Ausgabe 
14.7.1901
 
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Vernichtend, wie Tolchstöße durchbohrten diese einfachen Worte mein Herz. Wie eine Binde fiel es mir von den Augen: ein Thor war ich gewesen, ein blinder, eitler Thor! Ich sah nicht, wie sie langsam das Zimmer verließ, ich hörte nur das eine: ihn liebe ich heute und in alle Ewig­keit! Und wieder sah ich die düsterglühenden Augen, das verzerrte Gesicht des jungen Mannes, von dem ich sie ge­trennt hatte ich, dem sie doch nie und nimmer ange­hören würde.

Doch nicht lange dauerte dieser qualvolle Zustand: wie eine Eingebung von oben stand es klar vor meiner Seele, was ich zu tyuu hatte'. Tarin sollte er recht behalten, der treue, schlichte Mann: nur ein braver Mensch kann eine Gun- Hilda lieben!

Mit dem Entschluß, Sigurd aufzusuchen, ihm rückhalt­los das Ganze zu bekennen, begann auch die Betäubung zu weichen, die mich noch immer an derselben Stelle gefesselt hatte. Tas brennende Weh im Herzen wollte zwar nicht weichen, .und ich fühlte, daß meine alte Sorglosigkeit auf immer verschwunden war, allein der Gedanke, daß noch eine Pflicht zu erfüllen sei, ehe ich die Insel verließ, stärkte mich wunderbar, und erweckte aufs neue Energie und Willenskraft.

Ich suchte Frau Hall auf in dem Gedanken, sie könnte am besten ein Gespräch mit ihrem Sohne vermitteln. Wer schildert aber mein Entsetzen, als sie mir auf die Frage nach Sigurd stumm folgendes Schreiben hinhielt:

Liebe Mutter!

Verzeih mir, was ich Dir jetzt anthue, und bitte cmd)' den Vater, zu verzeihen, daß ich wider seinen Willen handele. Gott sei mein Zeuge, wie schwer es mir wird, Euch zu verlassen! Ich kann und darf aber nicht hier bleiben. Es treibt mich fort, und ich vermag nicht zu sagen, wann ich Wiederkehre. Ein Seemann will ich werden noch heute gehe ich! an Bord unseres neuen Schiffes; in England hoffe ich mich zu verdingen.

Tein treuer Sohn

Sigurd Hall."

Verzweifelt rang die Frau die Hände.Noch habe ich seinem Vater nichts gesagt", jammerte sie.Jähzornig wie er ist, würde er sofort dem Sohne nachreisen, und niemand kann wissen, wie die Zusammenkunft ablaufen! würde. Auch Sigurd ist heftig und vermag nicht, die Ruhe zu wahren, wenn ihn der Vater mit Vorwürfen be­stürmt, und schwer genug ist's mir oft geworden, zwischen beiden Frieden zu stiften."

Tann bewahren Sie vorläufig das Geheimnis", sagte ich, in meinem guten Vorsatz noch mehr durch mein Mit­leid mit der zarten, einsamen Frau bestärkt.Verlieren Sie nicht die Hoffnung ich suche Ihren Sohn auf und vermag ein Mensch ihn noch zu erreichen, so werde ich es thun denn der Frieden meines Gewissens hängt davon ab!"

Sie nickte und sah mich verständnisvoll an mit den klaren, seelenvollen Augen.

Noch eine Frage, verzeihen Sie die Aufrichtigkeit einer alten Frau, welche in der Jugendzeit Ihre Mutter Freundin nannte", sagte sie hastig, als ich mich; anschickte, davonzu­eilen.Sie haben Gunhilda gesprochen Sie waren jetzt bei ihr ohne Umschweife, sind Sie mit ihr verlobt?"

^Nein", sagte ich und summte mit erzwungener Heiter­keit das alte Lied ,Des Seemanns Braut die Welle liebt' ich brach indes jäh ab, und wieder hatte ich ein Gefühl, als müßte ich ersticken.

Ta legte die blasse Frau beide Hände auf mein Haupt, und ich, der ich so lange eine Mutter entbehrt hatte, ich, neigte mich tief vor ihr wie ein Sohn. Sanft drückte sie einen Kuß ans meine Stirn und sagte leise:Gehen Sie mit Gott! Ter Segen einer Mutter begleitet Sie, und ist auch jetzt Ihr Herz schwer, der Himmel trüb und schwarz glauben Sie mir, auch dies geht vorüber, und die Sonne bricht wieder mit neuem Glanz durch die Wolken!"

