j(ritte falsche Spur zu leiten und sich währenddem in Sicherheit zu bringen. Und nun, Herr Forstmeister, bitte ich Sie, Mir zu folgen."
In diesem Augenblick klopfte es an die Thür. Auf Ws Herein des Hausherrn erschien das Stubenmädchen mit deiner Empfehlung der Frau Forstmerster und sie lasse die Herren bitten, den Thee bei ihr einzunehmem
Held lehnte Wirkend und entschuldigend ab, er sei genötigt, sofort nach der Stadt zurückzukehren.
„Auch ich bitte meine Frau, mich zu entschuldigen", lieh Werner sagen, „ich würde den Herrn Amtsrichter in fcirtei unaufschiebbaren Sache zur Stadt begleiten und — wenn ich heute übend nicht zurückkehren sollte, möchten die Kamen sich nicht ängstigen, es könnte sein, daß ich die Nacht in der Stadt bleiben würde, sie möchten nur das Haus zu- schliehen lassen und sich niederlegen.
Es durchschauerte Held sonderbar, als er Werner diese letztere Anweisung mit kalter Stimme geben hörte; er hatte sich sofort bei Werners Bestellung nach dem Fenster begeben Und schaute da so angelegentlich hinaus^ als wären da wunder welche interessanten Vorgänge zu sehen. Als sich dann die Thür wieder hinter dem Mädchen geschlossen, trat er wieder zurück. „Wäre es nicht besser gewesen. Sie hätten Ihre Frau Gemahlin und Fräulein Schwester vorbereitet?"
Hierauf eine Pause, während der es seltsam in dem Gesicht Werners zuckte, dann mit bebender Stimme die Erwiderung : „Ich kann nicht — kann ihnen nicht selbst meine r— Schande mitteilen."
„Welche schwere Auffassung!" sagte Held. Weiter wußte -auch er nichts hinzuzufügen.
(Fortsetzung folgt.)
Aus dem Sonnenlnifgaiigs-Lande.
Von Will). F, Brand.
Nachdruck verboten.
' Hl-
Leute nnt drei Religionen. — Kioto. — Tempel- — Tem- pelthorhüter. — Ein Götterdienst. — Kunstgewerbe. — Der Biwa-See. — Die Stromschnellen des Katsura-gawa. — Nokohama. — Die deutschen Klubs des Ostens. — Nationale Feste. — Ein Hotel-Orchester.
Die meisten Japaner gehören nicht einer, sondern zwei vder drei Religionen an und sind doch oder eben deshalb jdas religionsloseste Volk der Welt. Die älteste, die nationale Religion ist die schintoistische, deren Lehren im wesentlichen darauf Hinauslaufen: „Folge der Stimme Deines Gewissens und halte des Mikado Gebote!" Und da dieser Religion zufolge der Mikado von Göttern abstammt, so kann es uns nicht gerade wunder nehmen. Daß dieselbe neuerdings von oben herab wieder in den Vordergrund gedrängt worden ist, und die eigentliche Staatsreligion ausmacht. Sie ist aber äußerst tolerant Und hat so im Laufe der Zeit nicht nur die von China und Korea herübergebrachten cvnfucianischen Lehren zum Mten Teil in sich ausgenommen, die im wesentlichen in einer Eltern- und Vvrfahren-Verehrnng bestehen, sondern duch die umfassenderen buddhistischen Lehren, über die ich mich in meinein Buche „Reise um die Welt" (Verlag von B. Elischer Nachfolg., Preis 4 Mk.) in dem Bericht von der Disputation mit meinem Freunde, dem Priester Sila- Uanda, im Tempel zu Kandy auf der Insel Ceylon eingehender ausgesprochen habe.
So giebt es denn eine Menge Tempel in Japan, nirgends indessen wohl eine größere Zahl dieser Andachts- Wtten als in der vormaligen Hauptstadt Kioto. Auch sie fit sehr hübsch gelegen. So !oft wir aber irgendwo an ieinem besonders schönen Plätzchen vorüberkommen, können wir sicher sein, daß uns auch ein Tempelthor entgegenstarrt, ein frei dastehender, offener Thorbogen mit der schwungvollen, kühn gewölbten, mächtigen Ueberdachung. Verraten diese Bauten auch keinen hochentwickelten Stil, 1° srnd sie in ihrer bescheidenen Art doch auch wieder kunstvoll und jedenfalls freundlich und einladend.
Dasselbe gilt von den in gewisser Entfernung da- strnter liegenden, gewöhnlich mit einem schattigen Hain umgeb enerr Tempeln selbst, welcher Religion sie auch zu- gehoren mögen. Doch sind die Thore vielfach achtung- gebretender, Äs die eigentlichen Andachtsstätten. ' In blesen giebt es dann häufig Rieseuabbildnngen, umfang-
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reiche Räucherbecken, alles ans Holz, dder edlen Metallen, mehr oder weniger Kunstsinn verratend, öfter aber ist alles von uranfänglichster Darstellung.
