstubeninhaber Jrmisch aus der Elisenstraße, der durch seine eigenartigen Geldgeschäfte schon wieder­holt die Aufmerksamkeit der Kriminalpolizei auf sich ge- 5-0gen hatte, ist seit gestern flüchtig, wahrscheinlich unter Mitnahme beträchtlicher Depots, die ihm von leichtgläubigen Kunden anvertraut worden waren. Seine zurückgelasseuen Geschäftsbücher sind von der Staatsanwaltschaft beschlag­nahmt, und die Bureauräume amtlich versiegelt worden. Im Geldschranke fand sich nur ein Bündel völlig wertloser Effekten. Von dem Flüchtling selbst fehlt bis jetzt jede Spur, und da er seine Entweichung wahrscheinlich von langer Hand vorbereitet hatte, scheinen die Aussichten auf seine Ergreifung recht gering."

Als ich das gelesen hatte, wußte ich, daß alles zu Ende sei", flüsterte der Reudant, da Ignatius das Blatt schweigend auf den Tisch zurücklegte.Und in demselben Augenblicke faßte ich den Entschluß, mich Ihnen rückhaltlos zu offenbaren"- -

-»Ein großartiger Entschluß in der That! Und was ist es denn nun eigentlich, das Sie von mir erwarten? Glaubten Sie etwa, statt Ihres durchgebrannten Spieße gesellen nun in mir einen Helfershelfer Ihrer Schurkereien zu finden?"

Rein, gewiß nicht! Ein unsinniger Gedanke ist mir niemals gekommen. Ich dachte nur daran, daß Sie rechtzeitig gewarnt werden müßten, Herr Stadtrat, damit wenigstens die siebzehntausend Mark, die Sie nach und nach von mir entliehen haben, wieder in der Kasse Und,, ehe die Entdeckung erfolgt. Es darf unter keinen Umständest den Anschein gewinnen, als ob Sie mein MitMildiger ge-i wesen wären.."

Wie freundlich Sie um mich besorgt sind! Und dies! Geld, das ich aus den Händen eines Ehrenmannes zu empfangen glaubte, dies Geld, mit dessen Rückzahlung es! nach Ihren oft wiederholten Versicherungen durchaus keine Eile hatte woher soll ich es nun so plötzlich nehmen? Unter meinen Freunden ist keiner, dem ich mich offenbaren kann. Und Sie haben wahrscheinlich gut genug gewußt, ivelche Kette Sie mir an den Fuß schmiedeten, als Sie mir jene Summen so bereitwillig zur Verfügung stellten. E^j war auch ein Faktor in ihren schmachvollen Berechnungen, nicht wahr?"

Nein. Bei dem Leben meines Kindes schwöre ichs Ihnen, daß Sie mir Unrecht thun mit solchem Verdachst Jch würde Ihr Ersuchen rundweg abgeschlagen haben, wenn! es sich bei alledem nur um Sie und um mich gehandelt Hätte; denn ich habe niemals den Wunsch gehabt, Siel mit hineinzuziehen in mein Verhängnis. Aber ich wußten daß Sie mein Feind sein würden von der Stunde an, da ich Ihnen das gewünschte Darlehen verweigerte. Und das! Kind eines Feindes hätten Sie sicherlich niemals als Ihre; Schwiegertochter willkommen geheißen."

Soll das etwa eine Rechtfertigung Ihrer treulosen; Handlungsweise sein?" brauste der Kämmerer auf.Wahr-, hastig, Mann, Sie thun nicht gut, jetzt von dieser Verlobung; zu reden, die ich mir in Unverzeihlicher Schwäche auf-, drängen und aufschwatzen ließ. Ich habe meine Nachgiebig­keit schon vor dem heutigen Tage bitter bereut. Undf wenn Sie nun obendrein die Stirn haben, anzudeutens« daß mir meine Einwilligung gewissermaßen für ein paar; tausend Mark von Ihnen abgekauft worden sei, so---i

bei Gott, so könnte ich vergessen, daß Sie hier als ein! wehrloser Schwächling, und als ein Bild des Jammers! vor mir sitzen."

Es mußte ihm in der That sehr heiß geworden seins denn er ging zum. Fenster, zerrte die Vorhänge zurück,! und riß beide Flügel auf, unbekümmert darum, welche! Wirkung die hereinströmende eiskalte Luft auf den dürftig bekleideten Kranken üben würde. Ein paar Minuten lang blieb er da stehen, dem Rendanten den Rücken zukehrend,, und mit leerem Blick in den düsteren, von trostlos kahlen! Wänden umgebenen Hvfraum hinabstarrend. Als er sichs wieder in das Zimmer zurückwandte, war sein Gesicht' von steinerner ügärte, und stahlhart, doch beinahe unheim-- lich ruhig ffang auch seine Stimme, da er sagte:

Glauben Sie, daß sich aus den Büchern des flüchtigen! Jrmisch die Art der Beziehungen ergeben wird, in denen; Sie zu ihm geflaudeu haben?"

Nein, ich glaube es nicht; denn er war ein sehr vorsichtiger Mann, und immer darauf gefaßt, daß sich die Polizei um seine Geschäfte kümmern würde. Er hat mir oft versichert, daß ich mir in dieser Hinsicht durchaus' keine Sorgen zu machen brauchte."

Und es weiß außer mir noch niemand' um Ihr Verbrechen?"

Niemand, Herr Stadtrat!"-

Sv werden Sie es auch weiterhin keinem Menschen! offenbaren, es sei denn, daß ich Sie ausdrücklich von der Verpflichtung des Schweigens entbinde."

Wenn ich nun aber in einigen Tagen oder Wvch!en! die Stiftungskasse ausliefern muß, wird man dann nicht auch ohne mein Geständnis alles entdecken?"

Sie werden Sie nicht ausliesern. Die Uebertragung der Verwaltung an einen anderen Beamten darf unter den! obwaltenden Umständen natürlich nicht erfolgen. Ich werde! meinen ganzen Einfluß daran' setzen, sie zu hintertreiben.^

Der Rendant, der ebenso sehr vor Kälte als vor Auft regung am ganzen Leibe zitterte, hob seine gefalteten' Hände empor,