Ein frischer Nordostwind blähte die Segel des Bootes, in welchem ich, von dem alten Rasmus begleitet, aus der Bucht hinaussteuerte. Ich war fieberhaft erregt, und mir war, als könnte ich nie wieder einem ehrlichen Menschen in die Pugen schauen, wenn es mir nicht gelänge, den Eltern ihren Sohn, der Geliebten ihren Bräutigam wieder­

zubringen. Ze kräftiger aber der Wind die Segel schwellte, je schneller wir dahinflogen, desto mehr stieg meine Spannung: würden wir noch das Schiff erreichen, oder hatte auch Sigurd die günstige Brise benutzt, um noch! vor der festgesetzten Zeit die Anker zu lichten?"

Keine Angst, Herr", meinte zwar Rasmus, dem ich meine Besorgnis anvertraute.Heute abend soll die Brigg abfahren heute abend fährt sie ab. An Bord muß jeder Ordre parieren und sich nach der getroffenen Verabredung richten und wäre es der Großtürke selbst!"

Ich schwieg und lugte scharf in die Ferne; draußen, wo der Fjord ins offene Meer mündete, lag das Schiff, und erwartete eine letzte Ordre vom Rheder. Ein Ausruf des Fischers:Dort, dort" und richtig, da wiegte sich ein schlankes Fahrzeug auf den krausen Wellen.

Gott sei gelobt!" rief ick mit solcher Inbrunst, daß der fromme Seemann den Kopf neigte und hinzufügte:In alle Ewigkeit, Amen!"

Bald waren wir so nahe, daß wir den wachthabenden Matrosen anrufen konnten, bald stiegen wir an Bord.

(Schluß folgt.)

Saunen des Blitzes.

Von B. Ohrenberg.

(Nachdruck verboten.)

Seitdem die Wetterkunde zur Wissenschaft erhoben wurde, haben die Meteorologen beobachtet, daß während der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Blitzgefahr stetig zu­genommen hat.

Es ergaben z. B. die von dem Leiter der preußischen Staatsanstalt für Wetterkunde, Professor von Bezold, ange­stellten Untersuchungen die Thatsache, daß die Blitzgefahr, vom Jahre 1833 bis 1897, auf das Sechsfache gestiegen ist, und daß die Gewitter nicht nur an Häufigkeit, sondern auch an Heftigkeit zugenommen haben.

Wenn es sich in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ereignete, daß Feldarbeiter, Forstbeamte oder Touristen im Freien vom Blitze getötet wurden, so hatten die Betroffenen in den allermeisten Fällen die Unvor­sichtigkeit begangen, unter hohen, vereinzelt stehenden Bäumen Schutz zu suchen. Jetzt kommt es nicht gar selten vor, daß durch die Entladungen nur eines starken Ge­witters, auf freiem Felde mehrere Menschen und Zugtiere getötet werben. Tiefe, im Vergleich zu früherer Zeit, er­höhte Gefahr ist zum Teil dadurch heraufbeschworen worden, daß mit der nachhaltigeren Feldkultur der Brauch immer allgemeiner iwurde, alle einzeln stehenden Bäume und kleinen Gehölze, die früher so häufig zwischen den bebauten Ackerflächen zu finden waren, zu fällen intb auszuroden. Jetzt bildet auf .dem weiten Gelände der Körper des Menschen oder des Zugtiers den höchsten Ableitungspunkt für den Ausgleich .der verschiedenen Elektrizität der Erd­oberfläche und der Wolken, und aus demselben Grunde ereignet es sich immer häufiger, daß während der Ernte­zeit der Plitz in die, zu Hocken aufgefchichteten Garben schlügt und zündet.

Durch die vermehrten Beobachtungen der gewaltigen Naturerscheinungen, die wir Gewitter nennen, ist viel inter­essantes Material über das Entstehen derselben und über das Wesen des Blitzes gesammelt worden; die Meteorologen haben erkannt, daß mit diesem großen Schauspiel doch noch manches Unaufgeklärte verbunden ist!, es sei hier nur an die Erscheinung der Kugelblitze erinnert. Ohne Wahl zuckt der Strahl; wie seltsam bisweilen die Launen des Blitzes sind, soll an mehreren Beispielen nachgewiesen werden.

Nachdem Benjamin Franklin den Blitzableiter erfunden hatte, wurde es nach und nach allgemein Sitte, die Ge­bäude durch eine derartige Anlage vor Blitzgefahr zu schützen; daß aber eine unbedingte Sicherheit nicht damit zu erzielen ist, haben vielfache Beobachtungen ergeben. Auf einem hoch­gelegenen Gutshofe in der Nähe von Görlitz wurde das neuerbaute, mit einem Türmchen gekrönte Wohnhaus mit mehreren Blitzarbeitern versehen; wenige Tage später entlud sich ein heftiges Gewitter, und der erste Blitzstrahl, der in das Gehöft schlug, mied das Türmchen und die Blitz­ableiter, .er fuhr in ein sehr niedriges Wirtschaftsgebäude,