In einem Punkte ähneln sich aber alle Tempel in besonderem Grade. Tas sind die beiden Schreckgestalten, die, an jedem Tempeleingang hinter einem Gitter aufgestellt, als Thürhüter dienen. Thürhüter — in Käfigen. Diese Figuren find sich auch darin durchweg so ähnlich, daß sie neben dem Furcht und Schrecken einjagenden Ausdruck auch wieder eine gewisse Gutherzigkeit an den Tag legen sollen. Wenn wir uns getrauen, die Schauergestalten genauer zu beobachten, so werden sie uns in der That mehr an alte polternde Haudegen erinnern, die gern wettern und fluchen und auch wohl dreinschlagen, im Grunde genommen aber kreuzbrave Kerle sind. Denn diesen närrischen Käuzen liegt eine zwiefache Aufgabe ob: sie sollen die bösen Geister schrecken, die andachtbegierigen Menschen aber freundlich ermutigend willkommen heißen.
Hoffen wir, daß sie der an sie gestellten ersteren Anforderung gerecht werden! Indessen das Schreckhafte ist doch bei ihnen so vorherrschend, daß dies vielleicht ein Grund ist, warum so wenige Menschen an ihnen vorüberzugehen sich erdreisten. Wie viel Dutzende von Tempeln hatte ich bereits besichtigt, und wie selten irgendwelche Andacht, irgendwelche religiöse Zeremonie beobachten können! Sonntage in unserem Sinne giebt es Hier nicht, und Feiertage auch nicht gar viele. Jeder Tempel, der meistens einer besonderen Gottheit gewidmet ist, hat auch seine besonderen Feiertage. Nachdem ich dann nicht ohne Mühe einen Tempel! ausfindig gemacht, der gerade seinen Feiertag hatte, begabt ich mich eines Tages ober vielmehr Abends an Ort und Stelle, um der Andacht beizuwohnen; denn diese „Andacht" schien das Tageslicht zu scheuen.
Es war kein hervorragender Tempel. Größere Götterhäuser veranstalten den Göttern auch größere Feste. Aber was ich hier zu sehen bekam, bot jedenfalls den Vorteil, für eine normale Andacht gelten zu können. Vor dem Tempel hingen zwei Papierlaternen, ganz von der einfachen Art, wie sie Japan — das Stück zu 10 Pfg. — auch uns so reichlich zusendet. Im Innern brannten noch zwei oder drei Lichter. Das war alles, was die Priester zu dieser götterdienstlichen Zeremonie beitrugen. Freilich bei der malerischen Lage des von gewaltigen Kampferbäumen umgebenen Tempels an sich mochte diese matte Beleuchtung inmitten der ringsum herrschenden Dunkelheit auf das einfache Gemüt eine besondere Wirkung ausüben. Jedenfalls blickten die Götzenfratzen — und nun gar erst die alten Haudegen am Eingang — unheimlicher drein als je.
Tann und wann nahten einige Gläubige einzeln oder zu Zweien. Sie traten nur bis an den Eingang des Heiligtums. Hier hing ein langes Seil, das mit einer Glocke in Verbindung stand. Wer seine Andacht verrichten will, ergreift es. Ein kräftiger Ruck, die Glocke ertönt. Dadurch soll die Aufmerksamkeit der Götter erregt werden. Nun fliegt eine kleine Kupfermünze in die backtrogartige Sparbüchse der Priester, welche vor dem Tempel aufgestellt ist. Ter Gläubige hebt die Arme empor. Er klatscht rasch noch! einmal in die Hände, als wollte er sagen: „Passest Tn auch auf! Ich bims!" — Dann hebt er abermals die Hände in die Höhe, legt sie mit der flachen Seite gegeneinander, neigt nun demütig das Haupt rind spricht ein stilles Gebet, vermutlich das allgemein übliche: „Langes Leben, Glück und Reichtum verleihe mir," Das Ganze hat kaum eine Minute gedauert. Die Andacht ist verrichtet. Ter Gläubige dreht sich wieder um und wandert getrost weiter.
Tie Glocke bimmelte in geringen Zwischenräumen weiter,! bald bescheiden und zaghaft; gewöhnlich aber wurde sie! mit einer Heftigkeit gezogen, als sei man besorgt, daß drinnen jemand eingeschlafen. Das Händeklatschen erschallte in die Nacht hinaus. Die Kupfermünzen rasselten in die allmächtige Kiste, und die hohen Kampferbäume schüttelten seltsam das Haupt.
Wie manche ter Tempel wirkliche Kunstwerke aufweisen, so blühen auch die alten Kunstgewerbe des alten Japan ! gerade in der einstmaligen Residenz des Mikado in besonderem Grade, und so nehmen auch zumal die Geschäfte der verführerischen Bronee- und Lackarbeiten, der Seidenstickereien und vor allem des herrlichen Sathuma- Porzellans dem Reisenden gewöhnliche einen erklecklichen Teil seiner Barschaft ab.


