Ausgabe 
14.11.1901
 
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Nr. 163.

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Ifffcä veraltet am Menschen, nur das Herz nicht.

Jean Paul.

(Nachdruck verboten.)

Gesprengte Fesseln.

Roman von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Und in hastigen, durch Hustenanfälle und Atemlosigkeit Vst unterbrochenen Worten erzählte er die Geschichte seiner Wertrrung. Bor zehn Jahren schon hatten seine Geldver­legenheiten begonnen. Der wirtschaftliche Ruin eines Bruders, den er weit über seine Kräfte durch Darlehen und Gefälligkeitswechsel unterstützt hatte, war die erste Ursache gewesen; andere Widerwärtigkeiten hatten sich in rascher Folge dazu gesellt, und eine Katastrophe, die ihn um seine gesamte Habe tote um Amt und Brot gebracht hätte, wäre unvermeidlich gewesen, wenn er sie nicht durch einen Griff in die ihm anvertraute Stiftungskasse im letzten, dringendsten Augenblicke abgewendet hätte.

Meine Frau lag damals an ihrer letzten Krankheit danieder", sagte er.Es würde sie auf der Stelle ge­tötet haben, wenn vor ihren Augen die Gerichtsvollzieher olles hinausgetragen hätten, woran ihr Herz hing. Und mein Kind mein armes, unschuldiges Kind! Ich hatte nicht die Kraft, es der Not und dem Elend zu über­liefern." . . '

Weiter!" drängte der Stadtrat mit heiser klingender Stimme.Halten Sie sich an das Thatsächliche! Zu senti- mentalen Redensarten ist jetzt nicht Zeit!"

Und gehorsam vollendete der Unglückliche fein Geständ­nis. Da er den durch die erste Veruntreuung entstandenen Fehlbetrag von seinem bescheidenen Gehalte niemals hätte ersetzen können, war er auf andere Mittel bedacht gewesen, ihn zu decken. Er hatte einen Jugendfreund in der Stadt, einen gewissen Jrmisch, der eine Wechselstube hielt, und sich Mit allerlei zweifelhaften Geldgeschäften befaßte. Wenn er ihn auch nicht geradezu ins Vertrauen gezogen hatte, so war doch die Art, wie er ihn um Rat gefragt hatte, wohl danach angethan gewesen, den verschlagenen Menschen die Wahrheit ahnen zu lassen. Und er hatte nicht ge­zögert, diese halbe Mitwisserschaft zu seinem Nutzen aus­zubeuten.

Durch die Vorspiegelung sicheren Gewinns hatte Jrmisch den Rendanten veranlaßt, ihn mit allerlei Börsen­spekulationen zu betrauen, für welche die erforderlichen Kapitalien natürlich erst durch neue Unterschlagungen auf­gebracht cherden mußten. Und nach dem Fehlschlagen der

ersten Geschäfte war es ihm ein Leichtes gewesen, die Schlinge immer fester um den Hals seines Opfers zusammen zu ziehen. Andere Spekulationen sollten das Verlorene doppelt und dreifach wieder einbringen. Und wenn Lindemann in erwachender Gewissensangst zauderte, dem ersten und zweiten Amtsverbrechen immer neue Vergehungen ber«i selben Art folgen zu lassen, so hatte Jrmisch durch versteckte Drohungen seinem Schwanken jedesmal ein Ende zu machen gewußt. Hier und da waren denn auch wirklich kleine Gewinne erzielt worden, aber sie hatten niemals hinge­reicht, die gestohlene Summe zu ersetzen, und von Monat zu Monat hatte sich das Defizit mit furchtbarer Schnellig­keit vergrößert.

Daß er aber trotz eines scheinbar vortrefflich ein­gerichteten Aufsichtswesens seine dreisten Unterschlagungen jahrelang unentdeckt hatte fortfetzen können, verdankte der Rendant einem Zusammenwirken günstiger Umstände. Seine bescheidene Lebensführung, seine Bedürfnislosigkeit, und sein unermüdlicher Fleiß ließen bei Amtsgenossen und Vorgesetzten keinen Argwohn gegen ihn aufkommen. Und das Märchen von der reichen Erbschaft zerstreute auch die leisen Bedenken, die sich zu regen begonnen hatten, als ein Mitglied des Magistratskollegiums zufällig von den Börsengeschäften des Rendanten erfuhr. Bei den regel­mäßig vorgenommenen Revisionen fanden sich die- von Lindemann verwalteten Kassen ja auch stets in bester Ord- Lnung, und in vollkommener Uebereinstimmung mit den Büchern. Und dasselbe Ergebnis hatten die, einmal im Jahre ohne voraufgegangene Mitteilung erfolgenden außer­gewöhnlichen Prüfungen. Das Geheimnis dieser schein­baren Richtigkeit aber erklärte sich einfach genug daraus, daß es immer nur eine der beiden, von einander ganz unabhängigen Kassen war, die an einem und demselben Tage revidiert wurde, und daß der Rendant stets vier­undzwanzig Stunden vorher genau wußte, welche von ihnen an die Reihe kommen würde. Galt es dann eine Revision der Stadthauptlasse, so entnahm er den unter seiner Obhut stehenden Stiftungsfonds eine entsprechende Anzahl von Wertpapieren und verpfändete sie bei dem immer, dienst­willigen Jrmisch auf einen oder zwei Tage für dre Bar­summe, deren er zur vorübergehenden Deckung des rhm genau bekannten Fehlbetrages bedurfte. Und ebenso ver­fuhr er, wenn es sich baritm handelte, die St:ftüngska,se für einen Tag auf ihren buchmäßigen Bestand zu bringen. Daß er dem liebenswürdigen Freunde für jede derartige Gefälligkeit" eine beträchtliche Summe zahlen mußte, war bei der keineswegs ganz ungefährlichen Natur dreser regel-i mäßig wiederkehrenden Manipulationen bemahe selbstver-, stündlich. Die Entdeckung aber wurde dadurch immer, aufs neue hinausgeschoben, Lindemann erntete vielmehr jeees- mal die wärmsten Lobsprüche sür seine geradezu musterhafte

^llerbings würde auch dies geschickte Manöver nicht im stände gewesen fein, die Gefahr einer Entlarvung vpK